Economics and Justice
Der Marsch in die Barbarei
Jeffrey D. Sachs
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Als eine Folge des Irak-Krieges wird (wieder einmal) die trügerische Trennlinie zwischen „zivilisierten" und „barbarischen" Ländern offenbar. Wie die Misshandlungen im Abu-Ghraib-Gefängnis klar zeigten, sind die Vereinigten Staaten wie jedes andere Land auch zur Barbarei fähig. Vielfach wird von dieser Barbarei im Irak keine Notiz genommen, wenn beispielsweise amerikanische Panzer in irakische Wohngegenden einfallen und Dutzende unschuldige Menschen im Namen des Kampfes gegen die „Aufständischen" töten. Die Barbarei ist allerdings an vielen Orten zu finden, wie auch die grässliche Enthauptung einer amerikanischen Geisel deutlich machte.
Unter gewissen Voraussetzungen ist jede Gesellschaft anfällig, in die Barbarei zu versinken. Zahlreiche Historiker sind der Meinung, dass die deutsche Gesellschaft unter Hitler einzigartig böse war. Falsch. Die Niederlage im Ersten Weltkrieg, der drakonische Friedensvertrag aus dem Jahr 1919, die Hyperinflation in den 1920er Jahren und die Große Depression in den 1930er Jahren destabilisierten Deutschland, das ansonst nicht einzigartig barbarisch war. Ganz im Gegenteil: Im frühen 20. Jahrhundert war Deutschland eines der reichsten Länder der Welt, mit einem beneidenswert hohen Bildungsstandard und einer fortgeschrittenen Wissenschaft. Hannah Arendt kam der Sache schon näher, als sie von der „Banalität des Bösen" schrieb und nicht von seiner Einzigartigkeit.
Der Abstieg in die Barbarei scheint von zwei Merkmalen gekennzeichnet zu sein. Erstens die unabwendbare Neigung des Menschen, die Welt in „Wir" und „die Anderen" einzuteilen, und den „Anderen" dabei das Menschsein abzusprechen. Derartige Klassifizierungen entwickelten sich wahrscheinlich deshalb, weil damit der Zusammenhalt in der Gruppe gefördert wurde. Durch das Schüren des Hasses auf die Außenstehenden wurde wiederum die Zusammenarbeit in der Gruppe erleichtert.
Hass und Gewalt gegen „die Anderen" scheinen sich am stärksten als Reaktion auf Angst zu manifestieren: Sie sind Überlebensreaktionen. Der Abstieg in die Barbarei erfolgt im Allgemeinen inmitten ökonomischer Krisen oder wenn es lokal schon zu Gewaltausbrüchen gekommen ist. Durch die Angst und um sich zu schützen wächst die Gruppe enger zusammen, indem sie möglicherweise die gegnerische Gruppe angreift.
Dieses Verhaltensmuster kam in den 1990er Jahren in den Kriegen in Ex-Jugoslawien zum Vorschein, wo sich ethnische Gemeinschaften, die vorher mehr oder weniger friedlich zusammenlebten, inmitten einer tiefen Wirtschaftskrise in einen Bürgerkrieg verstrickten. In ähnlicher Weise haben auch Israelis und Palästinenser in einem tragischen Wechselspiel gegenseitiger Angst, das Extremisten auf beiden Seiten Auftrieb verlieh, barbarische Taten begangen. Im israelisch-palästinensischen Debakel hat sich keine Seite mit Ruhm bekleckert, aber Israel mit seiner viel stärkeren Armee hätte klügere politische Entscheidungen treffen können und sollen, als die Besetzung des Westjordanlandes durch Siedler.
Die amerikanischen Reaktionen auf die Folterszenen in Abu Ghraib und der darauf folgenden Enthauptung der amerikanischen Geisel Nicolas Berg zeigen deutlich, wie sich die Barbarei in einem angeblich zivilisierten Land ihren Weg bahnt. Im Mai 2004 führte die New York Times eine Leserumfrage in der amerikanischen Stadt Oswego im Bundesstaat Illinois durch. Ein pensionierter Geschäftsmann erklärte: „Töten wir sie alle. Tilgen wir sie von der Erdoberfläche". Ein Nazi-Führer hätte es auch nicht anders ausgedrückt.
