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Anatomie des Thatcherismus

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2009-05-19

London – In diesem Monat jährt sich die Machtübernahme Margaret Thatchers zum dreißigsten Mal. Obwohl durch verschiedene spezifisch britische Umstände verursacht, wurde die Thatcher-Revolution – oder besser: die Thatcher-Reagan-Revolution – sofort zu einer erkennbaren globalen Marke. Die Ideen, die sich damit verbanden, standen hinter einer Politik, die die Märkte von der Einmischung durch den Staat befreien sollten. Drei Jahrzehnte später ist die Welt in einer Rezession, und viele machen genau diese Ideen dafür verantwortlich.

Und tatsächlich geht man auch jenseits der politischen Linken davon aus, dass die anglo-amerikanische Version des Kapitalismus gescheitert ist. Sie wird für den fast vollständigen Kollaps der Finanzmärkte verantwortlich gemacht. Aber mit einem Abstand von 30 Jahren wissen wir, welche Elemente der Thatcher-Revolution bewahrt bleiben und welche im Licht des heutigen Wirtschaftsabschwungs abgeändert werden sollten.

Die Ansicht, die am offensichtlichsten berichtigt werden muss, ist die, dass minimal gesteuerte und regulierte Märkte sowohl stabiler als auch dynamischer sind als die, die stark vom Staat reguliert werden. Die Annahme des Thatcherismus war, in anderen Worten, dass staatliches Versagen weitaus bedrohlicher ist als Marktversagen.

Das hat so noch nie gestimmt. Es ist erwiesen, dass der Zeitraum zwischen 1950 und 1973, als die Märkte stärker staatlich kontrolliert wurden als jemals zuvor in Friedenszeiten, einen einzigartigen wirtschaftlichen Erfolg brachte - ohne globale Rezessionen und mit höherem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts und des Pro-Kopf-Bruttoninlandsproduktes, als in jedem vergleichbaren Zeitraum vorher oder nachher.

Man könnte natürlich einwenden, dass die Wirtschaftsleistung mit weniger staatlicher Intervention sogar noch besser gewesen wäre. Aber perfekte Märkte gibt es genausowenig wie perfekte Regierungen. Wir können lediglich Dinge vergleichen, die zu unterschiedlichen Zeiten geschehen sind. Und diese Vergleiche zeigen, dass sich Märkte mit Staat besser entwickelt haben als Märkte ohne Staat.

Aber in den 70er Jahren, vor Thatcher, befand sich die Politik der Wirtschaft in der Krise. Das berühmteste Symptom dafür war die „Stagflation“: der gleichzeitige Anstieg von Inflation und Arbeitslosigkeit. Das System der Wirtschaftssteuerung nach John Maynard Keynes war in eine Schieflage geraten.

Hinzu kam, dass die Staatsausgaben ständig stiegen, die Gewerkschaften immer militanter wurden, politische Maßnahmen zur Kontrolle der Löhne immer wieder scheiterten und Gewinnerwartungen sanken. Vielen schien es, als sei der Staat mit den Kompetenzen, die ihm zustanden, zu weit gegangen und dass er nun entweder weiter reichende Kompetenzen erhalten oder sich zurückziehen müsse. Der Thatcherismus schien die plausibelste Alternative zum staatlichen Sozialismus.

Nigel Lawson war Thatchers zweiter Finanzminister. Aus den Bemühungen der Regierung, gegen die Inflation vorzugehen, entstand die „Lawson-Doktrin“, die erstmals 1984 formuliert wurde und seitdem von Regierungen und Zentralbanken allgemein anerkannt ist. „Ziel der makroökonomischen Politik,“ so Lawson, „sollte es sein, die Inflation zu bezwingen. Und Ziel der mikroökonomischen Politik sollte es sein, die Bedingungen für Wachstum und Beschäftigung zu schaffen.“

Dieser Ansatz stellte das bisher gültige keynesianische Dogma in Frage, das Ziel der makroökonomischen Politik solle die Vollbeschäftigung sein, wobei die Kontrolle der Inflation der Lohnpolitik überlassen bleibe. Aber trotz aller angebotsorientierten Reformen, die von den Regierungen Thatchers eingeleitet wurden, war die Arbeitslosigkeit seit 1980 viel höher als in den 50er und 60er Jahren – im Durchschnitt 7,4 Prozent im Vereinigten Königreich, verglichen mit 1,6 Prozent in früheren Dekaden.

