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Peter Singer

Schweine, Kälber und die amerikanische Demokratie

Peter Singer

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2006-12-14

In all den Schlagzeilen über den Sieg der Demokraten bei den amerikanischen Kongresswahlen im November ist ein bedeutsames Ergebnis dieser Wahlen beinahe untergegangen. Und obwohl dieses Teilergebnis die Mängel des politischen Systems in den USA offenbarte, hat es meinen Glauben an das Mitgefühl amerikanischer Durchschnittsbürger wieder hergestellt.

Im Bundesstaat Arizona können Bürger aufgrund einer ausreichenden Zahl an Unterstützungsunterschriften einen Gesetzesvorschlag zur direkten Abstimmung vorlegen. Bei den heurigen Wahlen ging es dabei um das Verbot, trächtige Schweine oder Zuchtkälber anzubinden oder in Verschlägen zu halten, die das Tier daran hindern, sich frei zu bewegen, sich hinzulegen oder seine Gliedmaßen auszustrecken.

Diejenigen, die mit den Methoden der modernen Landwirtschaftsindustrie nicht vertraut sind, fragen sich vielleicht, warum eine derartige Gesetzgebung überhaupt notwendig sein könnte. Unter Bedingungen wie sie vor 50 Jahren in der Tierhaltung überall herrschten und wie sie in manchen Ländern auch heute noch praktiziert werden, haben alle Tiere genug Platz, um sich zu bewegen und auszustrecken.

Heute allerdings verbringen rund 90 % aller amerikanischen Zuchtsauen – die Mütter jener Ferkel, die zur Produktion von Schweinefleisch, Speck und Schinken aufgezogen und getötet werden - den Großteils ihres Lebens eingesperrt in Kastenständen, die nicht größer als 60 mal 220 cm sind. Darin können sie sich weder umdrehen noch hinlegen, ihre Gliedmaßen ausstrecken oder mehr als einen Schritt vorwärts oder rückwärts gehen. Andere Sauen werden an so kurze Ketten angebunden, dass sie sich ebenfalls nicht umdrehen können.

Auch Kälber in der Kalbfleischproduktion sind ihr ganzes Leben einzeln in kleine Verschläge gesperrt, wo sie sich nicht umdrehen, hinlegen oder ausstrecken können. Ziel dieser Tierhaltungsmethoden ist Arbeitsersparnis – sie erleichtern das Tiermanagement und ermöglichen die Haltung von Tausenden oder Zehntausenden Tieren unter einem Dach. Dadurch sind weniger oder geringer qualifizierte Mitarbeiter nötig. Außerdem verhindern diese Methoden, dass die Tiere durch zu viel Bewegung oder Kämpfe untereinander Energie verschwenden.

Nach Protesten von Tierschutzorganisationen gab die Europäische Union vor einigen Jahren bei ihrem wissenschaftlichen Veterinärausschuss einen Bericht über diese Art der Tierhaltung in Auftrag. Im Bericht des Ausschusses kam man zum Ergebnis, dass die Tiere darunter leiden, sie sich nicht frei bewegen zu können und überhaupt nichts zu tun zu haben. Zu dieser Schlussfolgerung hätte man natürlich auch unter Einsatz des normalen Hausverstandes kommen können.

Nach der Veröffentlichung dieses Berichts setzte die EU Fristen, bis zu welchem Zeitpunkt das Einsperren der Tiere verboten werden soll. Für Zuchtkälber naht das Verbot bereits mit dem 1. Januar 2007. Einzelkastenstände für Zuchtsauen, die in Großbritannien und Schweden bereits verboten sind, werden in der gesamten EU ab 2013 illegal sein. Schrittweise umgesetzt werden sollen auch Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Legehennen, die üblicherweise eng zusammengepfercht in Drahtkäfigen gehalten werden, in denen sie nicht einmal ihre Flügel spreizen können.

In den USA sind bundesweite Maßnahmen dieser Art nirgends in Sicht. Wenn mich meine europäischen Freunde in der Vergangenheit fragten, warum die USA Europa in Sachen Tierschutz so weit hinterher hinken, wusste ich darauf keine Antwort. Wurden die Fragen eindringlicher, musste ich eingestehen, dass eine Erklärung dafür möglicherweise der Umstand ist, dass den Amerikanern Tiere weniger am Herzen liegen als den Europäern.

Im Jahr 2002 allerdings brachten Tierschützer in Florida einen Gesetzesvorschlag über das Verbot von Kastenständen für Sauen zur Abstimmung. Zur Überraschung vieler wurde der Vorschlag von 55 % der Wähler angenommen. Letzten Monat wurde dann in Arizona trotz kostspieliger Gegeninitiativen der Agrarindustrie das Verbot von kleinen Kastenständen für Sauen und Kälber mit 62 % der Wählerstimmen ebenfalls angenommen.

Weder Florida noch Arizona sind besonders progressive Staaten – in beiden besiegte George W. Bush 2004 seinen Konkurrenten John Kerry. Die Abstimmungsergebnisse legen also den Schluss nahe, dass die Mehrheit der Amerikaner - hätte sie die Gelegenheit, darüber abzustimmen - die Haltung von trächtigen Sauen und Kälbern in engen Verschlägen verbieten würde. Den Amerikanern scheint der Tierschutz genauso ein Anliegen zu sein wie den Europäern.

Um also die Kluft zwischen Europa und den USA in Sachen Nutztierschutz zu erklären, sollten wir einmal das politische System unter die Lupe nehmen. In Europa gelang es, die Anliegen der Wähler im Bereich des Tierschutzes an Parlamentsabgeordnete in den jeweiligen Ländern und an die Abgeordneten des Europäischen Parlaments heranzutragen. Das führte zu entsprechenden nationalen Tierschutzgesetzen und zu EU-Richtlinien, die diesen Anliegen Rechnung tragen.

Im Gegensatz dazu hatten in den USA Anliegen im Bereich des Tierschutzes keine messbaren Auswirkungen auf die Kongressabgeordneten. Weder bundesweit noch auf Ebene der einzelnen Bundesstaaten gibt es eine Gesetzgebung zum Schutz von Nutztieren. Der Grund dafür ist meines Erachtens darin zu suchen, dass Vertreter der Agrarindustrie in der Lage sind, Millionen von Dollars in die Taschen jener Kongressabgeordneten wandern zu lassen, die gerne wiedergewählt werden möchten. Im Bereich Lobbyismus und Wahlkampfspenden konnte die Tierschutzbewegung trotz breiter öffentlicher Unterstützung mit diesen Vorgaben nicht mithalten.

Im amerikanischen Wahlsystem zählt Geld mehr als die Meinung der Wähler. Die Parteidisziplin ist schwach ausgeprägt und Kongressabgeordnete müssen das Geld für ihre Wiederwahl selbst auftreiben – und solche Wahlen stehen im Fall es Repräsentantenhauses alle zwei Jahre an. In Europa, wo die Parteidisziplin stark ausgeprägt ist und nicht die Kandidaten, sondern die Parteien Wahlkämpfe finanzieren, spielt Geld eine geringere Rolle. In den USA, wo man so stolz auf seine demokratischen Traditionen ist, sind Schweine und Kälber wohl kaum die einzigen Verlierer.

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AUTHOR INFO

Peter Singer is Professor of Bioethics at Princeton University and Laureate Professor at the University of Melbourne. He is the author of Animal Liberation, Practical Ethics, One World, The President of Good and Evil, and editor of In Defense of Animals: The Second Wave.