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Sparsames China, verschwenderisches Amerika

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2006-08-22

Die Sparquote in China ist die höchste aller bedeutenden Länder. Chinas Bruttosparquote (der Prozentsatz des BIP, der nicht unmittelbar dem Verbrauch zugeführt wird), die sowohl öffentliche wie private Ersparnisse umfasst, liegt bei etwa 50%. Im Gegensatz hierzu ist die Sparquote in den Vereinigten Staaten die niedrigste unter allen wichtigen Ländern – etwa 10% vom BIP. Nahezu alle übrigen Länder fallen zwischen diese beiden Extremwerte.

Unterschiede bei der Sparquote sind sehr wichtig und als zentraler Grund dafür anzusehen, dass Chinas jährliches Wirtschaftswachstum inzwischen um volle sechs Prozentpunkte höher ist als das der USA. Wenn die Menschen die Hälfte ihres Einkommens sparen, können ihre Investitionen die Wirtschaft potenziell mit enormer Geschwindigkeit voranbringen. Das Sparverhalten in China ist Bestandteil eines „Tugendkreises“: Ein rasches wirtschaftliches Wachstum führt zu hohen Ersparnissen, die ihrerseits das rasche Wachstum stützen.

Die Differenz zwischen der chinesischen und der US-amerikanischen Sparquote wächst seit Jahrzehnten. Anfang der 1980er Jahre war Chinas Sparquote doppelt so hoch; inzwischen ist sie fünfmal so hoch. Warum sind diese Entwicklungsverläufe so unterschiedlich?

Unglücklicherweise lassen sich Sparquoten nicht präzise wissenschaftlich erklären. Ein paar länderübergreifende Verlaufsmuster sind offensichtlich: Ölreiche Länder tendieren dazu, viel zu sparen. Länder mit schwer wiegenden internen Krisen oder Konflikten tendieren dazu, wenig zu sparen. Aber keines dieser Verlaufsmuster sagt viel über den Unterschied zwischen den USA und China aus.

In einem gewissen Maße könnten die hohen Sparquoten in China seit Anfang der 1980er Jahre in der Abnahme des Vertrauens der Öffentlichkeit in das Gesundheitswesen, die Rentenzahlungen und das öffentliche Schulwesen sowie einem schwindenden Gefühl in Bezug auf die Sicherheit der Arbeitsplätze begründet liegen. Allerdings scheinen die gleichen Faktoren beim Sparverhalten auch in den USA in der gleichen Richtung zum Tragen zu kommen.

Etablierte Gewohnheiten erklären die Sparquote Chinas vermutlich besser. Wenn die Einkommen wie derzeit in China rasch ansteigen, ist das Sparen einfacher, weil sich die Menschen noch nicht an einen höheren Lebensstandard gewöhnt haben. Es macht ihnen daher nicht allzu viel aus, einen niedrigen Lebensstandard noch etwas länger aufrecht zu erhalten. Sie nehmen darüber hinaus zu erhöhtem Sparen ermutigende Strategien der Unternehmen oder des Staates an.

In China etwa begann der Aufwärtstrend beim Sparen etwa, als dort 1979 die Einkindpolitik des Landes umgesetzt wurde. Diese verhinderte, dass die Geburtenrate nach der Kulturrevolution von 1966-76 erneut in die Höhe schoss. Der verstorbene Nobelpreisträger für Ökonomie Franco Modigliani argumentierte in seinem letzten veröffentlichten Forschungsbeitrag im Jahre 2004 (gemeinsam verfasst mit Shi Larry Cao), dass diese demografische Veränderung einen Großteil der Erhöhung der Sparquote erklärt, da die Chinesen ihre Investitionen in die Kinder nun durch Kapitalinvestitionen ersetzten.

Doch wachsendes Einkommen und Demografie erklären nicht alles. Schließlich ist der Tugendkreis aus hohen Ersparnissen und rapidem Wachstum in China stärker ausgeprägt als in anderen Entwicklungsländern mit steigenden Einkommen und sinkenden Geburtenraten.

Dies legt nahe, dass den Differenzen bei den Sparquoten Chinas und der USA weitere, tiefer greifende Faktoren zugrunde liegen – Faktoren, die unterschiedliche Lebenserfahrungen und die Art und Weise, wie diese Erfahrungen durch die Kulturen beider Länder gefiltert werden, widerspiegeln.

