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Sieben weitere schwere Jahre?

NEW HAVEN – Im August 2010 wurde in Jackson Hole das Wirtschaftssymposium der US-Notenbank abgehalten, das von vielen Zentralbankern und Ökonomen der Welt besucht wurde. In vielen der Diskussionen, die in die Öffentlichkeit drangen, ging es um eine dort vorgestellte Publikation, die die langfristige Zukunft der Weltwirtschaft pessimistisch bewertete.

Geschrieben wurde die Publikation „After the Fall“ (auf Englisch) von den Wirtschaftswissenschaftlern Carmen Reinhart und Vincent Reinhart. Ihre Arbeit stützt sich auf ein unlängst erschienenes Buch von Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff mit dem Titel Dieses Mal ist alles anders: Acht Jahrhunderte Finanzkrisen.

Vergleicht man das Jahrzehnt vor Finanzkrisen wie der, die vor drei Jahren begann, mit dem Jahrzehnt danach, so sind laut der Publikation der Reinharts das BIP-Wachstum und die Immobilienpreise im auf die Krise folgenden „Zehn-Jahres-Fenster“ wesentlich niedriger und die Arbeitslosigkeit ist höher. Daraus könnte man schließen, dass wir weiteren sieben schlechten Jahren entgegensehen.

Die Wirtschaftstheorie ist nicht ausreichend weit entwickelt, um große Wendepunkte anhand von Grundprinzipien oder mathematischen Modellen voraussagen zu können. Deshalb müssen wir uns in unserer Methode an der Geschichte orientieren. Dabei mag es sich zwar um eine „ungenaue“ Sozialwissenschaft handeln, doch müssen wir uns die Geschichte ansehen, selbst die ferne Vergangenheit, wenn wir andere Beispiele für große Krisen erfassen wollen.

Außerdem müssen wir die ganze Welt betrachten. Die meisten Wirtschaftswissenschaftler untersuchen die jüngere Geschichte ihres eigenen Landes, was am einfachsten ist, und ihre Ergebnisse klingen für die meisten ihrer Landsleute oberflächlich bedeutsam. Doch in einem einzelnen Land sind große Finanzkrisen selten, und wir müssen weit in der Geschichte zurückgehen, um genug Informationen über den Verlauf solcher Krisen zu sammeln.

Die Forschungsarbeiten der Reinharts und von Rogoff stellen eine Erweiterung und Verallgemeinerung des informellen ökonomischen Denkens vieler Menschen dar, das die Gegenwart häufig mit Geschichten von großen vergangenen Ereignissen vergleicht.

Seit die aktuelle Krise 2007 begann, haben sich viele Leute gefragt, ob die Große Depression, die auf den Börsenkrach von 1929 und die Bankenkrisen der frühen 1930er Jahre folgte, für das, was wir heute erleben, relevant ist. An der Großen Depression ist so beunruhigend, dass es sich um eine schwere, weltumspannende Krise handelte, die über ein Jahrzehnt dauerte – und dass sie auf den Einbruch eines Aktien- und Immobilienbooms folgte, ähnlich den Ereignissen vor der gegenwärtigen Krise.

Ebenso haben sich viele Menschen gefragt, ob die Konjunkturschwäche, die auf den Aktien- und Immobiliencrash in Japan Anfang der 1990er Jahre folgte, für das, was wir heute erleben, relevant ist. Sie sprachen von Japans „verlorenem Jahrzehnt“. Jetzt ist es eher angebracht, dieses Ereignis als die „verlorenen Jahrzehnte“ zu bezeichnen.

Sind diese Beispiele Modelle für unsere Zukunft? Sie stimmen auf jeden Fall nachdenklich. Doch eignen sie sich nicht als überzeugende Belege dafür, was in Zukunft geschehen wird – schließlich reichen zwei Beobachtungen kaum aus, um die Behauptung zu beweisen.

