CAMBRIDGE, MASS.: Wenn es auf der Welt gerecht zuginge, würden die meisten Schwellenmärkte die Finanzkrise, die derzeit die hoch entwickelten Volkswirtschaften der Welt im Griff hat, nur von außen zusehen – vielleicht nicht völlig unberührt, aber auch nicht allzu besorgt. Ausnahmsweise sind es nicht ihre Exzesse, die die Finanzmärkte in Brand gesteckt haben, sondern die der Wall Street.
Die Auslands- und Finanzpositionen der Schwellenmärkte waren – dank der bitteren Lehren, die sie aus ihrer krisenanfälligen Geschichte gezogen hatten – stärker denn je. Man hätte diesen Ländern sogar ein gewisses Maß an Schadenfreude zugestehen können angesichts der Schwierigkeiten, in denen die USA und andere reiche Länder derzeit stecken – so, wie man von Kindern eine perverse Freude erwarten kann, wenn die eigenen Eltern in genau jene Schwierigkeiten geraten, vor denen sie den Nachwuchs stets so nachdrücklich gewarnt haben.
Stattdessen leiden die Schwellenmärkte unter Finanzverwerfungen von möglicherweise historischen Ausmaßen. Die Befürchtung ist nicht mehr, dass sie nicht in der Lage sein werden, sich abzuschotten, sondern dass ihre Volkswirtschaften in sehr viel tiefere Krisen hineingezogen werden könnten als jene, die man im Epizentrum des Subprime-Debakels erleben wird.
Einige dieser Länder hätten es besser wissen und sich eher schützen sollen. Island etwa, das sich im Wesentlichen in einen hochgradig fremdkapitalisierten Hedgefonds verwandelt hatte, kann wenig zu seiner Entschuldigung vorbringen. Mehrere mittel- und osteuropäische Länder – wie Ungarn, die Ukraine und die Baltischen Staaten – haben ebenfalls gefährlich gelebt: Sie haben große Leistungsbilanzdefizite angehäuft, und ihre Unternehmen und Haushalte haben enorme Kredite in Fremdwährungen aufgenommen. Argentinien, das Enfant terrible des internationalen Finanzsystems, war immer für einen Griff in die Trickkiste gut, der die Anleger verschrecken würde – in diesem Fall die Verstaatlichung seiner privaten Pensionsfonds.
Doch haben die Finanzmärkte kaum Unterschiede zwischen diesen Ländern und anderen wie Mexiko, Brasilien, Südkorea oder Indonesien gemacht, die bis vor ein paar Wochen noch als Muster finanzieller Gesundheit da standen.
Man bedenke etwa, was Südkorea und Brasilien passiert ist. Beide Volkswirtschaften hatten vor nicht allzu langer Zeit Währungskrisen erlebt – Südkorea 1997-1998 und Brasilien 1999 – und beide ergriffen in der Folge Maßnahmen, um ihre finanzielle Widerstandsfähigkeit zu erhöhen. Sie verringerten die Inflation, gaben ihre Währungen frei, erwirtschafteten Leistungsbilanzüberschüsse oder nur geringe -defizite und häuften vor allem Berge von Devisenreserven an (die inzwischen ihre kurzfristigen Auslandsschulden locker übersteigen). Brasiliens solides Finanzgebaren wurde erst im April diesen Jahres belohnt, als Standard & Poor’s sein Kreditrating auf „Investment Grade“ erhöhte. (Südkorea hat ein solches Rating schon seit Jahren.)
Trotzdem müssen beide an den Finanzmärkten massive Prügel einstecken. In den letzten beiden Monaten haben ihre Währungen gegenüber dem US-Dollar rund ein Viertel ihres Wertes verloren. Ihre Aktienmärkte sind sogar noch stärker gefallen (40% in Brasilien und ein Drittel in Südkorea). Nichts davon lässt sich mit den wirtschaftlichen Rahmendaten begründen. Beide Länder haben in letzter Zeit ein starkes Wachstum erlebt. Brasilien ist ein Rohstoffexporteur, Südkorea nicht. Südkorea ist enorm vom Export in die hoch entwickelten Länder abhängig, Brasilien sehr viel weniger.
