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Können wir uns gegen Tsunamis versichern?

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2005-01-25

Die Diskussion darüber, wie man auf die Tsunami-Katastrophe in Asien reagieren sollte, hat sich weitgehend auf staatliche Hilfsprogramme und offizielle Pläne zur Umsetzung von Frühwarnsystemen konzentriert. Kaum Diskussionen gab es dagegen über die Förderung privater Institutionen für das Risikomanagement, namentlich der Versicherungen.

Dies ist bedauerlich. Versicherungen bieten professionelles, präzise ausgearbeitetes Risikomanagement, das die Komplexität der abzusichernden Gefahren respektiert und kreativ auf individuelle Anforderungen reagiert. Die Förderung privater Versicherungen mag als indirekte Reaktion auf die Tsunami-Katastrophe erscheinen, aber sie ist eine vernünftige – und wirkungsvolle – Reaktion.

Die Versicherungsgesellschaften sind in viele der am stärksten betroffenen Regionen bisher nicht vorgedrungen. Einer Studie des Insurance Information Institute zufolge betrugen die Ausgaben für Nichtlebensversicherungen im Jahre 2003 lediglich 0,83% vom BIP in Indonesien, 1,19% in Thailand und 0,62% in Indien – gegenüber 5,23% vom BIP in den Vereinigten Staaten.

Auslandshilfe ist kein Ersatz für Versicherungen. Nächstenliebe inspiriert und vergewissert uns unserer Menschlichkeit, aber sie ist häufig launenhaft. Man würde sich nicht auf sie verlassen wollen. Tatsächlich scheinen die Länder bei ihren Entscheidungen über das Ausmaß der von ihnen angebotenen Hilfe häufig primär durch Überlegungen ihrer Führer hinsichtlich der Außenwirkung geleitet zu sein. Nächstenliebe reagiert auf Ereignisse, die aller Aufmerksamkeit auf sich ziehen, und lässt weniger sensationelle Katastrophen oft unbeachtet.

Die Versicherung andererseits ist eine verlässliche und ehrwürdige Institution, deren moderne Form bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht. Trotzdem haben sich die Versicherung und andere Institutionen für das Risikomanagement nur langsam entwickelt, und zwar selbst in fortschrittlichen Ländern. In den USA haben noch immer die wenigsten Menschen eine Flut- oder Erdbebenversicherung. In Kalifornien, einer der geologisch instabilsten Regionen weltweit, schließt nur einer von sechs Eigenheimbesitzern eine Erdbebenversicherung ab.

Ein grundlegendes Problem ist, dass sich das der Versicherung zugrunde liegende Konzept den wenigsten Menschen von allein erschließt. Tatsächlich haben die Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky gezeigt, dass Menschen dazu neigen, wenig wahrscheinliche Ereignisse als noch unwahrscheinlicher wahrzunehmen, sodass sie ihr Leben leben, als ob die Eintrittswahrscheinlichkeit dieser Ereignisse gleich null wäre. In ähnlicher Weise neigen die Menschen dazu, große Risiken einzugehen, nur um kleine, aber sichere Verluste – wie etwa Versicherungsprämien – zu vermeiden.

Die Versicherungsgesellschaften sehen sich einem langwierigen und schwierigen Prozess ausgesetzt, um die Öffentlichkeit von diesen Neigungen zu entwöhnen. Darüber hinaus ist die Entwicklung neuer Produkte für das Risikomanagement nicht einfach. Das Messen von Risiken ist für die Versicherungen per se schwierig, und sie müssen ihre Policen kreativ an die menschlichen Marotten anpassen, die deren Akzeptanz beschränken. Die Versicherer müssen außerdem eine enorme Vielzahl möglicher verhaltensinduzierter Risken – perverser Anreize zu riskantem Verhalten – beachten, sowie das Problem, bei der Kundenwerbung Risikoverzerrungen hervorzurufen.

Um effektiver mit Katastrophen umzugehen, müssen die Länder den Willen aufbringen, ein Umfeld zu schaffen, in dem eine deutlich weiter entwickelte private Versicherungsbranche florieren kann. In den USA etwa machte das Nationale Flutversicherungsprogramm von 1968 es denjenigen, die Baumaßnahmen oder Verbesserungen von Strukturen innerhalb besonders flutgefährdeter Gebiete finanzierten, zur Pflicht, eine Flutversicherung abzuschließen.

