The World in Words
Chinas Opferrollensyndrom
Orville Schell
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In China findet derzeit ein Wettkampf um die Seele des riesigen Landes statt, bei dem zwei starke Kräfte und zwei völlig unterschiedliche Haltungen gegenüber der Außenwelt aufeinander treffen. Der Ausgang wird große Auswirkungen darauf haben, ob es China gelingt, eine Nation zu werden, die wirklich konstruktive und dauerhafte Beziehungen mit der Außenwelt unterhalten kann.
Auf der einen Seite hat Chinas wirtschaftliche Revolution dazu beigetragen, das Land in der Welt als ein selbstbewusstes und unermüdliches Handelszentrum, eine verantwortungsvollere globale Macht und sogar als eine beruhigende militärische Präsenz zu positionieren. Auf der anderen Seite bleibt China seiner Vergangenheit und einer Mentalität verhaftet, die von dem Gefühl durchdrungen ist, ungerecht behandelt zu werden. Das verführt dazu, die Schuld für interne Probleme zu „exportieren“.
Die eigentliche Frage ist, ob China es schafft, dem Sog dieses alten psychologischen Syndroms zu entkommen – das es das ganze 20. Jahrhundert hindurch mit lähmenden Gefühlen der Schwäche, Unsicherheit und Erniedrigung beschäftigt hielt – und sich selbst von einer neuen Sichtweise der Welt und sogar alter Feinde leiten zu lassen.
Die antijapanischen Demonstrationen sind ein Symptom des alten Syndroms und werden von einem Groll angeheizt, der aus einer Zeit stammt, in der China tatsächlich verletzt und gedemütigt wurde. Bei Chinas wachsender wirtschaftlicher Schlagkraft, seinem steigenden Lebensstandard und seiner zunehmend angesehenen Stellung in der Welt sollte man hoffen, dass die Chinesen und ihre Machthaber eine Möglichkeit finden, die Vergangenheit zu begraben. Doch selbst während die Welt vom Glanz des „chinesischen Wunders“ geblendet wird, scheinen die Chinesen das dunkle Gefühl, schikaniert zu werden, nicht hinter sich lassen zu wollen.
Anstatt ein neues nationales Denkmuster anzunehmen, das auf der Realität der chinesischen Errungenschaften (nationale Einheit, stabiler Außenhandel und wachsender globaler Einfluss) beruht, hängen Chinas Machthaber an den alten Bildern ihres Landes als Opfer und als „kranker Mann Asiens“, der von den räuberischen imperialen und kolonialen Mächten wie Japan „wie eine Melone zerteilt“ wird. Die bittere Erinnerung an Unterdrückung und Ausnutzung besteht in den Köpfen zu vieler Chinesen fort, wie das Nachbild eines hellen Lichts, nachdem dieses längst ausgeschaltet ist.
Die japanische Besatzung Chinas war eine besonders unangenehme und verletzende Zeit, weil Japan eine asiatische und keine westliche Macht war. Darüber hinaus war Japan, genau wie China, eine Gesellschaft, die von der konfuzianischen Kultur durchdrungen war, was viele chinesischen Reformer im 19. und 20. Jahrhundert als entscheidendes Hindernis für die Entwicklung und Modernisierung ihres eigenen Landes ansahen.
Selbstverständlich hat Japan China besetzt, unvorstellbare Grausamkeiten begangen und bis jetzt keine Reparationen bezahlt oder sich überzeugend entschuldigt. Und trotzdem: Was hat China davon, diese Probleme 60 Jahre später immer wieder anzusprechen? Was ist das Risiko wert, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und einen der wichtigsten Handelspartner Chinas zu brüskieren?
Vor allem anderen erhalten die Führer der Kommunistischen Partei Chinas durch die Begünstigung und Aufwiegelung dieses Ausdrucks der allgemeinen Wut über Japan ein starkes und allzeit verfügbares Mittel, um zu Hause Unterstützung zu sammeln und damit ihre eigene Macht zu legitimieren. Gleichzeitig stehen die Demonstrationen für Chinas Wahrnehmung der Welt als einen ungerechten Ort, an dem die Schwachen zwangsläufig schikaniert, ausgenutzt und gedemütigt werden. Aufgrund dieser Mentalität ist anzunehmen, dass China trotz der herrlichen City-Silhouetten, der Reklametafeln und der glitzernden Fünf-Sterne-Hotels noch einen weiten Weg vor sich hat, bevor es seine tatsächlichen Leistungen und seinen Status wirklich verstehen und schätzen lernt.
Das Aufflammen organisierter Wut, sobald China angegriffen oder beleidigt wird, ist kaum etwas Neues. Die Reaktion der chinesischen Machthaber auf Amerikas versehentlichen Angriff der chinesischen Botschaft in Belgrad 1998 und auf den Zusammenstoß eines amerikanischen Spionageflugzeugs mit einem chinesischen Flugzeug über dem Pazifik sollte große, gegen das Ausland gerichtete Demonstrationen ermöglichen, wenn nicht sogar anheizen. Zu diesem Syndrom passt, dass der Außenminister Li Zhaoxing den Japanern vorgeworfen hat, „die Gefühle des chinesischen Volkes“ verletzt zu haben, indem sie sich nicht für ihre Verbrechen entschuldigt haben, als ob er Minister für Psychologie wäre, und nicht Außenminister.
Selbstverständlich verdienen Chinas verletzte Psyche und der Wunsch nach Entschädigung durch seine früheren Peiniger Verständnis. In diesem Sinne könnte man von China wie von vielen anderen Ländern behaupten, dass es etwas von einer manisch-depressiven Persönlichkeit hat. Ein Großteil der emotionalen Kraft von Maos Revolution stammte aus dem weit verbreiteten Gefühl, von den ausländischen Mächten ungerecht behandelt und gedemütigt worden zu sein. Und diese revolutionäre Inbrunst wurde nie richtig begraben. Genauso, wie Maos Porträt niemals vom Tor des Himmlischen Friedens abgehängt wurde, überleben ganze Teile seiner Revolution weiterhin in Chinas Institutionen, Denkstrukturen und in seiner Art, mit der Welt zu interagieren. Wie rezessive Gene treten sie hin und wieder plötzlich an die Oberfläche.
Die Opferrolle ist den Chinesen nur zu vertraut und vielleicht sogar in gewisser Hinsicht tröstlich, denn sie bietet eine Möglichkeit, Chinas Probleme zu erklären (und Ausreden dafür zu finden). Doch ist sie auch gefährlich, da sie sich aus Chinas alten Schwächen anstatt aus seinen neuen Stärken ableitet. Die Zeiten, als Japan eine militaristische und imperialistische Macht war, sind längst vorbei, und die Welt rennt China die Türen ein. Das Letzte, was das Land braucht, ist, in der Vergangenheit gefangen zu bleiben.
Orville Schell ist Autor zahlreicher, viel beachteter Bücher über China und Dekan an der University of California in Berkeley.
Copyright: Project Syndicate, 2005.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Anke Püttmann
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