Economics and Justice
Die neuen Ansätze der G-20 für die Weltwirtschaft
Jeffrey D. Sachs
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NEW YORK – Der G-20-Gipfel von Seoul war bezeichnend für das wachsende politische Gewicht der Schwellenländer. Nicht nur der Austragungsort des Gipfels lag in einem Schwellenland, diese dominierten die Veranstaltung auch in vielfältiger Weise.
In zwei entscheidenden Bereichen – Makroökonomie und globale Wirtschaftsentwicklung – setzten die Schwellenländer ihren Standpunkt durch. Überdies wurde auf dem Gipfel ein ausgezeichneter Vorschlag präsentiert, die beiden Agenden – Makroökonomie und Entwicklung – miteinander zu verbinden. Umgesetzt soll dies im Jahr 2011 werden.
Ein Hauptmerkmal der Weltwirtschaft von heute ist, dass sie in zwei Geschwindigkeiten abläuft. Die Vereinigten Staaten und große Teile Europas bleiben weiterhin mit den Nachwirkungen der im Herbst 2008 ausgebrochenen Finanzkrise beschäftigt und kämpfen mit hoher Arbeitslosigkeit, langsamem Wirtschaftswachstum und fortdauernden Problemen des Bankensektors. Die Schwellenländer haben die Krise im Allgemeinen überwunden. Während 2009 für die gesamte Weltwirtschaft ein hartes Jahr war, haben die Schwellenländer, im Gegensatz zu den reichen Ländern, 2010 ein kräftiges Lebenszeichen von sich gegeben.
Aktuelle Daten aus dem Bericht des Internationalen Währungsfonds World Economic Outlook verdeutlichen die Lage. Im Jahr 2010 erwartet man in Ländern mit hohen Einkommen ein bescheidenes BIP-Wachstum von etwa 2,7 Prozent, während die Schwellenländer der G-20 und die restlichen Entwicklungsländer eine Wachstumsrate von soliden 7,1 Prozent aufweisen sollen. Die Entwicklungsländer Asiens schnellen empor und erreichen einen Wachstumswert von 9,4 Prozent. Lateinamerika soll um 5,7 Prozent wachsen und sogar der traditionelle Nachzügler, Subsahara-Afrika, soll 2010 ein Wachstum von 5 Prozent aufweisen.
Diese Weltwirtschaft der zwei Geschwindigkeiten ist größtenteils ein Abbild der Tatsache, dass die Finanzkrise des Jahres 2008 mit Kreditexzessen der reichen Länder begann. Zwei Ökonomien mit hohem Einkommen brachten sich dabei selbst in Schwierigkeiten. Die Hauptschuldigen waren die USA, wo die Verbraucher – unterstützt von leichtsinniger Kreditvergabe an nicht kreditwürdige Haushalte – massiv Geld borgten, um Häuser und Autos zu kaufen. Die Peripherie der Europäischen Union – Irland, Portugal, Spanien und Griechenland – begannen vor zehn Jahren, mit ihrem Beitritt zur Währungsunion, eine Kreditorgie, die einen Immobilienboom auslöste, der ebenfalls zusammenbrach.
Die meisten Schwellenländer vermieden diese desaströse Kreditgebarung. Ein Grund war natürlich die lebhafte Erinnerung an die asiatische Finanzkrise des Jahres 1997, wodurch die Notwendigkeit einer Begrenzung von Bankkrediten und Kapitalzuflüssen unterstrichen wurde. Im Großen und Ganzen wurden die asiatischen Schwellenökonomien in den letzten zehn Jahren umsichtiger geführt. Das Gleiche gilt auch für Brasilien, das aus seiner eigenen Krise im Jahr 1999 lernte, sowie auch für Afrika und andere Regionen.
Im Vorfeld des Gipfels von Seoul präsentierte die US-Regierung einen Vorschlag, wonach die Überschuss-Länder der Welt ihre Binnennachfrage – hauptsächlich den Konsum – ankurbeln sollten, um die Importe anzuheben und damit den Defizit-Ländern (einschließlich den USA) bei der Erholung zu helfen. Die Schwellenländer der G-20 waren mäßig begeistert und die Antwort fiel deutlich aus: Die Krise entstand durch übermäßige Kreditaufnahme der USA und daher ist es nicht die Verantwortung der Schwellenländer, sondern der USA, das Chaos zu beseitigen. Die USA sollten ihr Haushaltsdefizit senken, die Sparquote erhöhen und insgesamt ihr Haus in Ordnung bringen.
