A Window on Russia
Russlands abtrünnige Marionette
Dmitry Shlapentokh
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MOSKAU – Vor kurzem präsentierte der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow dem Führer der nationalistischen und vergleichsweise moderaten tschetschenischen Opposition, Achmed Sakajew, den Vorschlag, nach Tschetschenien zurückzukehren. Kadyrow versprach Sakajew Amnestie und bot ihm verschiedene Posten vom Direktor eines lokalen Theaters bis zum Kulturminister an.
Sakajew war offensichtlich bereit, das Angebot anzunehmen. Seine Position in der nationalistischen Opposition war schwach. Die Zahl der Kämpfer in Tschetschenien, die ihn als Kommandanten anerkennen, scheint begrenzt, so es überhaupt welche gibt. Sein jüngster Versuch, einen Emissär zu entsenden, um eine Kampfeinheit direkt unter seinem Kommando zu schaffen, war nicht von Erfolg gekrönt.
Zugleich unterhielt Sakajew durchaus freundliche Beziehungen zu Kadyrow, dessen Leistungen – die praktische Unabhängigkeit Tschetscheniens – er implizit anerkannte. Der Kreml hatte angeblich nichts gegen diesen Deal einzuwenden gehabt.
Aber obwohl Sakajew zu den moderatesten Mitgliedern des tschetschenischen Widerstandes zählte, musste für seine Amnestie eine Genehmigung des Kreml eingeholt werden. Diese wurde ihm offenbar vorenthalten, weswegen er wohl Kadyrows Angebot ausschlug. Der Grund, warum sich der Kreml gegen eine Amnestie für Sakajew aussprach, steht aber wahrscheinlich nicht mit ihm persönlich in Zusammenhang, sondern eher mit Kadyrow.
Eine Rückkehr des amnestierten Sakajew nach Tschetschenien wäre ein erheblicher Prestigegewinn für Kadyrow. Das will der Kreml verhindern. Einerseits wegen Kadyrows wachsender Macht und andererseits aufgrund des allgemeinen Unbehagens des Kremls gegenüber einer muslimischen Elite, die trotz der formalen Anerkennung der russischen Oberhoheit immer stärker die Umverteilung der Macht innerhalb der Russischen Föderation fordert.
Während eines Großteils der letzten zwei Jahrzehnte waren die Dschihadisten im Kaukasus und Zentralasien eine der Hauptsorgen des Kreml. Die Angst vor einer „Talibanisierung” des Kaukasus bewog den Kreml zu seiner jüngsten Ankündigung, wonach russische Muslime vor extremistischer Propaganda aus dem Ausland geschützt werden müssen und dass Bildung und spirituelles Leben der russischen Muslime zu kontrollieren sind, um sie vor Extremismus zu bewahren.
Diese Angst vor dem Extremismus sowie auch vor einem allgemeinen Anstieg der Gewalt, führte im Jahr 2004, als der Kreml die „Tschetschenisierung“ des Konflikts beschloss, zum Aufstieg des Kadyrow-Clans. Der Plan des Kremls sah implizit vor, den Kadyrows – zunächst Achmad Kadyrow und nach dessen Tod seinem Sohn Ramsan – weitgehende Autonomie (praktisch völlige Unabhängigkeit) sowie riesige Geldsummen zuzugestehen.
Der Kreml nahm Kadyrows Amnestierung ehemaliger Guerilla-Kämpfer und deren Eingliederung in seine paramilitärischen Einheiten stillschweigend zur Kenntnis. Im Gegenzug dafür sollte Kadyrow gegen den verbliebenen islamistischen Widerstand Krieg führen und Moskau damit die Last abnehmen, russisches Blut zu vergießen oder zumindest die Zahl der russischen Opfer minimieren.
Zunächst ging dieser Plan auf. Kadyrow gelang es, eine starke Truppe aufzustellen, die in der Lage war, die Guerilla im Grunde alleine zu bekämpfen. Kadyrows Bemühungen ist es auch zu verdanken, dass größere Terroranschläge in Russland, wie etwa in Moskau 2002 oder in Beslan im Jahr 2004 ein Ende nahmen.
