WEEKLY SERIES

INTERNATIONAL ECONOMICS

STRATEGIC SPOTLIGHT

GLOBAL FINANCE

ECONOMICS OF DEVELOPMENT

ECONOMIC AND REGULATORY POLICY

ECONOMIC HISTORY

ECONOMIC PERSPECTIVES

PUBLIC INTELLECTUALS

GLOBAL OUTLOOK

REGIONAL EYE

SPECIAL SERIES

PROJECT SYNDICATE

Finance in the 21st Century

Investitionen in die Armut

English Spanish Russian French German Czech Chinese Arabic

2007-01-15

Die meisten Menschen glauben, der Finanzwelt wären die kleinen Leute egal, weil diese mit ihren niedrigen oder mittleren Einkommen ohnehin wenig zu Unternehmensprofiten beitragen könnten. Die heutigen Großkonzerne respektive die Finanzgenies, die diese Unternehmen leiten – oder sie kaufen und verkaufen – unterstützen vielleicht großzügig eine Glaubensgemeinschaft, eine Wohltätigkeitsorganisation, ihre Familien und Freunde, aber im Berufsleben sind sie ausschließlich auf der erbarmungslosen Jagd nach dem Profit.

Diese Wahrnehmung stimmt vielleicht großteils, insgesamt betrachtet, ergibt sich jedoch ein anderes Bild. Man denke nur an Muhammad Yunus, der letzten Oktober mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Seine im Jahr 1976 in Bangladesh gegründete Grameen Bank bietet den ärmsten Menschen dieser Welt kleine Kredite an und hilft damit vielen Kreditnehmern aus der Armut. Die Bank warf Gewinne ab und wuchs über die Jahre – und war auch Vorbild für ähnliche Mikrokreditprogramme in anderen Ländern.

Was aber motivierte Yunus letzten Endes? In Interviews meinte er, seine Motivation war tiefes Mitgefühl mit den Ärmsten in seinem Land. Sein Ziel, ein profitables Kreditunternehmen aufzubauen schien also seinem Wunsch entsprochen zu haben, an die Vertrauenswürdigkeit seiner Klienten zu glauben. Um die Kreditwürdigkeit dieser vergessenen Menschen zu beweisen, versuchte er, mit diesen Mikrokrediten Gewinne zu machen, damit er auch weiterhin Geld an diese Menschen leihen konnte.

Paradoxerweise also strebte Yunus nach Gewinn, obwohl er es offensichtlich nicht wegen des Geldes tat. Und in der Finanzwelt gibt es noch andere, die ähnlich denken wie Yunus.

Tatsächlich ist die Geschichte der Finanzinstitutionen für einkommensschwache Menschen keineswegs nur von gewinnorientierten Aktivitäten geprägt, sondern ist vielmehr eine Geschichte philanthropischer oder idealistischer Bewegungen. Die Genossenschaftsbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts steht in Zusammenhang mit zahlreichen Finanz- und Versicherungsinstitutionen – einschließlich Sparkassen, Wohnbaugenossenschaften und Spar- und Darlehenskassen – die benachteiligten Menschen halfen.

Auch heute gibt es noch philantropisch motivierte Finanzierung. Peter Tufano, Finanzprofessor an der Harvard Business School widmet sich ohne großes Aufsehen gemeinnütziger Arbeit in der von ihm gegründeten Stiftung „Doorways to Dreams“, um einkommensschwachen Menschen zu helfen, ihre finanziellen Aussichten zu verbessern. Soweit ich das aus meinen Gesprächen mit ihm beurteilen kann, sind seine Absichten ausschließlich ideeler Natur. Es scheint ihm nichts daran zu liegen, Geld für sich selbst zu verdienen.

Das Grundproblem, einkommensschwache Menschen zum Sparen zu motivieren, ist laut Tufano, dass sie das Geld nicht nur brauchen, um für die Zukunft vorzusorgen, also wenn sie in Rente gehen, sondern auch um mit kurzfristigen Krisen zu Rande zu kommen. Wenn allerdings in den staatlichen Programmen zur Förderung des Sparens in einkommensschwachen Schichten das Geld nicht über viele Jahre bis zur Pensionierung dieser Menschen gebunden bleibt, erliegen diese vielfach der Versuchung, das Geld leichtfertig auszugeben.

