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Die Kultur des Unternehmertums

by Robert J. Shiller

Regierungen auf der ganzen Welt wollen das Unternehmertum fördern. Obwohl es die meisten Existenzgründungen nie zu viel bringen werden, stellt jede kleine Firma ein Experiment dar – und es sind eine Menge Experimente notwendig, um hin und wieder eine der Firmen hervorzubringen, die die Wirtschaft eines Landes verwandeln oder sogar internationale Bedeutung erlangen können. Kurzum, das Unternehmertum ist ein Brutkasten, und zwar einer, der eine Voraussetzung für langfristigen wirtschaftlichen Erfolg darstellt.

Erklärungen für die unterschiedlich starke Ausprägung des Unternehmertums in verschiedenen Ländern widmen den Unterschieden in den nationalen Einstellungen und der Politik heute große Aufmerksamkeit. Doch gibt es auch bedeutsame Unterschiede bei der Ausprägung des Unternehmertums innerhalb einzelner Länder. Den Menschen in Shanghai wird nachgesagt, sie seien unternehmerischer als die Menschen in Peking. Die Menschen in der ukrainischen Stadt Cherson sind unternehmerischer als die Menschen aus Kiew.

In einer neueren Studie weisen Mariassunta Giannetti und Andrei Simonov von der Handelshögskolan, der Hochschule für Wirtschaft in Stockholm, auf die gewaltigen Unterschiede in der Ausprägung des Unternehmertums in schwedischen Gemeinden hin. Sie definieren Unternehmer als Personen, die ein Einkommen aus einem Unternehmen beziehen, das sie leiten und in dem sie zumindest Teilzeit arbeiten. Sie haben innerhalb der 289 von ihnen untersuchten Gemeinden starke Unterschiede beim Anteil der Unternehmer an der Bevölkerung festgestellt, dieser schwankte zwischen 1,5 % und 18,5 %.

Was sagen diese Unterschiede über die wirklichen Ursachen für eine unternehmerische Einstellung aus?

Politische Änderungen auf nationaler Ebene können die Abweichung, die Giannetti und Simonov feststellten, nicht erklären. In den 80er und frühen 90er Jahren wurden zentralisierte Lohnvereinbarungen aufgehoben, und die schwedische Regierung senkte die Steuersätze für Privatleute und Unternehmen. In der Folge haben sich die unternehmerischen Aktivitäten im Land insgesamt verdoppelt, aber die verschiedenen Gemeinden haben ganz unterschiedlich reagiert. Wie kommt das?

Kulturelle Variablen scheinen eine Menge zu erklären: Religion und Politik waren für zirka die Hälfte der Schwankungen zwischen den Gemeinden verantwortlich. Die Gemeinden hatten tendenziell mehr Unternehmer, wenn sie einen hohen Anteil an Rentnern aufwiesen, die der Schwedischen Kirche (bis 2000 die offizielle Staatskirche) angehörten, sowie einen hohen Anteil an rechtsgerichteten Wählern.

Darüber hinaus scheint es einen Rückwirkungsmechanismus zu geben: Städte mit mehr Unternehmern bringen tendenziell noch mehr Unternehmer hervor. Sobald sich eine unternehmerische Kultur etabliert hat, breitet sie sich üblicherweise vor Ort aus, da die Menschen mehr über die Geschäftswelt lernen und sich davon angezogen fühlen, selbst wenn dabei kein sofortiger oder sicherer Gewinn entsteht.

Giannetti und Simonov stellten sogar fest, dass das durchschnittliche Einkommen der Unternehmer in Gemeinden mit hohem Unternehmeranteil niedriger war als in denen mit geringem Unternehmeranteil. In ähnlicher Weise zeigen Studien aus anderen Ländern, dass Unternehmer häufig über niedrigere Einstiegseinkommen und ein geringeres Einkommenswachstum verfügen als Angestellte in vergleichbarer Situation. Diese Untersuchungen legen nahe, dass die Unterschiede in der Ausprägung des Unternehmertums weniger durch bessere wirtschaftliche Möglichkeiten (der „Angebotsseite“ der unternehmerischen Gleichung) als durch kulturelle Unterschiede bedingt sind, die das Unternehmertum persönlich lohnender machen (die „Nachfrageseite“).

