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Die moralische Verwundbarkeit der Märkte

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2008-03-11

LONDON: Es scheint, heute, keine kohärente Alternative zum Kapitalismus zu geben, doch sind die marktfeindlichen Gefühle gesund und munter und kommen etwa in der moralistischen Gegenreaktion auf die Globalisierung zum Ausdruck. Da ohne moralische Grundlage kein gesellschaftliches System lange überleben kann, drängen die von den Globalisierungsgegnern aufgeworfenen Probleme – umso mehr angesichts der derzeitigen Wirtschaftskrise.

Es ist schwer, dem Markt einen gewissen moralischen Wert abzusprechen. Schließlich verknüpfen wir mit Prozessen wie mit Resultaten moralische Bedeutung, was etwa in der Wendung zum Ausdruck kommt, „der Zweck heilige nicht die Mittel“. Es ist moralisch besser, Waren durch freie Arbeiter liefern zu lassen als durch Sklaven und Waren selbst auszuwählen, statt sie sich vom Staat vorschreiben zu lassen. Die Tatsache, dass Marktsysteme effizienter sind bei der Schaffung von Wohlstand und der Befriedigung von Bedürfnissen als jedes andere System, ist ein zusätzlicher Bonus.

Die moralische Kritik gegenüber dem Markt konzentriert sich auf seine Tendenz, einen moralisch unzulänglichen Charaktertypus zu bevorzugen, unangenehme Motive zu privilegieren und unerwünschte Ergebnisse zu fördern. Außerdem mangele es dem Kapitalismus an einem Gerechtigkeitsprinzip.

Betrachten wir zunächst das Charakterargument. Es wird häufig behauptet, der Kapitalismus belohne Eigenschaften wie Selbstbeherrschung, harte Arbeit, Erfindungsgabe, Sparsamkeit und Besonnenheit. Andererseits verdrängt er Tugenden, die keinen wirtschaftlichen Nutzen haben, wie Heldentum, Ehre, Großzügigkeit und Mitleid. (Heldentum überlebt teilweise in der romanisierten Vorstellung vom „heroischen Unternehmer“.)

Das Problem ist nicht allein die moralische Unzulänglichkeit der wirtschaftlichen Tugenden, sondern ihr Verschwinden. Harte Arbeit und Erfindungsgabe werden noch immer belohnt, doch Selbstbeherrschung, Sparsamkeit und Besonnenheit begannen mit Sicherheit mit der ersten Kreditkarte, sich in Luft aufzulösen. In den westlichen Überflussgesellschaften nehmen alle Kredite auf, um so viel wie möglich zu konsumieren. Amerika und Großbritannien ertrinken in Schulden.

Adam Smith schrieb einst: „Der Konsum ist der einzige Sinn und Zweck der Produktion.“ Aber Konsum ist kein ethisches Ziel. Es ist nicht eindeutig gut, statt eines Autos fünf zu besitzen. Man muss konsumieren, um zu leben, und mehr konsumieren als streng genommen erforderlich, um gut zu leben. Dies ist die ethische Begründung für wirtschaftliche Entwicklung. Vom ethischen Standpunkt ist Konsum ein Mittel zum Gutsein, und das Marktsystem ist der effizienteste Motor, um Menschen aus der Armut zu erheben: Es tut dies gerade mit erstaunlichem Tempo in China und Indien.

Dies jedoch sagt uns nicht, welches der Wendepunkt ist, von dem an der Konsum uns ein schlechtes Leben beschert. Wenn die Menschen mehr Pornografie oder mehr Drogen wollen, so erlaubt ihnen der Markt deren Konsum bis zum Punkt der Selbstzerstörung. Er erzeugt ein Überangebot an einigen Gütern, die moralisch schädlich sind, und ein Unterangebot an Gütern, die moralisch nützlich sind. Um Lebensqualität zu bekommen, müssen wir uns auf die Moral verlassen, nicht die Märkte.

Zweifellos ist es unfair, den Markt für schlechte moralische Entscheidungen verantwortlich zu machen. Die Menschen können schließlich selbst entscheiden, wann sie mit dem Konsumieren aufhören oder was sie konsumieren wollen. Aber das Marktsystem beruht auf einem besonderen Handlungsmotiv – Keynes nannte es die „Liebe zum Geld“ – das die traditionale moralische Lehre tendenziell untergräbt. Das Paradoxon des Kapitalismus ist, dass er Habsucht, Gier und Neid zu Tugenden erhebt.

