Wednesday, October 22, 2014
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Schadenfreude-Kapitalismus

PRINCETON: Die anhaltende Finanz- und Wirtschaftskrise hat zuerst das amerikanische Kapitalismusmodell diskreditiert und anschließend die europäische Variante. Nun sieht es aus, als ob auch der asiatische Ansatz ein paar Schläge einstecken dürfte. Und so stellt sich nach dem Scheitern des Staatssozialismus die Frage: Gibt es tatsächlich keine richtige Methode, eine Volkswirtschaft zu organisieren?

Im Gefolge der Subprime-Krise und des Zusammenbruches von Lehman Brothers galten die USA als ein Beispiel dafür, wie schlimm die Dinge fehlschlagen können. Das amerikanische Modell sei gescheitert, so hieß es, sein Ruf war angeschlagen erst durch die Invasion im Irak und anschließend durch die Finanzkrise. Wer auch immer vom „American Way of Life“ träumte, nahm sich nun wie ein Trottel aus.

Dies war die Diagnose, die der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück unmittelbar nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers stellte und mit der er nicht nur die USA, sondern auch andere Länder, die ihr Finanzsystem „amerikanisiert“ hätten – insbesondere Großbritannien –, in Frage stellte. Das Problem, so Steinbrück, läge in der übermäßigen Abhängigkeit von hochkomplexen Finanzinstrumenten, die von globalisierten amerikanischen Finanzinstituten ausgegeben würden: „Die Finanzkrise ist in erster Linie ein amerikanisches Problem. Die übrigen Finanzminister der G7 in Kontinentaleuropa teilen diese Ansicht.“

Die Kritik an Amerika endete nicht dort. Steinbrücks Nachfolger Wolfgang Schäuble fuhr im selben Ton fort und attackierte die „planlose“ amerikanische Geldpolitik, die angeblich nur darauf ausgerichtet sei, das amerikanische Finanzmonster zu füttern.

Doch eine derartige Kritik ignoriert die Probleme jener Banken, die keine komplexen Finanzprodukte nutzen oder damit handeln. Die Bankenaufsichten hatten lange darauf beharrt, dass das Finanzinstrument, das ein Höchstmaß an Sicherheit böte, eine von einem reichen Industrieland begebene Staatsanleihe sei. Dann kam die Staatsschuldenkrise der Eurozone, die ihre Wurzeln in den laxen Staatsfinanzen einiger (meist südeuropäischer) Länder hatte.

Die Kritiker hatten jetzt einen neuen Fokus. Natürlich waren viele konservative Amerikaner hocherfreut vom unmittelbar bevorstehenden Versagen dessen, was sie als das Steuer- und Ausgabenmodell Europas mit seiner Abhängigkeit von einem kostspieligen und ineffizienten Wohlfahrtsstaat ansahen.

Sie waren nicht die einzigen Kritiker. Der Vorsitzende der China Investment Corporation, Jin Liquin, äußerte sich skeptisch über einen vorgeschlagenen chinesischen Bailout Europas, das er als „verschlissene Wohlfahrtsgesellschaft“ mit „angestaubten“ Wohlfahrtsgesetzen bezeichnete, die zu Abhängigkeit und Faulheit führten.

Die Kritik an hohen europäischen Transferleistungen mag insofern eine gewisse Berechtigung haben, als französische, griechische und italienische Staatsdiener in der Tat jung in Pension gehen. Und restriktive Arbeitsgesetze haben tatsächlich viele Firmen von Neueinstellungen abgehalten. Doch erfasst diese Kritik nur einen kleinen Teil der europäischen Schwierigkeiten.

Die Haushaltsprobleme Griechenlands und Spaniens resultieren zudem aus hohen Ausgaben für Hochtechnologien und Prestigeprojekte: Anlagen für die Olympischen Spiele, neue Flughafengebäude und Hochgeschwindigkeitszüge. Und Spanien und Irland hatten vor der Krise kein Haushaltsproblem, weil ein Immobilienboom für ein hohes Wirtschaftswachstum sorgte, das eine neue Wirtschaftswunder-Ära zu versprechen schien.