Kadyrow war offenbar ein probates Gegenmittel gegen die Dschihadisten. Dennoch scheint die logische Folge der Kadyrow-Politik des Kremls genau das zu sein, was man vor fast einer Generation verhindern wollte, als man in den ersten Tschetschenien-Krieg zog – nämlich die Unabhängigkeit Tschetscheniens.
Ausgestattet mit einer faktischen Blanko-Vollmacht des Kremls, in Tschetschenien jene Maßnahmen zu ergreifen, die er für richtig hielt, bemühte sich Kadyrow ernsthaft, ein populärer Führer zu werden. Klar ist, dass er es nicht geschafft hat, die Arbeitslosigkeit zu verringern und auch keine Absicht hat, der Korruption ein Ende zu setzen. Dennoch muss man ihm ein paar greifbare Resultate im Hinblick darauf anrechnen, Tschetschenien ein Quäntchen Normalität zurückgebracht zu haben.
Der Wiederaufbau der Hauptstadt Grosny war zweifellos eine seiner Errungenschaften. Grosny wurde während des ersten Tschetschenien-Krieges total zerstört. Sowohl russische als auch ausländische Beobachter verglichen die Stadt mit Stalingrad im Zweiten Weltkrieg und gingen davon aus, dass diese Stadt wohl nicht wieder aufzubauen wäre. Es kam der Vorschlag, eine neue tschetschenische Hauptstadt zu errichten. Doch mithilfe massiver finanzieller Unterstützung aus Moskau gelang es Kadyrow, Grosny wieder erstehen zu lassen und die Stadt bis zu einem gewissen Grad auch sicher zu machen.
Kadyrow berücksichtigte auch die spirituellen Ambitionen der tschetschenischen Mehrheit. Er wies den Wahhabismus – das ideologische Rahmenwerk der Dschihadisten – zurück, versicherte jedoch, dass der Islam ein zentraler Bestandteil der tschetschenischen Tradition sei und präsentierte sich als Führer, der dafür vollstes Verständnis hat. So setzte er sich auch für eine islamische Kleiderordnung ein und ließ eine riesige Moschee bauen – eine der größten, wenn nicht überhaupt die größte in Europa.
All das brachte Kadyrow die breite Unterstützung der tschetschenischen Bevölkerung ein. Sogar diejenigen, die ihm nicht besonders wohl gesinnt gegenüberstehen, kommen zu dem Schluss, dass er wohl die beste Wahl sei und seine Position durch beständiges Aussondern von tschetschenischen Militärkräften, die nicht unter seinem Kommando stehen, verbessert hat. Seine jüngsten diesbezüglichen Bestrebungen bestanden in der Auflösung des „Wostok“-Batallions, obwohl diese Einheit ein integraler Bestandteil der russischen Armee ist.
Es war wohl unvermeidlich, dass Kadyrows zunehmende Macht dem Kreml ein Dorn im Auge sein würde, vor allem nachdem der Kreml mit der Anerkennung der Unabhängigkeit von Abchasien und Südossetien nach dem Krieg mit Georgien im Jahr 2008, selbst einen Präzedenzfall für Abspaltung lieferte. Die Genehmigung der Rückkehr Sakajews hätte die Situation durch den damit verbundenen Prestigegewinn Kadyrows zu Hause und seiner zunehmenden Sichtbarkeit und Legitimität auf internationaler Bühne noch verschärft. Damit hätte man Kadyrow weiter von der Kontrolle Russlands entfernt und das zu einer Zeit, da der Kreml zunehmend unfähig und möglicherweise unwillig ist, Kadyrows Loyalität zu kaufen.
Dmitry Shlapentokh lehrt Geschichte an der University of Indiana in South Bend.
Copyright: Project Syndicate, 2009.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier
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