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Latin America

Neuanfang für Europa in Lateinamerika?

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2008-03-11

MAILAND – Laut Analysten der Investment-Bank Goldman Sachs werden Brasilien und Mexiko bis 2050 zu den führenden sechs Wirtschaftsnationen der Welt zählen. Kümmert das die Europäische Union? Soll Lateinamerika zur nächsten verpassten Geschäftschance Europas werden?

Lateinamerika zählt eine Bevölkerung von 550 Millionen Menschen mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von $ 4000, verfügt über immense Bodenschätze und ein beträchtliches Humankapital. 8 % der Weltproduktion entfallen auf Lateinamerika, und die Wirtschaft ist in den letzten drei Jahren jährlich um über 5 % gewachsen. Obwohl die Vereinigten Staaten der Hauptabnehmer der lateinamerikanischen und karibischen Exporte bleiben, wird Asien zu einem immer wichtigeren Markt für Waren, die aus Bodenschätzen gewonnen werden.

In den letzten vier Jahren hat Lateinamerika pro Jahr durchschnittlich $ 61 Milliarden ausländische Direktinvestitionen angezogen, von denen 60 % an Brasilien und Mexiko gingen. In den 90er Jahren wurden die ausländischen Investoren vor allem von Privatisierungsprogrammen in der Region angezogen, doch in der jüngeren Zeit gehören Fusionen und Übernahmen sowie Projekte im unerschlossenen, ländlichen Raum zur häufigsten Investitionsart. Wie zu erwarten war, ist Spanien der größte europäische Investor in der Region, obwohl mehrere wichtige spanische Betriebe in letzter Zeit von italienischen Unternehmen übernommen wurden, darunter auch das Versorgungsunternehmen Endesa, das von Enel gekauft wurde – dem nunmehr größten privaten Stromlieferanten Lateinamerikas.

Unterdessen haben die lateinamerikanischen Unternehmen ihre eigenen Auslandsinvestitionen erhöht. 2006 hat Brasilien $ 28,2 Milliarden im Ausland investiert, gegenüber einem Zustrom von $ 18,8 Milliarden. Tatsächlich werden aufstrebende Unternehmensriesen aus Lateinamerika und Asien in den kommenden Jahrzehnten im Mittelpunkt der weltweiten Investitionen stehen. 2006 gründeten die italienische Fiat-Gruppe und die indische Firma Tata Motors ein Gemeinschaftsunternehmen, um Personenkraftwagen und Motoren in Indien herzustellen. Im darauf folgenden Jahr weiteten sie ihre Partnerschaft auf Lateinamerika aus, wo sie $ 80 Millionen in die Produktion eines Tata-Kleinlastwagens in der Fiat-Fabrik im argentinischen Cordoba investierten.

Man kann nur hoffen, dass noch viele weitere große europäische Firmen diesem Beispiel folgen werden. Doch ist es für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) – die den Großteil der Firmen in Lateinamerika und Europa ausmachen – schwierig, auf internationaler Ebene zu handeln und zu investieren, unter anderem wegen der hohen Transaktions- und Informationskosten. In Europa scheinen sich Gruppen von KMU Vorteile durch Massenproduktion und Diversifikation zu schaffen und somit gemeinsam auf dem globalen Markt erfolgreich zu sein. In Lateinamerika wird diese europäische Erfahrung nun extensiv untersucht.

Dem Modell der italienischen Industriedistrikte folgend, haben sich in Brasilien vier lokale Produktionssysteme zum Projekt Promos/Sebrae/BID zusammengetan. Zwischen 2002 und 2006 haben die für die Unterstützung von KMU zuständigen brasilianischen Behörden zusammen mit der Mailänder Handelskammer Partnerschaften in verschiedenen Bereichen geschaffen, u. a. für Möbel, Schuhe, Designer-Unterwäsche und Kunsthandwerk aus verschiedenen Regionen des Landes. Es ist gut möglich, dass dieser Ansatz bereits die zukünftige Entwicklung andeutet.