Nun haben die Reinharts und Rogoff aber systematisch viele weitere Beispiele der modernen Finanzgeschichte untersucht. Da ist auch die Weltfinanzkrise, die die Ölschocks 1973 und 1979 begleitete, und es gibt die länderspezifischen Finanzkrisen in Spanien 1977, Chile 1981, Norwegen 1987, Finnland und Schweden 1991, Mexiko 1994, Indonesien, Korea, Malaysia, den Philippinen und Thailand 1997, Kolumbien 1998 und in Argentinien und der Türkei 2001.

Es gibt also bei weitem mehr als nur zwei moderne Fälle (obwohl sie nicht völlig unabhängig voneinander sind, da sie zeitlich alle eher gebündelt auftraten). Anhand dieser Fälle stellten die Reinharts und Rogoff beispielsweise fest, dass die mittleren jährlichen Wachstumsraten des realen Pro-Kopf-BIP für die Industrieländer in dem Jahrzehnt nach einer Krise einen Prozentpunkt niedriger waren, während die mittleren Arbeitslosenquoten fünf Prozentpunkte höher lagen.

Wie ist das geschehen? Sie stellen fest, dass die Schuldenstände und der Fremdfinanzierungsgrad im Jahrzehnt vor diesen Krisen angestiegen sind und so lange Zeit die Preise für Vermögenswerte getrieben haben. Reinhart und Rogoff beschreiben ein „Dieses-Mal-ist-alles-anders-Syndrom“ während der Hochkonjunktur vor der Krise, wodurch die Spekulationsblasen viel zu lange fortbestehen können, weil die Menschen meinen, vergangene Ereignisse seien unerheblich.

In der Arbeit der Reinharts und von Rogoff scheint der Keim einer neuen Wirtschaftstheorie zu stecken, doch ist er noch nicht klar definiert. Sie scheint eine verhaltenökonomische Komponente zu haben, da das „Dieses-Mal-ist-alles-anders-Syndrom“ eher psychologisch als rational erscheint. Doch ist diese Theorie noch nicht genau genug umrissen, als dass wir uns beim Erstellen sicherer Prognosen wirklich auf sie verlassen könnten.

Darüber hinaus gibt es Grund zu der Annahme, dass dieses Mal tatsächlich alles anders ist. Ich sage es nur ungern, da ich nicht die Sünde begehen will, die ihr „Syndrom“ beschreibt, aber dieses Mal könnte alles anders sein, weil sich alle modernen Beispiele für vergangene Krisen in einer Zeit ereigneten, als viele Ökonomen weltweit die Vorzüge des Wirtschaftsmodells der „rationalen Erwartungen“ anpriesen. Nach diesem Modell sollte eine Marktwirtschaft so weit wie möglich sich selbst überlassen werden, was die Regierungen dann tendenziell auch taten.

Laut der Theorie der „rationalen Erwartungen“ existierten einfach keine Spekulationsblasen – was bedeutete, dass man tatsächliche Blasen wachsen ließ. Diese Denkart ist jedoch auf dem Rückzug: Führende Politiker und Unternehmer warnen jetzt routinemäßig vor Spekulationsblasen und fällen politische Entscheidungen, um ihnen entgegenzuwirken. Also ist es dieses Mal wirklich zumindest ein bisschen anders.

Vielleicht sind in diesem Fall die ganzen durch Krisen hervorgerufenen schlechten Jahrzehnte nicht mehr relevant. Doch gehören alle Hoffnungen, dass sich die Nachwirkungen der aktuellen Krise als nicht so schlimm erweisen werden, immer noch in die Kategorie „Gedanken, Theorien und Träume“ und nicht in die Wissenschaft.

Es ist nicht wahr, dass man sieben Jahre Pech hat, wenn man einen Spiegel zerbricht. Das ist Aberglaube. Doch wenn man einen Finanzmarkt unkontrolliert überdrehen lässt, bis er zusammenbricht, scheint es tatsächlich so zu sein, dass die Gefahr einer mehrjährigen Wirtschaftsflaute besteht. Das ist ein Muster in der Geschichte.

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