Robert Skidelsky
Die Irrealität „realer“ Konjunkturzyklen
Robert Skidelsky
LONDON – Im Zuge einer Aussage vor einem amerikanischen Kongressausschuss erklärte der ehemalige Chef der US-Notenbank Federal Reserve, Alan Greenspan, jüngst, dass die aktuelle Kernschmelze des Finanzsystems seine „intellektuelle Struktur“ zerschmettert hätte. Ich wüsste zu gerne, was er damit meinte.
Da ich keine Gelegenheit habe, ihn zu fragen, muss ich mich auf der Suche nach Hinweisen auf seine Memoiren Mein Leben für die Wirtschaft verlassen. Dieses Buch wurde allerdings im Jahr 2007 veröffentlicht – also vermutlich bevor seine intellektuelle Struktur in Brüche ging.
In seinen Memoiren enthüllt Greenspan, dass sein Lieblingsökonom Joseph Schumpeter sei, der Erfinder des Konzepts der „schöpferischen Zerstörung“. Greenspans Zusammenfassung der Lehre Schumpeters liest sich folgendermaßen: „Eine Marktwirtschaft belebt sich selbst von innen heraus ständig neu, indem sie alte und schwächelnde Branchen aussortiert und die Ressourcen auf neuere, produktivere Bereiche umverteilt.“ Greenspan hat „diese Muster von Innovation und Veraltung wieder und wieder ” beobachtet.
Schumpeter sagte, dass der Kapitalismus die Existenzbedingungen für den Menschen durch einen „ewigen Sturm der schöpferischen Zerstörung” verbessere. Dieses Phänomen verglich er mit dem Darwinschen Prozess der natürlichen Auslese, der das Überleben der Tauglichsten sicherstellt. Greenspan formuliert, dass der schöpferischen Zerstörung durch Gesetze des New Deal von Franklin Roosevelt die „Schärfe“ genommen wurde, aber Amerika nach einer Welle der Deregulierung in den 1970er Jahren den Großteil seiner unternehmerischen und risikobereiten Grundhaltung wieder erlangte. Greenspan merkt an, dass der Dot-Com-Boom in den 1990er Jahren „Schumpeters Vorstellung von der kreativen Zerstörung größere Verbreitung verschaffte.“
Das schreibt der gleiche Greenspan, der im Jahr 1996 vor „irrationalem Überschwang“ warnte und dann als Chef der Fed nichts tat, um diese Entwicklung zu kontrollieren. Sowohl seine Formulierung als auch seine Untätigkeit ergeben im Licht seines (mittlerweile zerschmetterten) intellektuellen Systems einen Sinn.
Ein fortwährender Sturm der schöpferischen Zerstörung ist nur im Zusammenhang mit Boom-Bust-Zyklen vorstellbar. Die frühen Konjunkturtheoretiker wussten das. (Schumpeter selbst schrieb 1939 ein dickes, über weite Strecken unlesbares Buch unter dem Titel „Konjunkturzyklen“).
In der klassischen Konjunkturtheorie wird ein Boom durch eine Reihe von Erfindungen ausgelöst – elektrische Webstühle und Spinnmaschinen mit mehreren Spindeln im 18. Jahrhundert, die Eisenbahn im 19. Jahrhundert und das Auto im 20. Jahrhundert. Aber Wettbewerbszwänge und die lange Ausreifungszeit von Anlageinvestitionen vervielfachen den Optimismus und führen dazu, dass mehr investiert wird, als eigentlich profitabel ist. Derartige Überinvestitionen enden unvermeidlich im Zusammenbruch.
Die Banken verstärken den Boom, indem sie Kredite leichter verfügbar machen und sie verschärfen die Pleite, indem sie die Kreditvergabe zu abrupt einschränken. Das Vermächtnis bleibt allerdings eine effizientere Kapitalausstattung.
Dennis Robertson, Theoretiker „realer“ Konjunkturzyklen schrieb im frühen 20. Jahrhundert: „Ich bin mir nicht sicher, ob eine Politik, die in ihrem Streben nach Stabilität in den Bereichen Preise, Produktion und Beschäftigung den englischen Eisenbahnboom in den 1840er Jahren oder den amerikanischen Eisenbahnboom zwischen 1869 und 1871 oder den Elektrifzierungsboom in Deutschland in den 1890er Jahren im Keim erstickt hätte, für die betreffenden Völker insgesamt von Vorteil gewesen wäre.“ Ebenso wie sein Zeitgenosse Schumpeter betrachtete Robertson diese Boom-Bust-Zyklen, zu denen sowohl die Schaffung neuen als auch die Vernichtung alten Kapitals gehörten, als untrennbar mit dem Fortschritt verbunden.
