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The Ethics of Life

Homosexualität ist nicht unmoralisch

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2006-10-16

In den letzten Jahren hat man in den Niederlanden, Belgien, Kanada und Spanien die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern gesetzlich anerkannt. In mehreren anderen Ländern gibt es eingetragene Partnerschaften mit ähnlichen gesetzlichen Auswirkungen. In noch mehr Ländern existieren im Wohn- und Arbeitsrecht Bestimmungen gegen die Diskriminierung von Personen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung. Allein in der größten Demokratie der Welt, in Indien, ist Sex zwischen Männern noch immer ein strafbares Delikt, das nach dem Gesetz mit lebenslänglicher Haft bestraft werden kann.

Natürlich ist Indien nicht das einzige Land, in dem Homosexualität streng bestraft wird. In manchen islamischen Ländern - wie beispielsweise in Afghanistan, Iran, Irak, Saudi Arabien und dem Jemen – gilt homosexueller Geschlechtsverkehr als Verbrechen auf das im Höchstfall die Todesstrafe stehen kann. Im Fall von Ländern allerdings, wo religiöse Lehren ein Teil des Strafrechts sind, ist die Beibehaltung derartiger Gesetze leichter verständlich – ungeachtet wie bedauerlich dies auch sein mag – als in einer säkularen Demokratie wie Indien.

Jeder Mensch, der schon einmal in Indien war und die dort üblichen, explizit sexuellen Darstellungen auf indischen Tempeln gesehen hat, merkt, dass man der Sexualität in der hinduistischen Tradition weniger prüde gegenübersteht als in der christlichen. Das Verbot der Homosexualität in Indien geht auf das Jahr 1861 zurück, als die Briten den Subkontinent beherrschten und ihm seine viktorianische Moral aufzwangen. Daher ist es auch eine Ironie der Geschichte, dass Indien dieses Gesetz als Relikt aus der Kolonialzeit beibehielt, während Großbritannien sein ähnlich gelagertes Verbot schon längst aufgehoben hat.

Glücklicherweise wird das gesetzliche Verbot des homosexuellen Verkehrs in Indien nicht durchgesetzt. Dennoch dient es als Basis für die Erpressung und Belästigung homosexueller Menschen und erschwert jenen Gruppen die Arbeit, die Menschen in Indien über HIV und AIDS aufklären.

Vikram Seth, Autor des Buches Eine gute Partie und anderer ausgezeichneter Romane veröffentlichte kürzlich einen offenen Brief an die indische Regierung, in dem er die Abschaffung des Gesetzes fordert, das Homosexualität zu einem Straftatbestand macht. Viele andere hochangesehene Inder haben den Brief unterschrieben, und viele weitere, wie der Nobelpreisträger Amartya Sen, unterstützen dieses Anliegen. Gegenwärtig liegt eine Anfechtungsklage gegen das Gesetz vor dem Obersten Zivilgericht in Delhi.

Ungefähr zu der Zeit, als Indien das Verbot des gleichgeschlechtlichen Verkehrs einführte, schrieb John Stuart Mill seine berühmte Abhandlung Über die Freiheit, in der er das folgende Prinzip darlegte:

... der einzige Zweck, um dessentwillen man Zwang gegen den Willen eines Mitglieds einer zivilisierten Gemeinschaft rechtmäßig ausüben darf, der ist: die Schädigung anderer zu verhüten. Das eigene Wohl, sei es das physische oder das moralische, ist keine genügende Rechtfertigung.... Über sich selbst, über seinen eigenen Körper und Geist ist der einzelne souveräner Herrscher.

Mills Prinzip ist nicht universell anerkannt. Der bedeutende Rechtsphilosoph des 20. Jahrhunderts, H.L.A. Hart, trat für eine Teilversion des Millschen Prinzips ein. Wo Mill sagt, dass das Wohl des Einzelnen „sei es das physische oder moralische“ „keine genügende Rechtfertigung“ für die Einmischung des Staates darstellt, meint Hart, dass das physische Wohl durchaus eine genügende Rechtfertigung ist, wenn der Einzelne seine Interessen möglicherweise missachtet und die Einmischung in seine Freiheit geringfügiger Natur ist. Beispielsweise darf der Staat verlangen, dass wir im Auto einen Sicherheitsgurt anlegen oder einen Helm aufsetzen, wenn wir mit dem Motorrad unterwegs sind.

Allerdings zog Hart eine genaue Trennlinie zwischen dieser Art des Rechtspaternalismus und dem Rechtsmoralismus. Er lehnte Verbote aufgrund moralischer Kriterien für Aktionen ab, die keinen physischen Schaden nach sich ziehen. In seinen Augen darf der Staat aus Homosexualität kein Verbrechen machen, weil sie unmoralisch wäre .

Dieses Argument ist problematisch, da nicht so einfach einzusehen ist, warum Rechtspaternalismus gerechtfertigt sein soll, Rechtsmoralismus aber nicht. Verfechter dieser Unterscheidung behaupten, dass sich der Staat gegenüber konkurrierenden moralischen Idealvorstellungen neutral zu verhalten habe, aber ist eine solche Neutralität überhaupt möglich? Wäre ich ein Anhänger des Rechtsmoralismus, würde ich argumentieren, dass es ein – wenn auch ein weit verbreitetes – moralisches Urteil ist, dass beim Motorradfahren das Risiko einer Kopfverletzung im Falle eines Unfalles größer ist, als der Wert einer Motorradfahrt ohne Helm.

Der stärkere Einwand gegen ein Verbot der Homosexualität ist, den Anspruch, der diesem Verbot zugrunde liegt, abzulehnen: dass nämlich sexuelle Akte zwischen zwei erwachsenen Menschen gleichen Geschlechts unmoralisch sind. Manchmal wird behauptet, Homosexualität wäre falsch, weil sie „unnatürlich“, gar eine „Perversion unserer sexuellen Fähigkeit“ sei, die angeblich dem Zweck der Vermehrung dient. Genauso gut könnten wir behaupten, dass der Konsum künstlicher Süßstoffe eine „Perversion unseres Geschmacksinnes“ ist, den wir haben, um nahrhaftes Essen zu finden. Wir sollten uns davor hüten, „natürlich“ mit „gut” gleichzusetzen.

Macht der Umstand, dass homosexuelle Akte nicht der Reproduktion dienen, sie zu einer unmoralischen Angelegenheit? Das wäre ein besonders bizarrer Grund, gleichgeschlechtlichen Verkehr in einem so dicht besiedelten Land wie Indien zu verbieten, wo man Empfängnisverhütung und Sterilisation fördert. Was ist unmoralisch an einer Form der Sexualität, an der alle Beteiligten Vergnügen finden und dabei niemand zu Schaden kommt?

Das grundlegende Problem mit einem Verbot homosexueller Akte ist daher nicht, dass der Staat das Gesetz benutzt, um private Moral durchzusetzen, sondern dass das Gesetz auf der falschen Sicht beruht, wonach Homosexualität unmoralisch wäre.

Peter Singer ist Professor für Bioethik an der Universität Princeton und Autor des gemeinsam mit Jim Mason verfassten Buches The Way We Eat: Why Our Food Choices Matter.

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AUTHOR INFO

Peter Singer is a Professor of Bioethics at Princeton University and Laureate Professor at the University of Melbourne. His books include Animal Liberation, Practical Ethics, and The Life You Can Save.