Vor einem Jahr verkündete die damalige Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice: „Wir befinden uns in erster Linie in einem Krieg der Ideen und nicht der Armeen“. Sie hatte Recht, aber die USA verlieren diesen Krieg, weil sie von der Al-Kaida regelmäßig überlistet werden.
Der steigende Antiamerikanismus auf der ganzen Welt droht den USA ihre Soft Power zu entziehen, die sie für einen Erfolg im Kampf gegen den Terrorismus benötigen. Wie der Irak gezeigt hat, kann militärische Hard Power allein keine Problemlösung bieten. Immer mehr Umfragen bestätigen, dass die Soft Power der Amerikaner vor allem in der islamischen Welt abnimmt. Selbst in angeblich den USA freundlich gesonnenen Ländern wie Jordanien und Pakistan vertrauen mehr Menschen Osama Bin Laden als George Bush.
Information ist Macht und heute hat ein viel größerer Anteil der Weltbevölkerung Zugang zu dieser Information. Lange vorbei sind jene Tage als Beamte des amerikanischen Außenministeriums in ihren Jeeps in Ländern der Dritten Welt in entlegene Dörfer fuhren und den von der Außenwelt abgeschnittenen Dorfbewohnern Filme auf Band vorführten. Technologische Fortschritte haben zu einer Informationsexplosion geführt und die Öffentlichkeit für Propaganda empfänglicher gemacht. Die Welt wird von Information überflutet, die manchmal präzise, in anderen Fällen aber auch irreführend ist.
Infolgedessen wurde die Politik zu einem Glaubwürdigkeitswettbewerb. Während die Welt der traditionellen Machtpolitik typischerweise von demjenigen definiert wird, dessen Militär oder Volkswirtschaft siegreich ist, geht es in der Politik des Informationszeitalters darum, wessen Story gewinnt. Regierungen konkurrenzieren untereinander und mit anderen Organisationen, um ihre eigene Glaubwürdigkeit zu stärken und die ihrer Gegner zu schwächen. Unglücklicherweise hat die Regierung der USA mit dieser Entwicklung nicht Schritt gehalten.
Sogar der wissenschaftliche Beirat des Pentagon, das „Defense Science Board” räumte dieses Faktum ein und stellt fest, dass es der strategischen Kommunikation Amerikas an „präsidialer Führung, effektiver interinstitutioneller Zusammenarbeit, optimalen Partnerschaften mit dem privaten Sektor und adäquaten Ressourcen“ mangle. In den letzten Jahren der Regierung Clinton schaffte der Kongress fälschlicherweise die Informationsbehörde „US Information Agency“ ab und legte ihre Aufgaben in die Hände eines neuen Unterstaatssekretärs für Öffentliche Diplomatie im amerikanischen Außenministerium.
Dieses Amt blieb in Folge entweder gänzlich vakant oder wurde während zwei der letzten vier Jahre nur interimsmäßig besetzt. Das Gesamtbudget für öffentliche Diplomatie (Funk und Fernsehen, Information sowie Austauschprogramme) beträgt 1,2 Milliarden Dollar. Das entspricht etwa der Summe, die Frankreich oder McDonald’s für Werbung ausgeben. Die US-Regierung gibt 450 Mal mehr für Hard Power als für Soft Power aus.
Im Jahr 1963 definierte der berühmte amerikanische Journalist Edward R. Murrow, der in der Zeit der Kennedy-Administration die US Information Agency leitete, öffentliche Diplomatie als Zusammenspiel, das nicht nur mit ausländischen Regierungen gesucht werden soll, sondern vor allem mit Einzelpersonen ohne offiziellen Hintergrund und mit Nichtregierungsorganisationen, die vielfach Zugang zu Meinungen abseits der offiziell vertretenen bieten. Skeptiker, die „öffentliche Diplomatie“ als Euphemismus für Regierungspropaganda in Funk und Fernsehen betrachten, übersehen dabei das Wesentliche. Simpler Propaganda mangelt es an Glaubwürdigkeit und daher ist sie kontraproduktiv. Zu öffentlicher Diplomatie hingegen gehört der Aufbau langfristiger Beziehungen.
