Robert Skidelsky
Moral in Zeiten der finanziellen Kernschmelze
Robert Skidelsky
LONDON – Nach dem Ersten Weltkrieg schrieb der englische Schriftsteller H.G. Wells, dass es ein Wettrennen zwischen Moral und Zerstörung gäbe. Die Menschheit müsste ihrem kriegerischen Tun abschwören, so Wells, andernfalls würde die Technik würde für die Dezimierung der Menschheit sorgen.
Ökonomische Schriften vermittelten allerdings ein völlig anderes Bild. Darin kam der Technik zurecht die Rolle des Königs zu. Prometheus als gütiger Herrscher, der die Früchte des Fortschritts unter den Menschen verteilte. In der Welt der Ökonomen sollte die Moral nicht danach streben, die Technik zu kontrollieren, sondern sich vielmehr deren Ansprüchen anpassen. Nur in diesem Fall könnte Wirtschaftswachstum garantiert und die Armut eliminiert werden. Mit der Vervielfachung der Produktionsmöglichkeiten durch die Technik schwand die traditionelle Moral.
Nachdem alte Überzeugungen verblassten und die Technik immer produktiver wurde, hielten wir an dem Glauben an die heilbringende Kraft der Technik fest. Ein Ergebnis dieser Entwicklung war unser Glauben an den Markt – denn der Markt ist die Hebamme technischer Innovation. Im Namen dieses Glaubens haben wir die Globalisierung vorangetrieben, die größtmögliche Ausdehnung der Marktwirtschaft.
Um der Globalisierung willen werden Gemeinschaften beschädigt, Arbeitsplätze nach Übersee ausgelagert und berufliche Qualifikationen fortwährend modifiziert. Die Apostel der Globalisierung erzählen uns, dass diese allumfassende Beschädigung der meisten Dinge, die dem Leben einen Sinn gaben, notwendig ist, um eine „effiziente Kapitalallokation“ und eine „Reduktion der Transaktionskosten“ zu erreichen. Moralische Positionen, die sich dieser Logik widersetzen, werden als „Fortschrittshindernisse“ gebrandmarkt. Aus dem Schutz – der Pflicht des Starken gegenüber dem Schwachen – werden handelspolitische Schutzmaßnahmen, der Protektionismus - eine böse Sache und Brutstätte von Krieg und Korruption.
Dass die globale Kernschmelze des Finanzsystems eine direkte Folge dieser Anbetung falscher Götter im Westen sei, ist eine Behauptung, die nicht diskutiert und noch weniger bestätigt werden kann. Eine ihrer obersten Gottheiten ist die „Hypothese des effizienten Marktes“ – also der Glaube, dass der Markt zu jedem Zeitpunkt für eine akkurate Preisbildung sorgt und Booms, Konjunktureinbrüche, Überschwang und Panik ausschließt. Die Sprache der Theologie, die diese Kreditkrise womöglich als „Preis für die Sünde“ bezeichnet hätte oder als verdiente Strafe für die ungeheure Ausschweifung, ist unbrauchbar geworden.
Man denke aber daran, auf welche Art das Wort „Schuld“ (die Erbsünde gegenüber Gott mit Satan als dem großen Kredithai) zu „Hebel“ wurde, einer Metapher aus der Welt der Maschinen, die aus dem Gebot, keine „Schuld auf sich zu laden“ praktisch eine Verpflichtung zu „starker Hebelung“ machte. Sich zu verschulden nährt eine zweifache Versuchung, nämlich so schnell wie möglich, zu kriegen was wir wollen und „für nichts etwas“ zu bekommen.
Die Finanzinnovationen haben beide Versuchungen verstärkt. Mathematische Wunderkinder entwickelten neue Finanzinstrumente, die durch ihr Versprechen, den Schulden ihren Stachel zu ziehen, die Barrieren der Vernunft und Selbstbeschränkung niederrissen. Die „Merchants of Debt“ (Schuldenhändler) des großen Ökonomen Hyman Minsky verkauften ihre vergifteten Produkte nicht nur den Gutgläubigen und Unwissenden, sondern auch gierigen Konzernen und vermeintlich cleveren Einzelpersonen.
