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Der wahre Wert des Geldes

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2005-12-27

Auf der ganzen Welt leiden die Menschen an einer schwerwiegenden Fehlwahrnehmung, die sie daran gehindert hat, konkrete Maßnahmen zu ihrem eigenen Schutz vor Inflation und Deflation zu ergreifen. Dieser Fehler wird die „Geldillusion“ genannt – der Glaube daran, dass eine nominale Währungseinheit das beste Wertmaß ist, obwohl ihr realer Wert unbeständig ist.

In der Geschichte hat das Versäumnis, sich vor Inflation und Deflation zu schützen, dazu beigetragen, unheilvolle Ergebnisse schneller herbeizuführen. Als Deutschland 1923 von einer spektakulären Inflation heimgesucht wurde, löschte diese den realen Wert der (ungesicherten und unindexierten) Lebensersparnisse und Sozialversicherungsleistungen von Millionen von Menschen aus, deren Wut zum Aufstieg des Nationalsozialismus beitrug.

Genauso hat eine spektakuläre Deflation in vielen Ländern der Welt in den frühen 1930er Jahren den realen Wert von (ungesicherten und unindexierten) Schulden vergrößert, was millionenfach zu Zahlungsverzug und Bankkonkursen führte. Die Deflation bauschte auch den realen Wert von Löhnen und Gehältern auf und förderte dadurch Entlassungen und Arbeitslosigkeit. Die unterlassene Sicherung und Indexierung brachte uns die Weltwirtschaftskrise. In weiten Teilen spiegelt auch Japans wirtschaftliche Missstimmung der letzten Jahre (ungesicherte und unindexierte) Schulden wider, die seit 1999 durch die Deflation aufgebläht wurden.

2003 beschwor eine IWF-Studie das Gespenst ähnlicher Probleme wie in Japan auf der ganzen Welt herauf und führte dreizehn Länder mit gemäßigtem bis hohem Deflationsrisiko auf, unter anderem China, Deutschland, Singapur und Polen. Dennoch haben die meisten Menschen, trotz überwältigender Beweise für die Bedeutung des Inflations- und Deflationsrisikos, selbst in den Ländern, die gewarnt wurden, im Allgemeinen immer noch keine Schritte unternommen, um sich zu schützen.

In Anbetracht der weit verbreiteten Gleichgültigkeit gegenüber Veränderungen der Verbraucherpreise ist der bescheidene Erfolg eines neuen Marktes zur Deckung des Inflationsrisikos beachtenswert, und zwar der des Terminmarktes für europäische Inflation am Chicago Mercantile Exchange (CME). Seit September wird an diesem neuen Markt der Harmonisierte Verbraucherpreisindex für die Eurozone – oder HVPI – gehandelt. Durch seinen An- und Verkauf können sich Unternehmen und Privatpersonen gegen Verluste durch Wertänderungen ihrer Währung schützen.

Das Open Interest umfasste vor kurzem 355 Kontrakte mit einem Nennwert von € 355 Millionen. Dies ist ein echter Anfang und wir sollten die Verbreitung derartiger Kontrakte unterstützen, um Milliarden von Menschen zu helfen, ihre Inflations- und Deflationsrisiken zu decken. Doch folgt dieser viel versprechende Anfang auf eine lange Reihe von Fehlschlägen, Inflations-Futures einzuführen, was auf das mangelnde Interesse der Öffentlichkeit zurückzuführen ist.

Diese Fehlschläge sind nur mit der Geldillusion zu erklären, die letzten Endes mit dem Phänomen verbunden sind, das Psychologen als „Framing“ (Einordnen) bezeichnen. Wie ein Konzept eingeordnet wird, der Kontext und die Assoziationen, mit denen es präsentiert wird, beeinflussen das menschliche Urteil immens. Eine Steuer namens „Todessteuer“ wird völlig anders betrachtet als eine Steuer namens „Erbschaftssteuer“, obwohl beide in Wirklichkeit identisch sind. Die Geldillusion entsteht, weil wir es gewohnt sind, dass wirtschaftliche Werte fast immer in Form von Geld eingeordnet werden.