Wo keine verbindlichen Vorschriften bestehen, muss zumindest wirksam für Versicherungen geworben werden. Andernfalls werden die Menschen in flutgefährdeten Ebenen bauen, weil sie glauben, dass ihre eigene Regierung oder die Regierungen anderer Staaten sich verpflichtet fühlen werden, ihnen aus der Patsche zu helfen – wodurch de facto schlechte Risiken, die man nicht eingehen sollte, versichert würden.

Viele der schlimmsten Folgen ereigneten sich in Asien in tsunamigefährdeten Gegenden wie etwa den flachen Küstenbereichen Sri Lankas. Private Versicherungen würden aufgrund der unerschwinglichen Prämien von einer Bautätigkeit an den gefährlichsten Standorten abschrecken und gleichzeitig die Einführung tsunamisicherer Baustandards in Randbereichen ermutigen.

Glücklicherweise verbessern sich unsere internationalen Risikoanagement-Institutionen stetig. So werden seit einigen Jahren verschiedene Erdbeben und andere Disaster abdeckende Katastrophenanleihen sowie Wetterderivate gehandelt. Das Kyotoprotokoll hat einen Mechanismus für den Handel mit Kohlendioxidemissionen geschaffen, der verspricht, Risikomanagement für eine sogar noch größere potenzielle Katastrophe zu betreiben: die globale Erwärmung.

Noch sind die Märkte für diese Produkte klein; sie haben jedoch ein großes Wachstumspotenzial, und ihre Weiterentwicklung würde die Fähigkeiten der Versicherungsgesellschaften zur Abdeckung der Risiken bedeutender internationaler Katastrophen steigern.

Man denke etwa an das Fehlen eines Tsunami-Frühwarnsystems in den am stärksten betroffenen Ländern: Es ist einfach, den Menschen mangelnde Voraussicht vorzuwerfen, aber keines der neun am schwersten betroffenen Länder hatte ein solches System entwickelt. Sie können nicht alle Ignoranten sein; das Problem waren nicht individuellen Fehler, sondern das Versagen lag begründet im Fehlen geeigneter internationaler Institutionen, die besser vor dem breiten Spektrum der potenziellen Gefahren hätten warnen können.

Die Diskussion über Frühwarnsysteme für Tsunamis hat sich auf staatliche Programme konzentriert. Aber frühe Warnungen umfassen mehr als Meeressensoren und Satelliten; sie schließen auch Hinweise ein, die von Baumaßnahmen in katastrophengefährdeten Gebieten abhalten, und Anstöße an private Unternehmen, wirksame Sicherheits- und Evakuierungsverfahren zu entwickeln.

Dies sind die normalen Aktivitäten von Versicherungsunternehmen. Tatsächlich war eines der auffallendsten Merkmale der Tsunami-Katastrophe, dass sie einige der glanzvollsten Urlaubsanlagen völlig unvorbereitet traf. Die Lehre hieraus ist eindeutig: Selbst hochklassige Unternehmen handeln nur so professionell, wie es ihnen die bestehende institutionelle Infrastruktur erlaubt. Der letztendliche Grund für ihre mangelnde Vorbereitung war, dass unsere Versicherungsbranche ihr Tsunami-Risiko nicht abdeckte und also auch keine aktuellen Richtlinien zur Katastrophenvermeidung anbot.

Die Versicherungsbranche kann und sollte auf die Tsunami-Katastrophe reagieren, indem sie die moralische Notwendigkeit akzeptiert, eine konzertierte Aktion zur Ausweitung der Risikoabdeckung zu unternehmen. In sofern als Regierungen beteiligt sind, können diese durch auf die Bedürfnisse der Versicherer eingehende Regelungen und ggf. durch Subventionierung von Experimenten mit neuen privaten Versicherungsprodukten ein besseres Risikomanagement fördern.

Robert J. Shiller ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Yale University und Autor von Irrationaler Überschwang und Die neue Finanzordnung.

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AUTHOR INFO

Robert Shiller, Professor of Economics at Yale University, is co-author, with George Akerlof, of Animal Spirits: How Human Psychology Drives the Economy and Why It Matters for Global Capitalism.