Doch ist das Assoziierungsabkommen der EU mit Mexiko 10 Jahre alt, und Europa hat noch keine strategische Partnerschaft mit Brasilien. Dies kommt teilweise durch die nie enden wollenden Verhandlungen mit Mercosur, der viel geplagten – und immer noch unvollständigen – lateinamerikanischen Zollunion.

Derzeit handelt die EU verschiedene Abkommen zur Handelsliberalisierung mit allen regionalen Blöcken Lateinamerikas aus: mit Mercosur, der Karibischen Gemeinschaft, dem gemeinsamen mittelamerikanischen Markt (MCCA) und der Andengemeinschaft. Die EU muss bei ihren lateinamerikanischen Partnern auf weitere Integration drängen. Die Umsetzung einer gemeinsamen „Ursprungsregel“ für ihre Produkte wäre ein Anreiz dafür, ihren internationalen Handel weiter zu liberalisieren und somit wachsen zu lassen.

Eine vollständige Liberalisierung des Handels in Lateinamerika ist zwar ein schwieriges Ziel, muss aber in den Mittelpunkt der EU-Strategie gerückt werden, da sie das Wirtschaftswachstum rasant steigern würde. Doch selbst wenn Zölle und Quoten schrittweise reduziert werden, könnten die Handelsströme weiterhin gering ausfallen, wenn andere Handelskosten hoch bleiben. Die Zusammenarbeit der EU sollte daher darauf ausgerichtet werden, die Handelskosten zu senken.

Die entscheidende Frage ist der Zugang zum Markt. Die meisten lateinamerikanischen Länder erzielen immer noch magere Ergebnisse für ihre Exportbemühungen nach Europa, mit Ausnahme von Rohstoffen und Energieressourcen. Nach Einrichtung der Freihandelszone zwischen der EU und Chile sind die chilenischen Exporte in die EU beträchtlich gestiegen. Doch im Fall der Liberalisierung des Handels zwischen der EU und Mexiko sind die Importe aus der EU stärker gestiegen als die Exporte nach Europa, was zu einem wachsenden mexikanischen Handelsbilanzdefizit gegenüber der EU führt.

Dies passt nicht zu dem, was die EU seit dem Gipfel von Rio 1999 verkündet, dass nämlich Lateinamerika ein wichtiger politischer und Wirtschaftspartner sei. Europa muss seine Vorgehensweise ändern, wenn eine strategische Partnerschaft entstehen soll.

Die Europäische Kommission hat das verstanden. Obwohl die EU keine strategische Partnerschaft mit Brasilien hat, beabsichtigt sie, so schnell wie möglich eine einzugehen. Mitte 2007 bestätigte die Kommission, sie werde den Dialog der EU mit Mercosur wiederaufnehmen, mit dem Ziel, den Verhandlungen neuen Schwung zu geben.

Doch ist ganz klar, dass die Hoffnung der EU auf eine besondere Beziehung zu Brasilien nicht die regionale Integration behindern oder die Asymmetrien und Unausgeglichenheiten innerhalb des Blocks verstärken darf. Wenn Lateinamerika zu einem strategischen Partner der EU und zu einem attraktiveren Markt für europäische Unternehmen werden soll, müssen die europäischen Institutionen sich den Bedürfnissen der Region stärker öffnen.

Ein Neuanfang der EU-Beziehungen zu Brasilien und Mexiko könnte sich aufgrund der „Sogwirkung“, die er auf andere Länder haben könnte, als vielversprechend erweisen. Doch müssen begleitende Maßnahmen getroffen werden, um alle lateinamerikanischen Länder an Bord zu behalten. Sonst könnte sich Lateinamerika als die nächste verpasste Geschäftschance Europas erweisen.

Carlo Secchi ist Vizepräsident des Istituto per gli Studi di Politica Internazionale (ISPI) in Mailand und Direktor von ISLA (Institut für Lateinamerika-Studien und Transformationsländer) an der Universität Bocconi.

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AUTHOR INFO

Carlo Secchi is vice-president of the Istituto per gli Studi di Politica Internazionale (ISPI) in Milan and director of ISLA (Institute of Latin American Studies and Transition Economies) at Bocconi University.