Tufanos Lösungsansatz für dieses Problem ist echtes Mitgefühl und eine realistischen Idee, wie man ihnen helfen kann, nämlich in Form von Mini-Staatsanleihen, so genannter Premium Savings Bonds. Zusätzlich zu den normalen Zinszahlungen nehmen diese Anleihen wie ein Los an einer Lotterie teil – als Anreiz, das Geld weiterhin zu sparen. Menschen mit geringem Einkommen spielen offenkundig gerne in Lotterien mit und freuen sich schon immer auf die Ziehungen. Das hält sie davon ab, ihre Anleihen einzulösen. In wirklichen Notfällen allerdings können sie über ihr Geld verfügen.

Eigentlich haben diese Losanleihen eine lange Geschichte. Im Jahr 1694 gab die englische Regierung eine mit 10 % verzinste und über 16 Jahre laufende Anleihe namens „The Million Adventure“ heraus, bei der jedes Jahr nach dem Zufallsprinzip Gewinne an Anleihenbesitzer ausgeschüttet wurden. Im Jahr 1956 schuf die Regierung unter Harold MacMillan in Großbritannien ein ähnliches Losanleihenprogramm – Premium Bonds, die mit dem Slogan „Sparen als Erlebnis“ unter die Leute gebracht wurden. Dieses Programm wurde zunächst kontrovers diskutiert. Viele sahen es aufgrund seiner Verbindung zum Glücksspiel als unmoralisch an. Aber das Programm setzte sich durch und heute verfügen 23 Millionen Menschen, also beinahe 40 % der Bevölkerung Großbritanniens, über Premium Bonds. Neben anderen Ländern gibt es auch in Schweden derartige Anleihen.

Während allerdings diese Form der Anleihen in den Ländern, wo sie erfunden wurden, dazu beitrugen, die Sparquoten zu erhöhen, fanden sie in den Vereinigten Staaten keinen Anklang. Tufano möchte das ändern und seine Strategie ist es, diese Idee in Kooperationen mit Unternehmen in die Praxis umzusetzen. So wurde in Zusammenarbeit mit der in Columbus, im Bundesstaat Indiana ansässigen Centra Credit Union ein Pilotversuch mit einer Sparform gestartet, bei der man auch wie in einer Lotterie gewinnen kann. Wenn man damit Familien zum Sparen animiert, hofft Tufano die Gesetzgeber überzeugen zu können, diese Art des Sparens in Amerika leichter anbieten zu können.

Tufano gibt bereitwillig zu, dass die besten Ideen im Bereich Finanzinnovationen sehr alt sind, sogar hunderte Jahre alt. Sie verschwinden vielleicht eine Zeitlang und erscheinen nach ihrer Wiederentdeckung etwas merkwürdig, aber Menschen wie Yunus und Tufano zeigen, dass diese Ideen, aktualisiert und mit Hilfe uneigennützigen und leidenschaftlichen Engagements in die Praxis umgesetzt werden können. Die ihnen eigene Mitmenschlichkeit und das Engagement, das sie bei anderen Menschen in der Finanzwelt hervorrufen, lässt Hoffnung auf eine bessere Zukunft für jeden aufkommen, vor allem für diejenigen, die sie am dringendsten brauchen.

Robert J. Shiller ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Yale, Chefökonom des von ihm mitbegründeten Unternehmens MacroMarkets LLC (siehe macromarkets.com) und Verfasser von Irrationaler Überschwang und Die neue Finanzordnung.

You might also like to read more from or return to our home page.

Der Nachdruck von auf dieser Website veröffentlichen Materialien ohne schriftliche Einwilligung durch Project Syndicate stellt eine Verletzung internationalen Urheberrechts dar. Um eine entsprechende Nutzungsbewilligung einzuholen, wenden Sie sich bitte an distribution@project-syndicate.org.

You must be logged in to post or reply to a comment.
Please log in or sign up for a free account.



AUTHOR INFO

Robert Shiller, Professor of Economics at Yale University, is co-author, with George Akerlof, of Animal Spirits: How Human Psychology Drives the Economy and Why It Matters for Global Capitalism.