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Läuft die chinesische Wirtschaft heiß?

by Robert J. Shiller

Die chinesische Wirtschaft ist in einem so atemberaubenden jährlichen Tempo gewachsen – 9,5 % in den zwölf Monaten bis zum zweiten Quartal 2005 –, dass sie in der ganzen Welt gefeiert wird und offenbar Entwicklungsländer überall inspiriert. Doch ist das für China zu viel des Guten?

Seit er 2003 Präsident wurde, hat Hu Jintao wiederholt davor gewarnt, dass die chinesische Wirtschaft heißläuft, und seine Regierung hat vor kurzem entsprechende Maßnahmen ergriffen, indem sie im letzten Oktober die Zinssätze anhob, im Juni eine neue Steuer für Inlandsverkäufe einführte und den Yuan im Juli neu bewertete.

Doch die Behauptungen, dass China heißläuft, scheinen nicht auf einer beobachteten Inflation zu beruhen. Obwohl der chinesische Verbraucherpreisindex in den zwölf Monaten bis Juli 2004 um 5,3 % anstieg, was vor allem durch eine Spitze bei den Lebensmittelpreisen bedingt war, war die Inflation sowohl vorher als auch nachher unbedeutend.

Diese Behauptungen lassen sich auch nicht durch die chinesische Börse belegen, mit der es in den letzten Jahren allgemein eher bergab ging.

Stattdessen zitieren diejenigen, die behaupten, dass die chinesische Wirtschaft heißläuft, die hohe Investitionsrate bei Fabriken, Ausrüstung und Immobilien, die 2004 43 % des BIP erreichte. Aus dieser Sicht hat China zu viel investiert, zu viele Fabriken errichtet, zu viele Maschinen importiert und zu viele neue Häuser gebaut.

Doch kann eine aufstrebende Wirtschaftsmacht zu viel investieren? Bedeuten Investitionen nicht, dass die Lebensumstände der Menschen verbessert werden? Je mehr Fabriken und Maschinen ein Land besitzt und je mehr es alte Fabriken und Maschinen mit moderneren Modellen ersetzt, desto produktiver sind seine Arbeitskräfte. Je mehr Häuser es baut, desto besser ist das Privatleben seiner Bürger.

Mehrere Studien belegen, dass es einen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Investitionen in Maschinen und Fabriken gibt. 1992 zeigten Bradford DeLong von der University of California in Berkeley und Lawrence Summers, derzeit Präsident der Harvard University, in einer berühmten Veröffentlichung, dass Länder mit höheren Investitionen (besonders in die Ausrüstung) über ein höheres Wirtschaftswachstum verfügten. Eines ihrer Beispiele zeigte, dass sich Japans BIP pro Arbeitnehmer gegenüber dem argentinischen von 1960 bis 1985 mehr als verdreifachte, weil Japan – anders als Argentinien – stark in neue Maschinen und Ausrüstung investierte.

Kurz, je mehr Ausrüstung und Infrastruktur ein Land einrichtet, desto mehr davon steht seinem Volk als Arbeitsgrundlage zur Verfügung. Darüber hinaus lernt ein Land umso mehr über die neueste Technologie, je mehr es in die Ausrüstung investiert – und dieser Lernprozess ist sehr effektiv und praxisnah.

Daher scheint es so, als sei es kein Problem, dass China weiterhin neue Ausrüstung kauft, neue Fabriken errichtet und, so schnell es kann, neue Straßen und Brücken baut. Je schneller, desto besser, damit die zirka 1 Milliarde Menschen dort, die – gemessen am Weltstandard – noch nicht im Wohlstand leben, dies noch zu Lebzeiten erreichen können.

Und trotzdem muss jede Regierung darauf achten, dass Investitionen effektiv vorgenommen werden. In China ist die weit verbreitete Euphorie über die Wirtschaft ein Grund zur Sorge. Während eines Wirtschaftsbooms können einige universelle menschliche Schwächen zu irrationalem Verhalten führen.

Einfach ausgedrückt: Chinas Problem liegt darin, dass sein Wirtschaftswachstum bisher so spektakulär war, dass es die Fantasie der Menschen ein wenig zu stark beflügelt. In Zeiten wie diesen können sich die Leute leicht vorstellen, dass eine Wohnung in Shanghai in 10 oder 20 Jahren, wenn China wesentlich wohlhabender ist als heute, eine ungeheure Summe wert ist. Und wenn sie in 10 oder 20 Jahren eine ungeheure Summe wert ist, dann sollte sie auch heute viel wert sein, da die Realzinssätze – mit denen zukünftige Werte in heutige Werte umgerechnet werden – in China immer noch niedrig sind. In ihrer Begeisterung stehen die Leute Schlange, um Wohnungen zu kaufen.

Sicher ist ihre Schlussfolgerung grundsätzlich richtig, aber wenn die letztendlichen Wertdeterminanten so sehr von einer fernen Zukunft abhängen, dass man sie nicht klar erkennen kann, kann man vielleicht auch nicht klar denken.

Da der wirkliche Wert langfristiger Geldanlagen so schwer zu schätzen ist, liegt es in der Natur des Menschen, sich auf die Steigerungsrate bei den beobachteten Preisen zu konzentrieren und eine Fixierung der eigenen Aufmerksamkeit auf diese Anlagen genau dann zuzulassen, wenn ihr Wert sehr schnell steigt. Das kann die Anleger dazu bringen, schwerwiegende Fehler zu begehen und mehr für langfristige Anlagen zu bezahlen, als ratsam wäre, selbst wenn man davon ausgeht, dass die Wirtschaft in Zukunft wahnsinnig gute Erträge bringt. Es ist möglich, dass sie ihre Finanzen überstrapazieren, Werbeaktionen zum Opfer fallen, leichtsinnig in die falschen Aktien investieren und die Produktion aufgrund momentaner Begeisterung in bestimmte Regionen und Aktivitäten lenken, und nicht aufgrund der Berechnung wirtschaftlicher Grundlagen.

Deshalb ist das Wort „heißgelaufen“ vielleicht irreführend. Es ist vielleicht präziser zu sagen, dass die öffentliche Aufmerksamkeit auf einige der jüngsten Preisänderungen zu stark fixiert ist oder einige hohe Marktwerte zu stark annimmt. Wie auch immer man es nennt, es ist ein Problem.

Glücklicherweise neigen die Menschen auch dazu, den Machthabern ihres Landes zu vertrauen. Aus diesem Grund ist es umso wichtiger, dass die Machthaber nicht schweigen, wenn sich ein Klima der Spekulation entwickelt. Ihr Schweigen kann für die stillschweigende Annahme gehalten werden, dass bei langfristigen Anlagen schnelle Preissteigerungen garantiert sind. Die staatlichen Machthaber müssen ihre Stimme erheben und ihren Worten konkrete Taten folgen lassen, um der Öffentlichkeit zu signalisieren, dass man nicht erwarten kann, dass die Spekulationsblase weitergeht.

Genau damit hat die chinesische Regierung nun angefangen. Der Immobilienboom scheint abzukühlen. Wenn die Regierung diese Politik weiterhin verfolgt, werden die heilsamen Auswirkungen auf das öffentliche Vertrauen in die Unternehmen und Institutionen des Landes dazu beitragen, auf Jahre hinaus ein stabiles und nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu gewährleisten.

Robert J. Shiller ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Yale University, Direktor von Macro Securities Research LLC und Autor der Bücher Irrationaler Überschwang und Die neue Finanzordnung.

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