Diese Hypothese wird von Giannetti und Simonov unterstützt, die auf dem Standpunkt stehen, dass das unterschiedliche Ansehen der Unternehmer in verschiedenen Gemeinden u. U. für die unterschiedlichen Grade der unternehmerischen Aktivität verantwortlich ist. In einigen Gemeinden genießen Unternehmer einen hohen sozialen Status, unabhängig davon, ob sie bereits erfolgreich sind, an anderen Orten wird auf sie herabgesehen, und andere Beschäftigungen werden mehr bewundert.

Die Idee, dass das Ansehen wichtig ist, ist nicht neu. In ihrem Buch Money, Morals & Manners verglich die Soziologin Michèle Lamont Definitionen von Erfolg in Frankreich und den Vereinigten Staaten. Sie führte in beiden Ländern Interviews, und fragte, was es bedeutet, ein „ehrenwerter Mensch“ zu sein. Im Wesentlichen fragte sie die Teilnehmer, was sie im Leben für wichtig hielten was ihr persönliches Identitätsgefühl ausmachte.

Lamonts Studie bestätigte die herkömmliche Überzeugung, dass Amerikaner geschäftlichen Erfolg schätzen, wogegen die Franzosen größeren Wert auf Kultur und Lebensqualität legen. Ebenso wird in Frankreich häufiger offene Verachtung für geldgierige Geschäftsleute und Wettbewerb gezeigt als in Amerika.

Doch obwohl Lamont sich auf die Unterschiede zwischen Franzosen und Amerikanern konzentrierte, waren die signifikanten Unterschiede zwischen Regionen innerhalb Frankreichs das interessanteste Ergebnis ihrer Studie. Sie verglich Clermont-Ferrand, die Hauptstadt der Auvergne in Mittelfrankreich, mit Paris. Die Bewohner der Auvergne haben den Ruf, sparsam und streng zu sein und trotz erheblicher Fortschritte in letzter Zeit über relativ wenig gehobene Kultur zu verfügen.

Lamont stellte fest, dass die Menschen sowohl in Paris als auch in Clermont-Ferrand dazu neigten, Verachtung fürs „Geldscheffeln“ auszudrücken. Aber die Clermonter schätzten „Einfachheit, Pragmatismus, harte Arbeit und Entschlossenheit“, während die Pariser eine stärkere Betonung auf „Elan und Brillanz“ legten. Sie zog daraus den Schluss, dass „die Clermonter in vielerlei Hinsicht den Hoosiers (wie die Bewohner des Bundesstaates Indiana im Mittleren Westen der USA genannt werden) ähnlicher sind als den Parisern.“ Ihre Daten deuten darauf hin, dass in Clermont-Ferrand im Vergleich zu Paris ein größeres inneres Interesse vorhanden ist, Kleinunternehmen zu gründen.

Nahezu jedes Land ist aus lokalen Kulturen zusammengewürfelt, die sich darin unterscheiden, wie sie ihre Bewohner motivieren und ihre persönliche Identität ausbilden. Die Unterschiede, wie diese Kulturen definieren, was ein ehrbarer Mensch ist und wie Ehrbarkeit signalisiert wird, erklären wahrscheinlich einen Großteil der Abweichungen bei der Ausprägung der unternehmerischen Aktivitäten.

Ökonomen und andere neigen oft dazu, Länder als Ganzes zu betrachten und nationale Einstellungen und nationale Politik als Hauptfaktoren für das Fördern oder Dämpfen des unternehmerischen Geistes zu betonen. Doch in Wirklichkeit hängt der nationale Erfolg beim Unternehmertum von der Entwicklung der lokalen Kulturen und ihrem Zusammenwirken mit der nationalen Politik ab. Das Unternehmertum kann in kulturell ähnlichen Regionen in jedem Land Fuß fassen, nachdem widrige wirtschaftliche Hindernisse aus dem Weg geräumt sind, anschließend kann es von sich selbst zehren, um zu nationaler Bedeutung heranzuwachsen.

Robert J. Shiller ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Yale University, Direktor von Macro Securities Research LLC und Autor der Bücher Irrationaler Überschwang und Die neue Finanzordnung.

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