Das Vordringlichste in der gegenwärtigen Situation ist die Entwicklung einer langfristigen Strategie für kulturelle und schulische Austauschprogramme, die darauf abzielen, in den Ländern des Nahen Ostens eine vielfältigere und offenere Zivilgesellschaft aufzubauen. Angesichts der bescheidenen Glaubwürdigkeit des offiziellen Amerika werden die effektivsten Vertreter wohl eher aus dem nichtstaatlichen Bereich kommen. Manche Analysten haben tatsächlich schon vorgeschlagen, in den USA eine vom Staat unabhängige Agentur für öffentliche Diplomatie zu schaffen, die sowohl von staatlicher als auch von privater Seite finanziert wird und für eine unabhängige grenzüberschreitende Kommunikation sorgen soll.
Konzerne, Stiftungen, Universitäten und andere gemeinnützige Organisationen können bei der Entwicklung einer offenen Zivilgesellschaft einen großen Beitrag leisten. Unternehmen und Stiftungen können Technologien anbieten, um arabische Bildungssysteme zu modernisieren und dort Perspektiven zu schaffen, die über reine Schulroutine hinausgehen. Amerikanische Universitäten können vermehrt Austauschprogramme für Studierende und Lehrende anbieten.
Stiftungen können den Aufbau von Institutionen für Amerikanistik in muslimischen Ländern fördern oder Programme zur Verbesserung der journalistischen Professionalität unterstützen. Sie können den Englisch-Unterricht fördern und Austauschprogramme für Schüler finanzieren. Kurzum, es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, eine langfristige Strategie zu entwickeln, die zur Bildung von Soft-Power-Ressourcen führt und geeignete Bedingungen für eine demokratische Entwicklung schafft.
Die Reaktion auf die jüngste Tsunami-Katastrophe in Asien ist ein typisches Beispiel. Präsident George W. Bush sagte den Opfern – wenngleich verspätet – 350 Millionen Dollar an Hilfsgeldern zu und entsandte hochrangige Emissäre in die Region. Überdies gibt es beeindruckende finanzielle Hilfe durch private karitative und gemeinnützige Organisationen. Die Bilder der kämpfenden US-Soldaten im Irak werden nun durch Bilder des amerikanischen Militärs ergänzt, wie es Hilfslieferungen an die Tsunami-Opfer verteilt.
Wirksame Folgemaßnahmen sind allerdings unerlässlich. Bushs frühere Ankündigungen über höhere Entwicklungshilfe und verstärkte Bemühungen zur Bekämpfung von HIV/AIDS in Afrika waren nicht nur moralische Imperative, sondern auch wichtige Investitionen in die amerikanische Soft Power.
Unglücklicherweise, sind die zur Umsetzung dieser Initiativen nötigen Mittel nicht so rasch geflossen, wie dies angekündigt wurde. Ebenso wichtig ist zu erwähnen, dass keine dieser Hilfsbemühungen oder Maßnahmen der öffentlichen Diplomatie Wirkung zeigen werden, wenn der Stil und die Substanz der US-Politik nicht im Einklang mit der übergeordneten demokratischen Botschaft stehen.
Das heißt, Condoleezza Rices oberste Aufgabe als amerikanische Außenministerin wird es sein, bei der Suche nach politischen Lösungen im Irak und den Friedensbemühungen im Nahen Osten, den Stil der amerikanischen Außenpolitik beratend anzulegen. Nur in diesem Fall wird es ihr gelingen, das ramponierte Image Amerikas durch die erneute Stärkung seiner vernachlässigten öffentlichen Diplomatie wiederherzustellen.


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