Diese und andere Schwellenländer sind Opfer einer rationalen Flucht in sichere Häfen, die durch eine irrationale Panik verschärft wird. Die staatlichen Garantien, die die Regierungen der reichen Länder ihren Finanzsektoren ausgestellt haben, haben die kritische Demarkationslinie zwischen „sicheren“ und „riskanten“ Anlagewerten klarer zutage treten lassen – und die Schwellenmärkte fallen eindeutig in die letztere Kategorie. Die wirtschaftlichen Rahmendaten sind dabei auf der Strecke geblieben.
Um die Sache noch schlimmer zu machen, fehlt es den Schwellenmärkten an jenem einen Instrument, dass die hoch entwickelten Länder nutzen, um die Finanzpanik zu Hause einzudämmen: nationale Finanzressourcen bzw. Liquidität. Schwellenmärkte brauchen Devisen und damit Hilfe von außen.
Was zu tun ist, ist klar. Der Internationale Währungsfonds und die Notenbanken der G7-Staaten müssen als globale Kreditgeber letzter Instanz auftreten und für reichlich Liquidität sorgen – und zwar schnell und ohne allzu viele Bedingungen –, um die Währungen der Schwellenmärkte zu stützen. Das erforderliche Kreditvolumen dürfte sich auf hunderte von Milliarden US-Dollar belaufen und alles übersteigen, was der IWF bisher getan hat. Aber es herrscht kein Mangel an Geld. Wenn nötig, kann der IWF Sonderziehungsrechte ausstellen, um für die nötige globale Liquidität zu sorgen.
Darüber hinaus muss sich China, das über Devisenreserven im Umfang von fast zwei Billionen Dollar verfügt, an dieser Rettungsaktion beteiligen. Die Dynamik der chinesischen Volkswirtschaft ist in hohem Maße vom Export abhängig, der unter einem Zusammenbruch der Schwellenmärkte stark leiden würde. Tatsächlich könnte China – das zur Finanzierung des sozialen Friedens auf ein hohes Wachstum angewiesen ist – das Land sein, das von einem globalen Abschwung am meisten zu befürchten hat.
Nacktes Eigeninteresse sollte auch die hoch entwickelten Länder überzeugen. Zusammenbrechende Währungen in den Schwellenländern und der hiervon ausgehende Druck auf den Handel würden es für sie umso schwerer machen, einen deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit im eigenen Lande zu verhindern. In Ermangelung einer Deckungslinie für die Finanzen der Schwellenländer ließe sich der GAU eines an die 1930er Jahre erinnernden protektionistischen Teufelskreises nicht mehr ausschließen.
Die US Federal Reserve und der Internationale Währungsfonds haben beide einige positive Schritte eingeleitet. Die Federal Reserve hat mit vier Ländern (Südkorea, Brasilien, Mexiko und Singapur) Devisenswap-Vereinbarungen im Volumen von jeweils 30 Milliarden Dollar geschlossen. Der IWF hat für eine begrenzte Zahl von Ländern, die eine gesunde Politik verfolgen, eine neue kurzfristige Kreditfazilität zur schnellen Zuteilung angekündigt. Die Frage ist, ob das ausreicht, und was mit jenen Ländern passiert, die diese Programme nicht werden nutzen können.
Wenn also am 15. November die G20-Länder in Washington zu ihrem Krisengipfel zusammenkommen, sollte dieser Tagesordnungspunkt ihre Gespräche bestimmen. Um über ein neues Bretton Woods und die Schaffung eines global Aufsichtssystems zu reden, ist später noch reichlich Zeit. Jetzt hat die Rettung der Schwellenmärkte vor den Folgen der finanziellen Torheiten der Wall Street Vorrang.


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