The Ethics of Life
Die Abwertung des Lebens
Peter Singer
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Im August 2001 teilte Präsident George W. Bush den Amerikanern mit, dass er sich wegen „einer Kultur, die das Leben abwertet,“ Sorgen mache und dass er glaube, als Präsident der Vereinigten Staaten habe er „eine wichtige Verpflichtung, die Achtung vor dem Leben in Amerika und in der ganzen Welt zu fördern und zu unterstützen.“
Dieser Glaube stand hinter Bushs Verweigerung, Bundesmittel für die Stammzellenforschung zu bewilligen, die die Zerstörung menschlicher Embryonen unterstützen könnte. Obwohl die Regierung Bush anerkannt hat, dass einige Wissenschaftler glauben, die Stammzellenforschung könnte neue Möglichkeiten zur Behandlung von Krankheiten bieten, die 128 Millionen Amerikaner betreffen, rechtfertigte diese Aussicht Bushs Meinung nach offenbar nicht die Zerstörung menschlicher Embryonen.
Letzten Monat richteten die Militärstreitkräfte, die ebendiesem Präsidenten unterstehen, eine Rakete auf ein Haus in Damadola, einem pakistanischen Dorf in der Nähe der afghanischen Grenze. Achtzehn Menschen wurden getötet, darunter fünf Kinder. Das Ziel des Angriffs, der zweite Mann von Al Kaida, Ayman al-Zawahiri, war nicht unter den Toten, obwohl unbedeutendere Persönlichkeiten der Terrororganisation angeblich darunter waren.
Weder entschuldigte sich Bush für den Angriff, noch tadelte er jene, die ihn angeordnet hatten. Anscheinend glaubt er, dass die Gelegenheit, einen wichtigen Terroristenführer zu töten, Rechtfertigung genug ist, eine Rakete abzufeuern, die fast sicher unschuldige Menschen umbringen wird.
Andere amerikanische Politiker nahmen dieselbe Haltung ein. Senator Trent Lott, ein konservativer Republikaner – und ein prominenter Abtreibungsgegner – sagte über den Angriff: „Unbedingt, wir sollten das machen.“ Senator John McCain, ein weiterer führender Republikaner, der Bush allerdings oft bereitwillig widerspricht, drückte sein Bedauern über die zivilen Todesopfer aus, fügte jedoch hinzu: „Ich kann Ihnen nicht sagen, dass wir dasselbe nicht wieder tun würden.“
Es wäre in der Tat schwierig für die derzeitige Regierung, zu sagen, dass sie dasselbe nicht wieder tun würde, weil sie es zuvor schon viele Male getan hat. Am 1. November 2001 bombardierten amerikanische Flugzeuge Ishaq Suleiman, eine Lehmhüttensiedlung, weil ein Lastwagen der Taliban in einer der Straßen geparkt worden war. Der Lastwagen fuhr weg, bevor die Bombe einschlug, aber zwölf Dorfbewohner wurden getötet und 14 verletzt. Es gibt noch viele dieser Geschichten von Unschuldigen, die im Krieg in Afghanistan ihr Leben verloren haben.
Im Irak haben die Amerikaner ebenfalls das Leben vieler Zivilisten ausgelöscht. Auch hier wird eines von vielen Beispielen ausreichen. Am 5. April 2003 wurde eine zivile Wohngegend in Basra bombardiert. Ziel war General Ali Hassan al-Majid, der wegen seines Einsatzes von chemischen Waffen gegen Iraker als „Chemie-Ali“ bekannt ist. Eine Bombe traf das Haus der Familie Hamoodi, einer angesehenen, gebildeten Familie, von deren Mitgliedern keines zur regierenden Baath-Partei gehörte. Von der vierzehnköpfigen Großfamilie wurden zehn getötet, darunter ein Säugling, ein zweijähriges Baby, ein zehnjähriger Junge und ein zwölfjähriges Mädchen. Vier Monate später wurde Majid lebendig gefasst, die Bomben hatten ihr eigentliches Ziel verfehlt.
