Finance in the 21st Century
Der wachsende Wohlstand der Nationen
Robert J. Shiller
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Gerade ist die neue Version 6.2 der „Penn World Table“ herausgekommen, die den Lebensstandard zwischen den verschiedenen Ländern vergleicht. Die neusten Zahlen betreffen das Jahr 2004, und aufgrund von Datenverzögerungen sind nicht alle Länder enthalten. Trotzdem sind diese Zahlen wertvoll, denn sie sind von herausragender Qualität und korrigieren systematisch die zwischen den einzelnen Ländern herrschenden Preisunterschiede – was manchmal zu erstaunlichen Ergebnissen führen kann.
Was die 82 Länder angeht, für die nun für 2004 Daten zur Verfügung stehen, so gibt es eine wirklich gute Neuigkeit: Das reale BIP pro Kopf ist in den Jahren 2000-2004 um durchschnittlich 18,9% gestiegen, d.h., durchschnittlich um 4.4% pro Jahr. Es geht den Menschen im Allgemeinen also deutlich besser als noch vor ein paar Jahren. Bei diesem Tempo würde sich das BIP pro Kopf alle 16 Jahre verdoppeln.
Viele Menschen, die sich in 2000 kein Auto leisten konnten, haben jetzt eines; Leute, die sich nur eines leisten konnten, haben jetzt zwei. Menschen, die es sich nicht leisten konnten, ihre Kinder auf eine gute Schule oder Universität zu schicken, können es nun. Und Entsprechendes gilt für viele verschiedene Waren und Dienstleistungen, die wir konsumieren.
Eine Überraschung ist dabei, dass sich in der Länderrangliste beim BIP pro Kopf seit 2000 kaum Unterschiede feststellen lassen. Trotz all des Geredes über das chinesische Wirtschaftswunder konnte China sich nur geringfügig verbessern: vom 61. Platz unter 82 Ländern im Jahre 2000 auf den 60. Platz in 2004 – obwohl sein reales BIP pro Kopf von 2000-2004 um 44% oder 9,6% pro Jahr angestiegen ist, die höchste Zunahme unter allen bedeutenden Ländern.
Dass China sich nicht deutlicher verbessern konnte, liegt daran, dass auch die anderen Länder ein wirtschaftliches Wachstum verzeichneten und dass die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern enorm sind. Die Spanne zwischen den ärmsten und den reichsten Ländern der Welt weist einen Faktor von mehr als 100 auf. Das durchschnittliche reale BIP pro Kopf der führenden 25% aller Länder beträgt 15 Mal das der letzten 25%.
Den Fortschritten dieser Länder zuzuschauen erinnert an einen Marathon. Zunächst ist man von den meisten Läufern beeindruckt – alle scheinen sich schnell zu bewegen. Wenn sie uns passieren – das Feld weit auseinander gezogen – so scheint es, dass einige Läufer rapide aufholen. Und trotzdem überholen sie einander häufig nicht, weil die Abstände zwischen ihnen derart groß sind. Tatsächlich sind andere Läufer schon außer Sichtweite, mit möglicherweise kilometerlangem Vorsprung.
China ist nicht die einzige Erfolgsgeschichte. Andere große Gewinner beim realen BIP pro Kopf zwischen 2000 und 2004 sind Litauen (+48%), Rumänien (+41%), Estland (+40%), Chile (+33%), Ungarn (+32%), Griechenland (+31%), Neuseeland (+28%), Australien (+25%), Korea (+23%), Irland (+23%), Südafrika (+23%) und Nigeria (+22%).