Der Fahrer eines Abschleppwagens meinte, dass die Enthauptung, „nur bestätigt, was ich mir schon vorher dachte. Wir greifen nicht hart genug durch. Das müssen wir aber tun. Wir sollten unsere Feinde direkt angreifen und nicht zurückhaltend warten, bis wir Erfolg haben". Eine dritte Befragte äußerte sich ähnlich: „Über die Misshandlung der Gefängnisinsassen, die ich sicher nicht gutheiße, gab es einen solchen Entrüstungssturm, aber die Enthauptung war noch viel schlimmer", meinte sie in Bezug auf den Mord an Nicolas Berg. „Ich finde, man darf diese Art der Bösartigkeit nicht einreißen lassen. Wir müssen jetzt entschieden dagegen kämpfen, denn andernfalls werden wir so etwas nicht mehr ausrotten können."
Es ist nicht schwer, in barbarische Denkmuster zu verfallen und Vertreter der Rechten gießen noch Öl ins Feuer, so wie der amerikanische Radiomoderator Rush Limbaugh, der meinte: „Sie sind die Abnormalen. Sie sind die Gefährlichen. Sie sind die Entmenschlichten. Sie sind der menschliche Abschaum, nicht die Vereinigten Staaten von Amerika und nicht unsere Soldaten und Gefängniswachen."
Ich behaupte nicht, dass die USA verkommener sind als andere Länder. Vielmehr meine ich, dass eine menschliche Gesellschaft selbst im 21. Jahrhundert, ungeachtet ihres „Entwicklungsstandes", noch immer imstande ist, barbarischen Denkmustern und Taten zu verfallen.
Die Vorstellung, dass irgendeine Nation moralisch überlegen ist, oder von Gottes Gnaden dazu auserwählt wurde, über die anderen zu herrschen, ist gefährlich. Wenn wir erkennen, wie anfällig man überall auf der Welt für diese Art des Abstiegs in die Gewalt ist, steigt die Bedeutung des Völkerrechts und internationaler Institutionen wie der UNO. Die UNO widersetzte sich erfolgreich dem Druck der USA, einen Krieg gegen den Irak zu dulden und das trotz wiederholter Behauptungen der USA, der Irak wäre im Besitz von Massenvernichtungswaffen, was sich als falsch herausgestellt hat. Die Verfahren der UNO funktionierten. Es war die amerikanische Politik, die versagte.
Die Vorfälle in Abu Ghraib unterstreichen, warum internationale Regelungen wie die Genfer Konvention über die Behandlung von Kriegsteilnehmern von so essenzieller Bedeutung sind. Weil man sich über das Gesetz stellte, erlagen die USA diesem barbarischem Verhalten. Ebenso zeigen diese Vorfälle, warum der neue Internationale Strafgerichtshof (ICC) von so entscheidender Bedeutung ist. Die USA lehnten die Rechtssprechung des ICC entschieden ab, aber die Misshandlungen im Gefängnis von Abu Ghraib zeigen, warum sich auch die USA dem Völkerrecht unterwerfen sollten.
Vielleicht ist diese Lektion - dass auch das mächtigste Land dem Völkerrecht folgen sollte - ein Vorteil dieses sonst so verheerenden Krieges, den die USA im Irak begonnen haben. Wenn man diese Lektion lernt, wird die Welt um vieles sicherer sein. Amerika selbst wird auch sicherer werden, teilweise deshalb, weil es in Zukunft ein wenig unwahrscheinlicher wird, dass man aufgrund eigener irrationaler Ängste und Missverständnisse eine Spirale der Gewalt in Gang setzt.
Jeffrey D. Sachs ist Professor für Wirtschaftswissenschaften und Leiter des Earth Institutes an der Columbia University.
Copyright: Project Syndicate, Mai 2004.
Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier
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