Davies and Shiller
Finanzinnovationen in Misskredit?
Robert J. Shiller
MOSKAU – Skeptiker der Finanzmarktliberalisierung und der Finanzinnovationen fühlen sich durch die Krise der weltweiten Kreditmärkte bestätigt, die Mitte 2007 ihren Ausgang nahm, als die ersten Probleme mit Suprime-Hypotheken in den USA bekannt wurden. Haben diese Skeptiker recht? Sollten wir Finanzliberalisierung und Finanzinnovationen stoppen, um eine Wiederholung von Krisen wie des Subprime-Desasters zu verhindern?
Der gesamte Subprime-Markt ist zum größten Teil eine zehn Jahre alte Innovation – vor 1994 gab es das Wort „Subprime“ nicht einmal. Grundlage dieses Marktes sind Dinge wie zinsvariable Hypotheken (so genannte „Options-ARM), neue Arten von CDO-Schuldverschreibungen und strukturierte Investmentvehikel. In früheren Zeiten begaben private Investoren in den USA schlicht und einfach keine Hypotheken an Interessenten mit schlechter Bonität.
Aber obwohl es manchmal so aussieht, als ob die gegenwärtige Krise zumindest teilweise auf Finanzinnovationen zurückzuführen wäre, hat sich die Finanzmarktliberalisierung insgesamt als durchaus gute Sache erwiesen.
Eine im Jahr 2005 von den Ökonomen Geert Bekaert, Campbell Harvey und Christian Lundblad veröffentlichte Studie zeigte, dass das Wirtschaftswachstum durchschnittlich pro Jahr einen Prozentpunkt zulegt, wenn Länder ihre Aktienmärkte liberalisieren und sie ohne staatliche Interventionen operieren lassen. Dieses höhere Wachstum ist vielfach mit einem Investitionsboom verbunden, der wiederum von den geringeren Kapitalkosten für Firmen vorangetrieben wird.
Obwohl uns diese komplizierten Finanzstrukturen eine wirtschaftliche Vorwärtsentwicklung ermöglichen, können dadurch natürlich auch Risiken entstehen. Man denke beispielsweise an Baugerüste und die Geräte auf Baustellen. Manchmal stürzen Menschen über solche Geräte oder ein Gerüstteil stürzt herab. Die Folgen sind verheerend.
Wenn etwas aufgebaut wird, besteht auch immer die Gefahr eines Rückschlags. Aber mit jedem Rückschlag lernen wir. Als Reaktion auf jedes Baustellen-Unglück führen Länder und Versicherungsunternehmen bessere Sicherheitvorschriften ein. Für Finanzdebakel gilt das Gleiche.
Die USA sind hinsichtlich ihres Finanzsektors eines der liberalsten Länder der Welt. Die hohe Qualität des Finanzmarktes muss ein wichtiger Grund für das relativ starke Wirtschaftswachstum Amerikas sein. Andernfalls wären die USA angesichts der niedrigen Sparquote und des hohen Haushaltsdefizits in den vergangenen Jahrzehnten vor einer wirtschaftlichen Katastrophe gestanden.
Der Grund dafür ist einfach. Einzelne Unternehmen hätten vielleicht ausgezeichnete Investitionsmöglichkeiten – zur Vergrößerung des Anlagevermögens, um von neuer Software zu profitieren oder um neue Forschung und die Ausbildung von Schlüsselpersonal zu betreiben. Durch Liquiditätsengpässe oder vermutete makroökonomische Risiken schrecken sie aber möglicherweise vor solchen Investitionen zurück. Effektive Finanzmärkte ermöglichen es ihnen nun, diese Gelegenheiten trotz der erwähnten Sachzwänge zu ergreifen, indem sie sich an Investoren wenden, die das nötige Kapital zur Verfügung stellen. Diese Investoren können wiederum mit schützenden Hedging-Instrumenten und finanzieller Diversifikation ermutigt werden.
Es wird seit langem eine Diskussion geführt, ob neue Derivatemärkte, die ein derartiges Finanzhedging bieten, eine schon vorher bestehende Unbeständigkeit der Finanzmärkte noch weiter verstärken. Es besteht Konsens darüber, dass dies nicht der Fall ist.
Im Jahr 2000 betrieb der stellvertretende Chefökonom des Büros für Wirtschaftsanlayse der US-Wertpapier- und Börsenaufsichtsbehörde, Stewart Mayhew, eine umfangreiche Literaturrecherche zu diesem Thema. Mayhew kam zu dem Schluss, dass es einigermaßen schwierig ist, zu sagen, ob Derivatemärkte die Finanzmarktvolatilität verschlimmern, weil Derivatemärkte üblicherweise geschaffen werden, wenn die bestehenden Finanzmärkte bereits unbeständiger sind oder eine Entwicklung in diese Richtung absehbar ist. Außerdem stellte er fest, dass es keine Belege dafür gab, dass Derivatemärkte zu einer Volatilität auf den Kassamärkten führen. Tatsächlich könnten sie diese Unbeständigkeit sogar verringern.
Die Auswirkungen auf die Finanzmarktvolatilität ist möglicherweise nicht einmal die richtige Frage, die es zu beantworten gilt, wenn über die Zulassung neuer derivativer Produkte entschieden werden muss. Die richtige Frage lautet vielmehr, ob diese Produkte dem Wachstum und dem Erfolg der Wirtschaft förderlich sind.
In diesem Fall kommt Mayhew zu dem Schluss, dass neue Derivatemärkte ganz klar die Liquidität und die Informationsqualität auf bestehenden Finanzmärkten erhöhen. Und genau diese Liquidität und Informationsqualität treiben das Wirtschaftswachstum letztlich voran.
Die Subprime-Krise hat ernste Probleme zu Tage gefördert, derer wir uns annehmen müssen. So brauchen wir beispielsweise einen stärkeren Verbraucherschutz für Finanzprodukte im Retail-Bereich, strengere Offenlegungsvorschriften für neue Wertpapiere und besser konzipierte Vehikel für das Risikohedging.
Manche der mit der Subprime-Krise in Zusammenhang stehenden Innovationen – vor allem die Options-ARM für Kreditnehmer, die damit nicht umgehen können – scheinen einen geringen Tilgungswert zu haben. Andere Innovationen aber – nämlich jene in Verbindung mit der Verbriefung von Hypotheken – waren eindeutig wichtige langfristige Innovationen, weil man damit Risiken weltweit besser streuen kann.
Daher sollten wir die Finanzinnovation nicht generell eindämmen. Im Gegenteil: Manche der Lösungen, die aus der Subprime-Krise entstanden, werden vielleicht zu neuen Innovationsformen, die die Weiterentwicklung unserer Finanzmärkte vorantreiben.
Copyright: Project Syndicate, 2008.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier
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