Mit am schlechtesten unter den bedeutenden Ländern war die Entwicklung in Israel (einem belagerten Land mit einem realen BIP-Wachstum pro Kopf von lediglich 2% zwischen 2000-2004) und Argentinen (das 2001-2002 einer schrecklichen Finanzkrise heimgesucht wurde, mit einem Wachstum von nur 9% zwischen 2000-2004). In einer Reihe lateinamerikanischer Länder verlief die wirtschaftliche Entwicklung während dieses Zeitraums relativ schwach, und in Uruguay fiel das reale BIP pro Kopf tatsächlich um den Bruchteil eines Prozents. Aber das Gesamtbild sieht erstaunlich gut aus.
Falls sich dieses Wachstumstempo fortsetzt, werden wir erleben, wie derzeit relativ arme Länder wie Indien, Indonesien, die Philippinen oder Nicaragua in 50 Jahren das Durchschnittsniveau der fortschrittlichen Länder erreichen. Aber natürlich werden sie diese Länder damit nicht eingeholt haben, denn auch diese werden sich weiterentwickeln.
Es ist heute schwer vorstellbar, wie die Welt bei einer Verdoppelung oder Vervierfachung des BIP aller Länder aussehen würde. Was würden diese Länder mit all dem Geld anstellen?
Im Jahre 1958 argumentierte der Ökonom John Kenneth Galbraith in seinem Bestseller The Affluent Society (Gesellschaft im Überfluss), dass die fortschrittlichen Länder – wie die USA sie verkörperten – endlich dem „grimmigen Mangel“ entkommen seien, bei dem dringende Notwendigkeiten unser Leben bestimmen, und „eine Welt des Überflusses“ erreicht hätten. Er schrieb: „So groß ist diese Veränderung [beim Lebensstandard], dass dem Einzelnen viele seiner Wünsche nicht einmal mehr bewusst sind. Sie werden dies erst, wenn sie durch Werbung und die Überzeugungskraft des Verkäufers künstlich hervorgerufen, ausgeschmückt und gefördert werden, und Werbung und Verkauf haben sich daher zu einigen unserer wichtigsten und die größten Begabungen anlockenden Berufe entwickelt.“
Nun jedoch ist das reale BIP pro Kopf drei Mal höher als 1958. Wofür geben die Leute das ganze Geld aus? Wird all dies von Werbefachleuten und Verkäufern bestimmt, die Bedürfnisse erfinden?
Laut meinen Berechnungen, bei denen ich Daten des US-Wirtschaftsministeriums für 1958 und 2005 verglichen habe, haben die Amerikaner 27% der enormen Zunahme auf ihre medizinische Versorgung verwandt, 23% auf ihre Häuser und Wohnungen, 12% auf den Transport, 10% für die Freizeit und 9% für persönliche Geschäftsaktivitäten.
Die Art von Dingen, für die Werbebranche und Verkäufer normalerweise werben, waren relativ unwichtig. Auf Nahrungsmittel entfielen lediglich 8% des zusätzlichen Geldes, auf Kleidung nur 3% und auf Körperpflege 1%. Auch für idealistische Aktivitäten wurde leider sehr wenig dieses zusätzlichen Geldes ausgegeben: 3% für wohltätige und religiöse Maßnahmen und ein ähnlicher Anteil für Bildung.
Der größte Teil des zusätzlichen Geldes wurde also darauf verwandt, gesund zu bleiben, ein schönes Zuhause zu haben, zu reisen und auszuspannen, und ein paar kleinere Geschäfte zu tätigen.
Dies ist, so scheint es, was sich in den USA tatsächlich ereignet hat. Vielleicht wird dasselbe auf der ganzen Welt passieren. Solange wir das gegenwärtige Weltwirtschaftswachstum aufrecht erhalten können, können sich Millionen von Menschen auf dieselbe Art von Verbesserungen freuen. Und das wäre wirklich ein Grund zur Begeisterung.
Robert J. Shiller ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Yale, Mitgründer und Chefökonom von MacroMarkets LLC (siehe macromarkets.com) und Verfasser von Irrationaler Überschwang und Die neue Finanzordnung.
Copyright: Project Syndicate, 2006.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Jan Neumann
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