Zum einen: Obwohl die Chinesen ihre Führer nicht selbst wählen, haben sie größeres Vertrauen in ihre Regierung. Laut den jüngsten World Values Surveys äußerten 96,7% der Chinesen Vertrauen in ihre Regierung, verglichen mit lediglich 37,3% der Amerikaner. Gleichermaßen meinten 83,5% der Chinesen, dass ihr Land für alle Menschen da sei statt nur für ein paar einflussreiche Interessensgruppen. Nur 36,7% der Amerikaner glaubten dasselbe von ihrem Land. Mit diesem vergleichsweise höheren Vertrauen sind Chinas Regierung und Unternehmen besser in der Lage, strikte Strategien zur Förderung von Sparsamkeit und Wachstum zu erlassen und umzusetzen.

Darüber hinaus gilt: Während in beiden Ländern die wirtschaftliche Ungleichheit zunimmt, nehmen Chinesen und Amerikaner dies sehr unterschiedlich war. In den USA, die weithin als „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ gelten, ist die Scham darüber, arm zu sein, unerträglich, und es gibt keinerlei kulturelle Ressourcen, die es diesen Menschen ermöglichen, sich ihre Selbstachtung zu bewahren – vor allem, wenn das Land insgesamt erfolgreich ist. Während die Ungleichheit wächst, suchen viele, die nicht Schritt halten können, das Gesicht zu wahren, und konsumieren, um den Anschein des Erfolgs aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig schwelgen jene, die von einem niedrigeren wirtschaftlichen Status aufsteigen, in ihrem neu gefundenen Wohlstand, indem sie spektakuläre persönliche Ausgaben an den Tag legen.

Im Gegensatz hierzu betrachten die armen Leute in China ihre persönliche Situation überwiegend als eine des Übergangs. Die Menschen erinnern sich noch immer an die Kulturrevolution und betrachten sich als Überlebende einer gemeinsamen traumatischen Erfahrung. Dies untermauert ein Bekenntnis zu kollektiver Opferbereitschaft, um das Land wieder aufzubauen. Es ist in China keine Schande, arm zu sein, weil man davon ausgeht, dass die eigenen Kinder oder Enkel wohlhabend und erfolgreich sein werden. Im Gegenteil, wie im Deutschland der Nachkriegszeit ist es eine Frage des Stolzes, hart zu arbeiten, um eine schwierige Situation zu bewältigen, die irgendwann in der Zukunft als historische Übergangsphase im Gedächtnis bleiben wird.

In den USA ist das eigene Einkommen ein dunkles Geheimnis, dass man nicht einmal dem Ehepartner gegenüber offen legt. In China erzählen die Menschen einander relativ freimütig, wie viel sie verdienen. Insbesondere auf dem Land wissen die Menschen, wie es ihren Nachbarn ergeht. Demonstrativer Konsum ist weniger wichtig, wenn die Leute das Einkommen ihrer Mitbürger sowieso schon kennen.

Natürlich leisten sich die Chinesen zunehmend extravagante neue Autos und Designerkleidung. Aber das Zur-Schau-Stellen des eigenen Konsums macht vergleichsweise weniger Spaß in einer Zeit, wo die vorherrschende nationale Story eine des Triumphes über widrige Umstände ist. Was den Menschen klarer vor Augen steht, sind die Geschichten über ihre Mühen und ihr wirtschaftliches Heldentum, die sie eines Tages ihren Kindern erzählen werden.

China dürfte mit größter Wahrscheinlichkeit noch auf Jahre hinaus mehr sparen als die USA. Aber wenn die kommende Generation in China die Kontrolle übernimmt, wird sich dies ändern. Die Kinder von heute werden ihre eigene Lebensgeschichte nicht unter dem Gesichtspunkt der Schwierigkeiten betrachten, die China durchlebt hat. Wenn dieser Wandel wirksam wird, wird die enorme Bereitschaft, zu sparen und staatliche Strategien zur Förderung des Sparverhaltens zu akzeptieren, nachlassen.

Robert J. Shiller ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Yale, Chefökonom des von ihm mitbegründeten Unternehmens MacroMarkets LLC (siehe macromarkets.com) und Verfasser von Irrationaler Überschwang und Die neue Finanzordnung.

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AUTHOR INFO

Robert Shiller, Professor of Economics at Yale University, is co-author, with George Akerlof, of Animal Spirits: How Human Psychology Drives the Economy and Why It Matters for Global Capitalism.