Die zeitgenössische Theorie „realer“ Konjunkturzyklen stülpt diesen frühen Modellen einen Berg an Mathematik über, dessen wichtigste Funktion in der Minimierung der „Zerstörungskraft” der „Schöpfung“ besteht. Damit schafft man es, von Technologie getriebene Konjunkturzyklen mit Märkten zu kombinieren, die immer geräumt sind (d.h. es gibt keine Arbeitslosigkeit).
Wie gelingt dieser Trick? Wenn die Reallöhne durch einen positiven technologischen „Schock“ steigen, arbeiten die Menschen mehr, wodurch die Produktion steil ansteigt. Bei einem negativen „Schock“ weiten die Beschäftigten ihre Freizeit aus und die Produktion sinkt.
Dabei handelt es sich um effiziente Reaktionen auf Änderungen der Reallöhne. Eine staatliche Intervention ist nicht nötig. Rettungsaktionen für ineffiziente Autohersteller wie General Motors verlangsamen nur die Geschwindigkeit des Fortschritts. Während die meisten ökonomischen Theorien besagen, dass eine der wichtigsten Verantwortlichkeiten des Staates darin besteht, den Konjunkturzyklus zu glätten, argumentiert man in der Theorie „realer“ Konjunkturzyklen, dass eine Reduktion der Volatilität den Wohlstand senkt!
Es ist schwierig zu erkennen, wie eine derartige Theorie die aktuellen wirtschaftlichen Turbulenzen erklärt oder vernünftige Anleitungen für den Umgang damit bietet. Erstens: Im Gegensatz zum Dot-Com-Boom ist der technologische „Schock“, der den letzten Boom auslöste, schwer zu erkennen. Natürlich war der Aufschwung von Krediten geprägt, die in Hülle und Fülle verfügbar waren. Diese Mittel wurden aber nicht zur Finanzierung neuer Erfindungen verwendet: Die Kredite waren die Erfindung. Man nannte sie verbriefte Hypotheken. Sie hinterließen keine Monumente menschlicher Erfindungskraft, sondern nur Trümmerhaufen finanziellen Ruins.
Zweitens impliziert dieses Modell, dass Staaten angesichts dieser „Schocks“ nichts tun sollen. Tatsächlich argumentieren die Verfechter der Theorie von den „realen“ Konjunkturzyklen“, dass die Erholung von der großen Depression der Jahre 1929 bis 1933 viel rascher vonstatten gegangen wäre, hätte es die fehlgeleiteten Strategien des New Deal unter Roosevelt nicht gegeben.
Auf die aktuelle Situation bezogen würde man sagen, dass die Regierungen auf der ganzen Welt völlig falsch liegen, indem sie ihre größten Banken retten, ineffiziente Unternehmen subventionieren und den rational handelnden Beschäftigten Hindernisse in den Weg legen, mehr Zeit mit ihren Familien zu verbringen oder schlechter bezahlte Jobs anzunehmen. Das erinnert mich an einen Reporter, der zur Zeit der hohen Arbeitslosigkeit in den USA in den 1980er Jahren mit Robert Lucas, einem der Hohepriester der neuen Konjunkturtheorie, zusammentraf.
„Mein Taxichauffeur war ein arbeitsloser Akademiker mit Doktoratsabschluss“, sagte er zu Lucas. „Nun ja“, erwiderte der Nobelpreisträger des Jahres 1995, „ich würde sagen, wenn er ein Taxi chauffiert, ist er ein Taxichauffeur“.
Obwohl Schumpeter die Dynamik eines von Unternehmergeist geprägten Kapitalismus brillant erfasste, erstickten seine modernen „realen“ Nachfolger in ihrem Wahn von „Gleichgewicht“ und „sofortigen Anpassungen“ seine Erkenntnisse. Für Schumpeter hatte der Geist des Kapitalismus sowohl etwas Erhabenes als auch etwas Tragisches. Beide Empfindungen sind Lichtjahre von den hübschen, artigen Theorien seiner mathematisch orientierten Nachfolger entfernt.
Copyright: Project Syndicate, 2009.
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Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier
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