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The Asian Century

Erneute Untersuchung der japanischen Kriegsschuld

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2006-12-28

„Es ist unsere Pflicht als Japans einflussreichste Zeitung, unseren Lesern zu sagen, wer die Verantwortung für den Ausbruch des Japanisch-Chinesischen Kriegs und des Pazifikkriegs trägt.“ Das schreibt Tsuneo Watanabe, Chefredakteur der in Japan (und weltweit) auflagenstärksten Zeitung Yomiuri Shimbun , im Vorwort zu dem Buch From Marco Polo Bridge to Pearl Harbor: Who Was Responsible .

Watanabe, der jetzt über achtzig ist und im Zweiten Weltkrieg in der Kaiserlichen Japanischen Armee diente, störte sich daran, dass nicht abgeschlossene Angelegenheiten aus dem Krieg weiterhin Japans Fortschritt aufhielten. Als Gegenmittel richtete er in seiner Zeitung einen Ausschuss zur erneuten Untersuchung der Verantwortung für den Krieg ein, der sich 14 Monate lang mit den Ursachen des japanischen Pazifikkrieges befassen sollte.

Watanabe berichtet, der Ausschuss sei zu dem Schluss gekommen, dass „nicht nur hochrangige Politiker der Regierung, Generäle und Admirale die Schuld auf sich nehmen sollten.“ Laut Ausschuss waren „Stabsoffiziere bei den Entscheidungen, Kriege zu beginnen und eskalieren zu lassen, häufig sogar einflussreicher als der Kaiser, Kriegsminister und Generalstabschefs und somit verantwortlich für viele Gräueltaten.“

Es ist bisher keiner Nation leicht gefallen, sich ehrlich der bitteren Tatsache zu stellen, Kriegsverbrechen und Völkermord begangen zu haben, andere Länder ungerechtfertigt angegriffen oder das eigene Volk misshandelt und umgebracht zu haben. Japan ist keine Ausnahme. Obwohl es zahlreiche Initiativen gab, die japanische Kriegsschuld zu beleuchten, insbesondere die Besetzung Chinas, hat es bisher noch keinen offiziellen Versuch gegeben, der mit dem der Deutschen vergleichbar wäre, die kollektive Verantwortung für die eigenen Kriegsverbrechen zu übernehmen.

Obgleich es sich bei den außergewöhnlichen öffentlichen Anstrengungen von Yomiuri nicht um eine Regierungsinitiative handelt, wird Japan wahrscheinlich niemals näher an eine akzeptable „offizielle“ Überprüfung und eine angemessene Entschuldigung herankommen. Der Stil des Werkes ist fast wissenschaftlich – sachlich, abgehackt und nüchtern – und es kommt Chinas Forderung nach einer überzeugenden Untersuchung und einem Akt der Reue sehr weit entgegen, wodurch die bittere und immer noch zersetzende Vergangenheit u. U. überwunden werden könnte.

Watanabe beklagt die Tatsache, dass, nachdem die japanischen Kriegsverbrecher in den Tokioter Prozessen 1951 vor Gericht gestellt wurden, „keine Anstrengungen im Namen Japans oder des japanischen Volkes unternommen wurden, um herauszufinden, bei wem die Verantwortung für den Krieg lag.“ Infolgedessen „kann es keinen wirklich ehrlichen und freundschaftlichen Dialog mit jenen Ländern geben, die beträchtliche Verluste und Opfer in den Kriegen mit Japan erlitten haben.“ Vielleicht hat der Bericht von Yomiuri sogar dazu beigetragen, Japans neuen Premierminister Shinzo Abe davon zu überzeugen, sofort im Anschluss an seine Wahl nach China zu reisen, um sich um bessere bilaterale Beziehungen zu bemühen.

Chinas Machthaber scheinen diesen Moment der japanischen Reue zur Kenntnis genommen zu haben. Das bedeutet einen Hoffnungsschimmer für das Verhältnis der beiden Länder – das wichtigste in Asien –, das in den letzten beiden Jahrzehnten durch Japans Widerwillen, sich seiner Vergangenheit zu stellen, stark gelitten hat, was auf beiden Seiten zu einem Blitzableiter für überhitzte nationalistische Empfindungen wurde.

Doch geht die Yomiuri -Studie weit genug? Obwohl sie Japan Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg zuschreibt und sogar unerschrocken die verantwortlichen politischen und militärischen Machthaber nennt, ist in dem Versäumnis, einige der japanischen Kriegshandlungen vollständig zu beschreiben, immer noch ein Hauch von Unwillen erkennbar. Die Schrecken des Nanking-Massakers von 1937 z. B., bei dem japanische Soldaten 45.000 bis 250.000 Chinesen umgebracht haben, darunter viele Zivilisten, werden lediglich kurz erwähnt.

Doch wäre es schade, wenn die chinesischen Politiker diese Anerkennung der japanischen Schuld nicht als Anzeichen der japanischen Bereitschaft zur Reue begrüßen würden. Die beschädigten bilateralen Beziehungen haben Chinas Wunsch nach einem „friedlichen Aufstieg“ nur ungewisser gemacht. Gleichzeitig haben sie Japans lang gehegten Wunsch, seine Kriegsschuld und den Status als „ausgestoßene Nation“ zu überwinden, nicht erfüllen können. Watanabe und Yomiuri Shimbun haben eine seltene Gelegenheit geschaffen, die zum größeren Wohl Chinas und Japans und der Welt ergriffen werden sollte.

Selbstverständlich ist es immer einfacher, Schuld abzuwälzen als sie auf sich zu nehmen. Und es stimmt auch, dass bisher noch kein japanischer Premierminister in Nanking auf die Knie gefallen ist, wie Kanzler Willy Brandt auf dem Gelände des Warschauer Ghettos, wo er sich mit den Worten „Kein Volk kann vor seiner Geschichte fliehen“ für Deutschlands Verbrechen entschuldigte.

Doch war das 1970, als die Erinnerungen an die Verwüstungen des Krieges noch frisch waren. Jetzt ist über ein halbes Jahrhundert vergangen. „Wenn alles so bleibt, wie es ist“, schreibt Watanabe, „wird eine verschrobene Wahrnehmung der Geschichte – ohne das Wissen um die Schrecken des Krieges – an zukünftige Generationen weitergegeben.“ Es wäre ein ungemein ermutigendes Anzeichen für Chinas wachsende Reife, wenn seine Machthaber diesen Moment nutzen würden, um ihre bittere Vergangenheit hinter sich zu lassen und einer neuen Zukunft mit Japan entgegenzublicken.

Orville Schell ist ein namhafter Chinaexperte und Dekan der Fakultät für Journalismus an der University of California in Berkeley.

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