Dieses beständige Muster der Bereitschaft, zivile Opfer zu verursachen – oft bei Angriffen auf Ziele, die nicht von entscheidender militärischer Bedeutung sind –, legt nahe, dass Bush und andere für das Leben eintretende, amerikanische Machthaber sich weniger um das Leben unschuldiger Menschen in Afghanistan, Irak und Pakistan sorgen als um menschliche Embryonen. Dies sind merkwürdige Prioritäten. Eltern trauern niemals so um einen verlorenen Embryo, wie sie das über den Tod eines Kindes tun würden. Embryonen können nicht leiden, sie haben keine Hoffnungen oder Wünsche für die Zukunft, die durch ihren Tod abrupt vernichtet würden.
Es wäre eventuell möglich, den Verlust von unschuldigen Menschenleben in Damadola mit der utilitaristischen Berechnung zu rechtfertigen, dass das Töten der Führer von Al Kaida langfristig eine größere Anzahl von unschuldigen Menschen rettet. Schließlich könnte es ihnen, wenn sie auf freiem Fuß bleiben, gelingen, weitere Terroranschläge auszuführen, die das Leben von hunderten oder sogar tausenden Unschuldigen auslöschen. Bush kann sich jedoch nicht auf dieses Argument berufen, denn genau diese Art Rechtfertigung lehnt er ab, wenn es um die Zerstörung von Embryonen geht, um langfristig jene zu retten, die an einer Krankheit sterben, für die wir derzeit kein Heilmittel haben.
Andere Moralisten werden sagen, dass der Unterschied zwischen der Zerstörung von Embryonen zu Forschungszwecken und dem Töten von Zivilisten bei militärischen Angriffen ist, dass es sich bei Ersterem um vorsätzliche Tötung handelt, wogegen die letzteren Todesopfer „Kollateralschäden“ darstellen – unbeabsichtigte, wenn auch vorhersehbare, Nebeneffekte einer berechtigten Kriegshandlung.
Es ist anzunehmen, dass es nicht die primäre Absicht jener war, die den Angriff auf Damadola geplant und genehmigt haben, unschuldige Menschen umzubringen. Wir können auch gelten lassen, dass es sich bei al-Zawahiri zweifellos um einen gefährlichen Feind handelt, der immer noch in einer Terrorbewegung aktiv ist, und dass er ein legitimes militärisches Ziel darstellt. Vielleicht kann dieser spezielle Angriff mit dieser Begründung gerechtfertigt werden.
Trotzdem kann uns der Grundsatz, dass Einsätze zulässig sind, bei denen absehbar ist, dass unschuldige Menschen getötet werden, in der Folge dahin bringen, dass wir den Tod der Opfer leichter nehmen, als wir sollten. Dies ist, so scheint es, irgendwo in der amerikanischen Befehlskette geschehen. Das Vorhandensein eines Lastwagens der Taliban rechtfertigt nicht die Bombardierung eines Dorfes, in dem Zivilisten ihrem täglichen Leben nachgehen. Unschuldige Menschen zu töten, um „Chemie-Ali“ – einem besonders niederträchtigen Mitglied von Saddams Militärelite, der zum Zeitpunkt des Luftangriffs jedoch keine Befehlsgewalt mehr über die Militärstreitkräfte hatte – eine Art harte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ist falsch.
Eine Kultur, die solche Taktiken erlaubt – und sogar gutheißt –, engagiert sich nicht wirklich dafür, die Achtung vor dem Leben zu fördern. Wir können ganz sicher sein, dass amerikanische Streitkräfte nicht genauso gehandelt hätten, wenn es sich bei den Zivilisten in der Nähe um andere Amerikaner gehandelt hätte.
Peter Singer ist Professor für Bioethik an der Universität Princeton. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen zählen Writings on an Ethical Life und One World.
Copyright: Project Syndicate, 2006.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Anke Püttmann
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