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The Ethics of Life

Gibt es moralischen Fortschritt?

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2008-04-14

MELBOURNE – Nach einem Jahrhundert, in dem wir zwei Weltkriege, den Nazi-Holocaust, Stalins Gulag, die Killing Fields von Kambodscha und in jüngerer Zeit die Gräuel in Ruanda und jetzt in Darfur miterlebt haben, ist es schwierig geworden, den Glauben an einen moralischen Fortschritt der Menschheit zu verteidigen. Dennoch müssen bei dieser Frage mehr als nur extreme Fälle des moralischen Verfalls berücksichtigt werden.

In diesem Jahr jährt sich die Einführung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen zum 60. Mal. Als Reaktion auf die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs wollte die Erklärung das Prinzip einführen, dass alle Menschen, ungeachtet von Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Religion oder Status, dieselben Grundrechte besitzen. Daher können wir den moralischen Fortschritt vielleicht daran messen, in welchem Maße es uns gelungen ist, Rassismus und Sexismus zu bekämpfen.

Es ist keine leichte Aufgabe, das Ausmaß zu bewerten, in dem Rassismus und Sexismus tatsächlich zurückgedrängt wurden. Immerhin geben einige neuere Umfragen von WorldPublicOpinion.org indirekt Aufschluss über diese Frage.

Die Umfragen, an denen nahezu 15.000 Befragte teilnahmen, wurden in 16 Ländern durchgeführt, die 58 % der Weltbevölkerung repräsentieren: Aserbaidschan, China, Ägypten, Frankreich, Großbritannien, Indien, Indonesien, Iran, Mexiko, Nigeria, die palästinensischen Gebiete, Russland, Südkorea, Türkei, Ukraine und die Vereinigten Staaten. In 11 dieser Länder glauben die meisten Teilnehmer, dass im Laufe ihrer Lebenszeit Menschen anderer Rassen und ethnischer Herkunft immer fairer behandelt wurden.

Durchschnittlich sind 59 % dieser Meinung, wobei nur 19 % denken, dass die Menschen weniger gleichberechtigt behandelt werden, und 20 % meinen, es habe keine Veränderung gegeben. Insbesondere in den USA, Indonesien, China, im Iran und in Großbritannien empfinden die Menschen eine stärkere Gleichberechtigung. Die Palästinenser sind das einzige Volk, in dem eine Mehrheit weniger Gleichberechtigung für Menschen anderer Rassen oder ethnischer Gruppen wahrnimmt, wobei in Nigeria, der Ukraine, Aserbaidschan und Russland die Meinungen recht gleichmäßig in zwei Lager gespalten sind.

Eine noch größere Mehrheit von insgesamt 71 % findet, dass Frauen auf dem Weg zur Gleichberechtigung Fortschritte gemacht haben, obwohl auch hier die palästinensischen Gebiete eine Ausnahme bilden, dieses Mal zusammen mit Nigeria. Auch in Russland, der Ukraine und Aserbaidschan gibt es bedeutende Minderheiten, die meinen, Frauen würden heute weniger gleichberechtigt behandelt als früher. Obwohl in Indien nur 53 % der Meinung sind, dass Frauen heute gleichberechtigter sind, meinen außerdem 14 %, Frauen hätten jetzt mehr Rechte als Männer! (Vermutlich dachten sie nur an diejenigen Frauen, die nicht abgetrieben wurden, weil ein vorgeburtlicher Test gezeigt hatte, dass es sich nicht um einen männlichen Fötus handelte.)

Im Allgemeinen ist es wahrscheinlich, dass diese Meinungen reale Veränderungen widerspiegeln und somit Zeichen für einen moralischen Fortschritt hin zu einer Welt sind, in der den Menschen aufgrund ihrer Rasse, ethnischen Gruppe oder ihres Geschlechts keine Rechte vorenthalten werden. Diese Ansicht wird durch das bemerkenswertesten Ergebnis der Umfrage gestützt: die weithin verbreitete Ablehnung von ungleicher Behandlung aufgrund von Rasse, ethnischer Zugehörigkeit oder Geschlecht. Durchschnittlich 90 % der Befragten hielten eine gleichberechtigte Behandlung von Menschen unterschiedlicher Rasse oder ethnischer Herkunft für wichtig, und in keinem Land sagten mehr als 13 % der Teilnehmer, Gleichbehandlung sei unwichtig. 

Auch bei der Frage nach der Gleichberechtigung von Frauen war die Unterstützung fast genauso stark, wobei durchschnittlich 86 % diese als wichtig ansahen. Bedeutsam ist, dass diese Mehrheiten auch in muslimischen Ländern existieren. In Ägypten z. B. meinten 97 %, dass eine Gleichstellung von Rassen und Ethnien wichtig sei, und 90 % gaben an, die Gleichstellung von Frauen sei wichtig. Im Iran lagen diese Werte bei 82 % bzw. 78 %. 

Vergleicht man die Zahlen mit den Werten, die nur ein Jahrzehnt vor der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte galten, so stellen sie eine signifikante Veränderung in den Ansichten der Menschen dar. Gleiche Rechte für Frauen – nicht nur das Wahlrecht, sondern auch die Arbeit außer Haus und das Führen eines unabhängigen Lebens – waren in vielen Ländern immer noch eine radikale Idee. In Deutschland und den amerikanischen Südstaaten herrschten offen rassistische Ideen vor, und ein Großteil der Weltbevölkerung lebte in Kolonien, die von europäischen Mächten regiert wurden. Trotz der Geschehnisse in Ruanda und im ehemaligen Jugoslawien – und der gerade noch abgewendeten Katastrophe nach den umstrittenen letzten Wahlen in Kenia – akzeptiert heute kein Land offen rassistische Grundsätze.

Leider kann das nicht von der Gleichberechtigung der Frauen behauptet werden. In Saudi-Arabien dürfen Frauen nicht einmal Autofahren, geschweige denn wählen. Auch in vielen anderen Ländern – unabhängig davon, was die Menschen über die Geschlechtergleichberechtigung sagen mögen – sieht es in der Realität so aus, dass Frauen weit von einer Gleichberechtigung entfernt sind.

Das kann bedeuten, dass die von mir zitierten Studien nicht auf weit verbreitete Gleichbehandlung, sondern auf weit verbreitete Heuchelei hindeuten. Dennoch ist Heuchelei der Tribut, den das Unrecht der Tugend zollt, und die Tatsache, dass Rassisten und Sexisten diesen Tribut zollen müssen, ist ein Anzeichen für einen gewissen moralischen Fortschritt.

Worte haben Folgen, und was eine Generation sagt, aber nicht wirklich glaubt, daran kann die nächste Generation womöglich glauben und vielleicht sogar danach handeln. Die allgemeine Akzeptanz bestimmter Ideen stellt an sich schon eine gewisse Art von Fortschritt dar, doch worauf es wirklich ankommt, ist, dass dadurch Einfluss gewonnen wird, mit dem weitere konkrete Fortschritte bewirkt werden können. Aus diesem Grund sollten wir die Umfrageergebnisse begrüßen und beschließen, die Unterschiede zu eliminieren, die noch zwischen Rhetorik und Realität bestehen.

Peter Singer ist Professor für Bioethik an der Princeton University und Ehrenprofessor der University of Melbourne. Unter anderem veröffentlichte er die Bücher Animal Liberation (Die Befreiung der Tiere), Practical Ethics und zuletzt The Ethics of What We Eat.

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AUTHOR INFO

Peter Singer is a Professor of Bioethics at Princeton University and Laureate Professor at the University of Melbourne. His books include Animal Liberation, Practical Ethics, and The Life You Can Save.