Seit Jahren argumentiere ich, dass die nationalen Regierungen einige einfache Maßnahmen ergreifen sollten, um ökonomische Größen neu einzuordnen und dazu beizutragen, dass die Öffentlichkeit ihre Geldillusion überwindet. Sie könnten einfach eine indexierte Rechnungseinheit schaffen, um die Währung beim Einschätzen ökonomischer Größen und beim Festlegen von Preisen abzulösen. Die Einheit wäre nichts anderes als ein Verbraucherpreisindex, um ihr einen einfachen Namen zu geben, und sie würde täglich veröffentlicht, so dass die Menschen mit dieser Einheit und ihrem Namen die Realpreise berechnen könnten. Dies würde dazu beitragen, das öffentliche Denken zu verändern, und das ist alles, was eine Regierung eigentlich tun muss. Es wäre einfach und praktisch kostenlos.

Indexierte Rechnungseinheiten sind keine neue Idee; Chiles Regierung ging 1967 mit gutem Beispiel voran und führte die Unidad de Fomento (UF) ein, andere lateinamerikanische Länder folgten. Trotz des technisch klingenden Namens der Einheit scheinen die Menschen in Chile gelernt zu haben, bei wichtigen Verträgen in UF zu denken, anstatt in Pesos.

Chiles Beispiel folgend könnten die Regierungen auch das Steuersystem anhand der Rechnungseinheiten neu definieren, und nicht anhand der Währung. So müssten die Leute, die Steuerformulare ausfüllen, die Rechnungseinheiten lernen. Als Nebeneffekt wäre das Steuersystem automatisch vollständig und transparent mit der Inflation indexiert.

In meinem 2003 veröffentlichten Buch Die neue Finanzordnung schlug ich vor, dass solche Einheiten als „Körbe“ bezeichnet werden sollten, weil ein Verbraucherpreisindex den Preis eines repräsentativen Waren- und Dienstleistungskorbs auf dem Markt darstellt. Der Name ist sehr einfach und vermittelt eine neue begriffliche Einordnung: Indem man verspricht, jemandem zu einem späteren Zeitpunkt eine bestimmte Anzahl von Körben zu zahlen, verspricht man, in Waren- und Dienstleistungskörben zu bezahlen. Selbstverständlich wird die tatsächliche Bezahlung in der normalen Währung zum aktuellen Wechselkurs, basierend auf dem Verbraucherpreisindex, zwischen Körben und Währung vorgenommen.

Was wäre, wenn die Menschen sich tatsächlich daran gewöhnen würden, Mengen in Körben auszudrücken? Würden Terminkontrakte nicht völlig anders klingen, wenn sie als Kontrakte für „Körbe“ anstelle von HVPI neu eingeordnet würden? Ein Terminmarkt für den vollständigen Warenkorb, den Verbraucher kaufen, klingt sicherlich wichtig.

Letzten Endes ist der Fortschritt der Informationstechnologie die Rettung für Ideen wie den Terminmarkt für Inflation und die indexierten Rechnungseinheiten. Inflations-Futures scheinen teilweise an Einfluss zu gewinnen, weil der neue Kontrakt auf einem effizienten elektronischen Markt (dem Globex-System) gehandelt wird, durch den Terminkontrakte ohne die große anfängliche Aufmachung in Gang kommen können, die auf den Terminmärkten mit offenem Zuruf auf dem Parkett erforderlich ist.

Dies ist auch der Grund, warum eine amerikanische Börse überhaupt einen Markt für die europäische Inflation eröffnen kann; mit der neuen Informationstechnologie ist nicht mehr wichtig, wo die Menschen leben. Dies sollte ebenfalls dazu beitragen, indexierte Rechnungseinheiten populär zu machen, denn die Computertechnologie kann jetzt sämtliche Kalkulationen bewältigen, die an der Umrechnung in eine Währung beteiligt sind. Je eher dies passiert, desto eher werden wir eine weitere Geißel der finanziellen Instabilität hinter uns lassen.

Robert J. Shiller ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Yale University, Direktor von Macro Securities Research LLC und Autor der Bücher Irrationaler Überschwang und Die neue Finanzordnung.

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AUTHOR INFO

Robert Shiller, Professor of Economics at Yale University, is co-author, with George Akerlof, of Animal Spirits: How Human Psychology Drives the Economy and Why It Matters for Global Capitalism.