Tuesday, September 16, 2014
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Schock und Panik

CARDIFF – Mit keiner medizinischen Therapie gehen die einzelnen Nationen, Regionen, Krankenhäuser und Doktoren unterschiedlicher um als mit der Elektrokrampftherapie (EKT). In einem Zeitalter, in dem Behandlungen, die funktionieren, eigentlich in relativer Übereinstimmung angewandt werden sollten, ist das überraschend. Trotz der allseitigen Zustimmung, dass EKT die wirksamste Behandlungsform für schwere Depressionen darstellt, rangiert sie allerdings in den meisten Behandlungsmodellen für affektive Störungen ganz unten auf der Liste.

Ein Teil des Unbehagens hinsichtlich der EKT stammt aus der düsteren Vorzeit der Psychiatrie, als die Patienten in vielen Ländern weniger Rechte hatten als Gefängnisinsassen. Vor nicht allzu langer Zeit konnten physische Behandlungen wie Lobotomie und EKT ohne Zustimmung der Patienten durchgeführt werden und wurden manchmal zu Strafzwecken angewandt.

Doch gibt es keinen vergleichbaren Protest gegen die Verwendung von Neuroleptika, die Menschen in ähnlicher Weise aufgezwungen und sogar zur Folter von Häftlingen eingesetzt wurden. Und während heutzutage wenige Menschen unfreiwillig eine EKT erhalten, und in allen Fällen die Zustimmung angestrebt wird, bekommt eine große und steigende Anzahl von Menschen Neuroleptika unter Vorspiegelung falscher Tatsachen verabreicht, darunter Kinder, hilflose Erwachsene, Patienten mit Alzheimer und viele andere, deren Lebensspanne durch die Behandlung verkürzt wird, ohne dass jemand sich um ihre Zustimmung bemüht.

Obwohl die Gegner der EKT glauben, sie verursache Gehirnschäden, ist dies schwer zu beweisen. Wie Neuroleptika, Antidepressiva und Beruhigungsmittel, hat die EKT einen direkten organischen Effekt. Doch während die EKT selten, wenn überhaupt, deutliche klinische Spuren einer Gehirnschädigung hinterlässt und dies in Tierversuchen auch nicht nachgewiesen wurde, hinterlassen Neuroleptika häufig welche in Form von Spätdyskinesie und anderen Syndromen. Das Gleiche gilt für Antidepressiva.

Es ist unbestritten, dass eine EKT einen kurzfristigen Gedächtnisverlust verursachen kann. Doch ist es für Kritiker schwierig, Gedächtnisstörungen oder andere kognitive Probleme nachzuweisen, die länger als drei Monate andauerten. Auch können autobiografische Gedächtnisstörungen und die Unfähigkeit, sich an Listen zu erinnern, nicht ohne Weiteres auf die EKT zurückgeführt werden, da eine EKT selten allein angewandt wird.

So bekommen sehr wenige Patienten, die mit einer EKT therapiert werden, nicht auch Benzodiazepine, die ebenfalls signifikante autobiografische Gedächtnisstörungen verursachen, wenn sie allein verabreicht werden, und Neuroleptika, die Schwierigkeiten beim Erinnern an Namenslisten oder Telefonnummern und andere vergleichbare Probleme verursachen. Dennoch werden diese Medikamente selten, wenn überhaupt, für die kognitiven Störungen nach einer psychiatrischen Behandlung verantwortlich gemacht.

Die Tatsache, dass es den EKT-Kritikern nicht gelungen ist nachzuweisen, was ihnen offensichtlich erscheint, weist auf eine aktive Verschwörung hin, um die durch die Behandlung hervorgerufenen Probleme zu bagatellisieren und die Patienten, die durch eine Behandlung geschädigt wurden, davon abzuhalten, Entschädigung zu verlangen. Bei den jüngsten Tagungen zu den Richtlinien für die EKT in Großbritannien waren keine Vertreter der Psychiatrie anwesend, aber viele aus Patientengruppen. Die organisierte Psychiatrie scheint wenig Interesse an der EKT zu haben, oder sie hat Angst vor Schikanen seitens der Anwälte der Patienten.

Infolgedessen kann sogar der Beweis, dass sich die Stimmung und der klinische Zustand einer Person nach der EKT bedeutsam verbessert haben, in ein Anzeichen für einen Hirnschaden verwandelt werden. Wenn die Patienten sich melden, um zu berichten, dass ihnen die EKT geholfen hat, oder wenn das Krankenblatt eines Patienten auf eine klinische Verbesserung durch die Behandlung hinweist, werden die sichtbaren Fortschritte als Hinweis auf die Enthemmung und Verwirrtheit interpretiert, die mit einem Hirnschaden einhergehen.

Es gibt im Zusammenhang mit der geistigen Gesundheit bessere Zielscheiben als die EKT. Wer regt sich über die Millionen auf, die von Antidepressiva körperlich abhängig werden? Wo sind die Proteste dagegen, dass Einjährige mit Neuroleptika behandelt werden? Wie ist es möglich, dass die katatonischen Anzeichen, die einer von zehn Patienten während des Aufenthalts auf einer psychiatrischen Station zeigt (Symptome, die schnell mit Benzodiazepinen oder EKT behandelt werden könnten), vollkommen unerkannt bleiben, nur weil keines der Unternehmen mit derzeit patentierten Medikamenten den Ärzten und dem Pflegepersonal mit einer Aufklärungskampagne hilft, diese Anzeichen zu erkennen? Warum ist es unmöglich, im Internet etwas anderes als eine Verunglimpfung der EKT zu finden, während man dort nichts als begeisterte Patientenberichte über die Behandlung mit Medikamenten liest?

EKT-Kritiker scheinen zu denken, wenn sie nicht bei jeder Gelegenheit gegen die Verwendung der EKT protestieren, dass die Befürworter der Methode diese Menschen aufzwingen würden, die sie nicht brauchen. Doch im Gegensatz zu Psychopharmaka gibt es keine Marketingabteilungen mit dem Ziel, die Anwendung der EKT zu maximieren.

Diese vehemente Konzentration auf die EKT hat mit Sicherheit dazu geführt, dass immer mehr Menschen letzten Endes Medikamente nehmen und in der Folge immer mehr Hirnschäden und Gedächtnisstörungen auftreten. Es scheint manchmal so, als verhielten sich die Kritiker nach der romantischen Illusion, Geisteskrankheiten würden verschwinden, wenn es ihnen nur gelänge, die EKT abzuschaffen. Sigmund Freund wäre fasziniert gewesen.

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