Und wie sieht es aus mit der Inflationssteuerung? Auch hier ergibt sich seit 1980 kein einheitliches Bild, trotz des enormen Deflationsdrucks durch die Niedriglohn-Konkurrenz aus Asien. Zwischen 1950 und 1973 sowie 1980 und 2007 lag die Inflationsrate relativ konstant bei etwas über 3 Prozent, während die Inflationssteuerung die sukzessiven Kapitalblasen nicht verhindern konnte, die jeweils in Rezessionen mündeten.

Die Thatcher-Politik war auch in einem ihrer Hauptziele nicht erfolgreich: der Senkung des Anteils der Staatsausgaben am Volkseinkommen. Man könnte höchstens sagen, sie hat einen weiteren Anstieg für einige Jahre aufgehalten. Jetzt steigen die Staatsausgaben wieder, und es werden auf Jahre hinaus Rekorddefizite für Friedenszeiten von 10 Prozent oder mehr des Bruttoinlandproduktes erwartet.

Durch die weltweite Deregulierung der Finanzmärkte hat die Thatcher-Reagan-Revolution der Korruption des Geldes den Weg bereitet, ohne den Wohlstand zu mehren – außer für die sehr Reichen. Der durchschnittliche Weltbürger wäre 20 Prozent reicher, wäre das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt zwischen 1980 und 2007 genauso gewachsen wie zwischen 1950 und 1973 – und das trotz der hohen Wachstumsraten Chinas in den vergangenen 20 Jahren. Darüber hinaus haben die Anhänger des Thatcherismus, obwohl selbst höchst moralisch, die Macht des Geldes von der Kette gelassen und so zum moralischen Verfall des Westens beigetragen.

Gegen diese mächtigen Minuspunkte sind drei Pluspunkte anzuführen. Der erste ist die Privatisierung. Der Thatcherismus hat die meisten staatlichen Unternehmen wieder in Privateigentum überführt und damit dem staatlichen Sozialismus ein Ende bereitet. Am meisten Einfluss hatte das britische Privatisierungsprogramm in den ehemaligen kommunistischen Staaten, denen es als Blaupause diente, um Ideen und Techniken für die Demontage höchst ineffizienter Planwirtschaftssysteme zu entwickeln. Diese Leistung darf angesichts der aktuellen Rufe nach der „Nationalisierung“ von Banken nicht in Vergessenheit geraten.

Der zweite Erfolg des Thatcherismus war es, die Gewerkschaften wachzurütteln. Einst entstanden, um die Schwachen gegen die Starken zu schützen, waren sie in den 70er Jahren zu Gegnern des wirtschaftlichen Fortschritts geworden, zu einer massiven Mauer des Sozialkonservatismus. Es war richtig, außerhalb dieser festgefahrenen Strukturen Raum für das Entstehen einer neuen Wirtschaft zu schaffen.

Schließlich hat der Thatcherismus die Politik der Preis- und Lohnfestlegungen durch zentrale Anordnung und durch Dreierabsprachen zwischen Staat, Arbeitgebern und Gewerkschaften zunichte gemacht. Dies sind Methoden des Faschismus und Kommunismus und sie hätten letztendlich nicht nur die Wirtschaft zerstört, sondern auch die Politik und die Freiheit.

Politische Pendel schwingen oft zu weit aus. Beim Wiederaufbau der darnieder liegenden Wirtschaft nach dem Thatcherismus sollten wir vorsichtig sein, nicht die gescheiterte Politik der Vergangenheit wieder neu zu beleben. Für mich hat die Unterscheidung von Keynes zwischen der Agenda der Privatperson und der des Staates noch immer Gültigkeit. Solange die zentrale Regierung die Verantwortung für eine hohe und stabile Beschäftigungsrate übernimmt, so dachte Keynes, kann der Rest des wirtschaftlichen Lebens von staatlicher Einmischung frei gehalten werden. Die Festlegung, wo genau die Tennlinie zwischen staatlicher und marktwirtschaftlicher Verantwortung liegt, ist aus dieser Perspektive heraus heute die wichtigste Aufgabe.

Robert Skidelsky ist Mitglied des britischen Oberhauses, Professor emeritus für Nationalökonomie an der Warwick University, Verfasser einer preisgekrönten Biografie über den Ökonomen John Maynard Keynes und Mitglied des Verwaltungsrates der Moscow School of Political Studies.

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