Das Resultat war die weltweite Explosion des „Ponzi“-Schemas – benannt nach einem berüchtigten italo-amerikanischen Betrüger namens Charles Ponzi – das uns vorgaukelte, derartige Papiere sicherer und wertvoller zu machen als Immobilien. Im Gegensatz dazu wurden die rechtschaffenen Chinesen, die große Teile ihrer Einkommen zur Seite legen, von westlichen Ökonomen dafür gescholten, offenbar nicht verstanden zu haben, dass ihre Pflicht gegenüber der Menschheit darin besteht, ihr Geld auszugeben.
Der wichtigste theoretische Punkt beim Übergang zu einer von Schulden getragenen Ökonomie war die Neudefinition der Ungewissheit als Risiko. Das war die wichtigste Errungenschaft der mathematischen Ökonomie. Während der Schutz vor dem Ungewissen traditionell eine moralische Angelegenheit war, ist die Absicherung gegen Risiko ein rein technische Frage.
Die größte Ungewissheit im Leben – das Schicksal der eigenen unsterblichen Seele – stößt den Menschen in Richtung Moral. Selbst das Vorhandensein einer profanen Ungewissheit führt zu Konventionen und Faustregeln, in denen die bewährtesten Erfahrungen des Menschen im Umgang mit der Ungewissheit zusammengefasst sind. Die Abschaffung der Ungewissheit beseitigt auch die Notwendigkeit für moralische Regeln.
Nun konnte man zukünftige Ereignisse in kalkulierbare Risiken zerlegen und Strategien und Instrumente entwickeln, die die ganze Bandbreite der „Risikopräferenzen“ abdeckten. Und weil der Wettbewerb zwischen den Finanzvermittlern den „Preis des Risikos“ beständig nach unten drückte, wurde die Zukunft (theoretisch) risikofrei.
Dieser monströse Hochmut der zeitgenössischen Ökonomie hat die Welt an den Rand der Katastrophe gebracht. Offensichtlich mussten die traditionellen Tabus rund um das Geld vor Jahrhunderten gelockert werden, um den Kapitalismus in Gang zu bringen. So wurde beispielsweise das klassische Wucherverbot von einem Zinsverbot für alle Darlehen zu einem Zinsverbot für jene Darlehen aufgeweicht, bei denen der Darlehensgeber keine andere Verwendung dafür hatte, d.h. für die Berechnung von Zinsen auf „Schätze“ oder Kassenbestände.
Ohne die Entwicklung des Schulden-Finanzsystems wäre die Welt um einiges ärmer als sie es ist. Doch von einem Extrem (Bargeld unter der Matratze) in das andere Extrem zu fallen (Geld verleihen, das man nicht hat) bedeutet, den vernünftigen Mittelweg auszuschließen.
Das von der spanischen Zentralbank als Reaktion auf die spanischen Bankenkrisen in den 1980ern und 1990ern eingeführte Überwachungssystem zeigt, wie ein derartiger vernünftiger Mittelweg aussehen könnte. Die spanischen Banken müssen ihre Einlagen im Verhältnis zu den vergebenen Krediten erhöhen und Kapital für bestimmte Vermögenswerte in ihren bilanzexternen Finanzierungen zurücklegen.
In Ermangelung großer Anreize, so genannte „strukturierte Investmentvehikel“ zu konzipieren, haben auch nur wenige spanische Banken derartige Instrumente geschaffen, wodurch übermäßige Fremdfinanzierung vermieden wurde. Spanische Banken bilden typischerweise Rücklagen, um 150 Prozent fauler Kredite abzudecken, während bei britischen Banken nur etwa 80 bis 100 Prozent abgedeckt sind. Spanische Immobilienkäufer müssen bei einem Hauskauf eine Anzahlung zwischen 20 und 30 Prozent des Kaufpreises leisten, wohingegen in den USA und in Großbritannien in den letzten Jahren routinemäßig 100 Prozent des für einen Hauskauf nötigen Kapitals in Form von Krediten zur Verfügung gestellt wurden.
H.G. Wells hatte nur teilweise recht: Zum Wettrennen zwischen Moral und Zerstörung gehört nicht nur Krieg, sondern auch die Wirtschaft. So lange wir uns auf technische Hilfsmittel verlassen, um moralische Klüfte zu überbrücken und so lange die Regierungen mit Rettungspaketen herbei eilen, die es ermöglichen, dass sich das Karussell erneut zu drehen beginnt, sind wir dazu verdammt, von Überschwang zu Überschwang zu taumeln, mit einzelnen Unterbrechungen durch Zusammenbrüche. Aber an irgendeinem Punkt werden wir die Grenze des Wachstums erkennen.
Copyright: Project Syndicate, 2008.
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Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier
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