Man sagt, dass der Kapitalismus Bedürfnisse entdeckt, die den Menschen vorher nicht bewusst waren, und so die Menschheit voranbringt. Korrekter wäre es, zu sagen, dass die Marktwirtschaft durch Stimulierung von Gier und Neid mittels der Werbung aufrecht erhalten wird. In einer Welt allgegenwärtiger Werbung gibt es keine natürliche Grenze für den Hunger nach Gütern und Dienstleistungen.

Das abschließende moralische Problem ist das Fehlen eines Gerechtigkeitsprinzips im Kapitalismus. In einen Markt mit perfektem Wettbewerb und vollständigen Informationen zeigen Marktmodelle, dass alle Produktionsfaktoren eine ihren Grenzprodukten entsprechende Belohnung erfahren, d.h., alle werden entsprechend ihrem Wert bezahlt. Die Anforderungen uneingeschränkten Wettbewerbs und uneingeschränkter Informationen gewährleisten, dass Verträge ohne Zwang abgeschlossen werden (es gibt keine Monopolmacht) und dass sämtliche Erwartungen erfüllt werden, d.h., die Menschen bekommen, was sie wollen. Verteilungsgerechtigkeit wird – so die Vorstellung – durch Tauschgerechtigkeit sichergestellt.

Doch kein tatsächlich bestehendes kapitalistisches Marksystem sorgt spontan für Tauschgerechtigkeit. Es gibt immer irgendeine Monopolmacht; Insider haben mehr Informationen als Outsider; überall gibt es Unwissenheit und Unsicherheit, und die Erwartungen werden häufig enttäuscht. Tauschgerechtigkeit muss von außerhalb des Marktes kommen.

Darüber hinaus umfassen die Voraussetzungen, die Menschen auf den Markt mitbringen, nicht allein ihre eigenen, immanenten Qualitäten, sondern auch ihre jeweiligen Ausgangspositionen, die radikal ungleich sind. Dies ist der Grund, warum die liberale Gerechtigkeitstheorie zumindest Chancengleichheit verlangt: den Versuch – soweit er mit der persönlichen Freiheit vereinbar ist –, all jene Unterschiede bei den Lebenschancen auszugleichen, die sich aus der Ungleichheit der Ausgangspunkte ergeben. Infolgedessen verlassen wir uns darauf, dass der Staat soziale Güter wie Bildung, Wohnungen und Krankenfürsorge zur Verfügung stellt.

Und schließlich: Die Behauptung, dass – unter idealen Bedingungen – jedem das bezahlt wird, was er wert ist, ist eine wirtschaftliche und keine moralische Bewertung. Sie stimmt nicht mit unserer moralischen Intuition überein, dass kein Vorstandsvorsitzender ein 500 Mal höheres Gehalt bekommen sollte als seine Arbeiter, oder mit unserem Glauben, dass, falls jemandes marktgängiges Gehalt zu niedrig ist, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, man ihn nicht verhungern lassen darf. Je reicher unsere Gesellschaften geworden sind, desto stärker glauben wir daran, dass jeder Anspruch auf einen Mindeststandard hat – sei es bei der Arbeit, im Krankheitsfall oder bei Arbeitslosigkeit –, der ihm weiter ein gewisses Maß an Komfort und Wohlbefinden ermöglicht. Das Marktsystem garantiert dies nicht.

Auch wenn der Markt heute keine ernsten Herausforderer hat, ist er moralisch verwundbar. Er ist in gefährlicher Weise vom wirtschaftlichen Erfolg abhängig geworden, sodass jede Art von größerem wirtschaftlichen Zusammenbruch die Oberflächlichkeit seiner moralischen Ansprüche aufdecken wird. Die Lösung besteht nicht darin, die Märkte abzuschaffen, sondern ihnen zu neuerlicher Moral zu verhelfen. Am einfachsten wäre dies durch Beschränkung der Werbung. Dies würde die Rolle von Gier und Neid im Betrieb der Märkte zurückschneiden und anderen Motiven Raum schaffen.

Robert Skidelsky ist Mitglied des britischen Oberhauses, Professor emeritus für Nationalökonomie an der Warwick University, Verfasser einer preisgekrönten Biografie über den Ökonomen John Maynard Keynes und sitzt im Verwaltungsrat der Moscow School of Political Studies.

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