Eines der am häufigsten verwendeten chinesischen Wörter der letzten Jahre ist 幸灾乐祸 (xìng zāi lè huò), was sich am ehesten mit „Schadenfreude“ übersetzen lässt: Jemand anders – irgendeine andere Gesellschaft – ist auf einer enormen politischen Bananenschale ausgerutscht. Die nach Amerika und Europa blickenden asiatischen Kritiker konnten sich mit Leichtigkeit überzeugen, dass das westliche Modell des demokratischen Kapitalismus am Zusammenbrechen sei.

Doch sind ähnliche Anlageinvestitionen und steil in die Höhe schießende Immobilienpreise nicht auch ein zunehmend wichtiger Teil des chinesischen Wandels seit den 1990er Jahren? Chinas Bürger jedenfalls sind inzwischen nicht nur frustriert von den zunehmend offensichtlichen Unzulänglichkeiten und Mängeln der Hochgeschwindigkeitszüge, sondern fragen sich auch, ob ihre Regierung die richtigen Prioritäten gesetzt hat.

Schadenfreude kommt in mehreren Geschmacksnoten. Der russische Ministerpräsident Wladimir Putin und Argentiniens Präsidentin Christina Kirchner redeten sich gerne ein, dass ihre Varianten einer gelenkten Wirtschaft und Gesellschaft, die im Gefolge eines Zahlungsausfalls bei den Auslandsschulden dieser Länder errichtet wurden, eine praktikablere Alternative gegenüber dem kosmopolitischen internationalen Kapitalismus darstellten. Beide haben jetzt große Probleme mit desillusionierten Bevölkerungen.

Um es auf den Punkt zu bringen: Die wichtigen globalen Volkswirtschaften haben viel mehr gemeinsame Schwächen als gemeinhin angenommen. Eine lediglich auf Schadenfreude basierende Reaktion auf globale Herausforderungen mag den Menschen kurzfristig ein gutes Gefühl vermitteln, da sie sich häufig einreden, was für ein Glück sie doch hätten, einem Schlammassel entgangen zu sein, dessen Ursprung woanders liegt. Doch dann treten sie schnell auf ihre eigene Bananenschale; tatsächlich ist die heutige Weltwirtschaft ein Tohuwabohu abgleitender Wirtschaftsmodelle. Und die Kakophonie von morgen wird sogar noch lauter sein.

Gibt es also eine absolut sichere Methode, sein Wirtschaftsleben zu organisieren? Falls es darum gehen soll, dauerhaft die eigene Sicherheit oder Dominanz zu gewährleisten, lautet die Antwort „Nein“.

Den Vergleichen zwischen den unterschiedlichen Modellen liegt der Wunsch zugrunde, eine absolute sichere Methode zu finden, um Wohlstand zu schaffen. In einer Marktwirtschaft jedoch führt Wettbewerb schnell zur Nachahmung, und im Verbund mit der ursprünglichen Neuerung erzielte hohe Gewinne erweisen sich als vorübergehend. Aus längerfristiger Sicht gibt es nur zeitweilige Spitzen relativen Wohlstands, genau wie es nur vorübergehende Spitzen beim anscheinenden Erfolg einer bestimmten Geschäftsmethode gibt.

Die Pioniere und Innovatoren der Industriellen Revolution in Westeuropa des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts in der Textil-, Stahl- und Eisenbahnindustrie wurden im Großen und Ganzen nicht mit immensen Reichtümern belohnt: Ihre Gewinne fielen dem Wettbewerb zum Opfer. Das späte 19. und 20. Jahrhundert brachten eine andere Art von Wachstum hervor, weil staatliche Politik und öffentliche Ressourcen genutzt werden konnten, um den angehäuften Wohlstand vor der andernfalls unvermeidlichen Erosion durch den Wettbewerbsdruck zu schützen.

Hinter der Idee eines bestimmten Wachstumsmodells stand die Vorstellung, dass ein vernünftig geordneter Staat die Früchte wirtschaftlichen Erfolges auf irgendeine Weise erfassen und verstetigen könne. Doch ob es einem gefällt oder nicht: Staaten können sich nicht besser auf diese Weise organisieren als der Einzelne.

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  1. CommentedTim Colgan

    Fascinating article. So, instead of asking “what is the correct economic system?” we should be starting with the assumption that all economic systems are doomed to failure and simply ask “what is the best economic system for the time being?”

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