Ähnlich reagierten die Schwellenländer auf eine zweite US-Initiative, die so genannte „quantitative Lockerung“ der Federal Reserve. Erneut sprachen die Schwellenländer beinahe einstimmig. Sie teilten den USA mit, das Geldangebot nicht künstlich zu erhöhen, da dies die Gefahr einer weiteren Finanzblase mit sich brächte und zwar diesmal in den Schwellenländern und auf den Rohstoffmärkten. Abermals war die klare Botschaft an die USA, Tricks wie Konjunkturprogramme oder Gelddrucken zu unterlassen und stattdessen eine ernsthafte längerfristige Umstrukturierung der Wirtschaft vorzunehmen, um Ersparnisse, Investitionen und Nettoexporte zu erhöhen.
Die Schwellenländer ihrerseits wollten den Schwerpunkt von kurzfristigen makroökonomischen Impulsen und Ungleichgewichten zu längerfristigen Entwicklungsfragen verschieben. Die Regierung des Gastgeberlandes Südkorea erwies sich in diesem Bereich als besonders dynamisch. Südkorea forderte die G-20-Mitglieder auf, sich auf Herausforderungen wie das Erreichen der Millenniums-Entwicklungsziele, die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion und den Aufbau einer nachhaltigen Infrastruktur in den Entwicklungsländern zu konzentrieren. Zum ersten Mal wurden damit langfristige Entwicklungsthemen an so prominente Stelle der G-20-Agenda gesetzt. Das ist ein Zeichen für das wachsende geopolitische Gewicht der Schwellenmärkte in der Gruppe.
Das Ergebnis der Beratungen ist ein neues, als Seoul Entwicklungskonsens für gemeinsames Wachstum bekanntes Rahmenwerk, in dem das Engagement der G-20 hinsichtlich der anderen Entwicklungsländer dargelegt ist. Die G-20 haben beschlossen, sich auf jene Bereiche der globalen Entwicklung zu konzentrieren, in denen die größten Ökonomien über einen komparativen Vorteil verfügen: die Finanzierung von Infrastruktur wie Straßen und Elektrizitätsversorgung, Geschäftsentwicklung sowie Unterstützung der Landwirtschaft in den ärmeren Ländern. Andere Themen der Entwicklungsagenda – wie beispielsweise Gesundheit und Bildung – zählen nicht zu den Schwerpunkten der G-20.
Die neue G-20-Entwicklungsagenda bietet eine ausgezeichnete Möglichkeit, Bedenken hinsichtlich globaler Ungleichgewichte mit der Notwendigkeit einer beschleunigten Entwicklung in den ärmeren Ländern zu verknüpfen. Die USA drängen China, Deutschland, Japan und andere Länder, ihren Konsum zu steigern, um die Nachfrage zu erhöhen. Aber es gibt eine bessere Möglichkeit, die hohe Sparquote zu nutzen. Anstatt die Haushalte zu höherem Konsum zu drängen, sollten die G-20 ihre Anstrengungen erhöhen, um diese Ersparnisse in die ärmsten Länder zu leiten, damit dort dringend notwendige Investitionen in die Infrastruktur getätigt werden können.
Indiens Premierminister Manmohan Singh fand dafür eine perfekte Formulierung. Er merkte an, dass Subsahara-Afrika heute in der Lage ist, mehr Kapitalzuflüsse zum Bau von Infrastruktur aufzunehmen. Er empfahl, die Überschüsse der G-20 in diese und andere arme Länder zu leiten, um derartige Investitionen zu finanzieren. „Mit anderen Worten“, so Singh, „wir müssen Ungleichgewichte der einen Art nutzen, um Ungleichgewichte der anderen Art zu beseitigen“.
Durch die Kanalisierung der Ersparnisse Chinas, Deutschlands, Japans und anderer Überschuss-Länder in Infrastruktur-Investitionen in armen Ländern, würden die Ökonomien dieser Welt wahrhaft harmonisch funktionieren. Der G-20-Gipfel in Seoul könnte diesen bedeutenden Prozess in Gang gebracht haben.
Jeffrey D. Sachs ist Professor für Wirtschaftswissenschaften und Leiter des Earth Institute der Columbia University. Er ist überdies Sonderberater des UNO-Generalsekretärs auf dem Gebiet der Millenniums-Entwicklungsziele.
Copyright: Project Syndicate, 2010.
www.project-syndicate.org
Einen Podcast dieses Kommentars auf Englisch finden Sie unter:
http://media.blubrry.com/ps/media.libsyn.com/media/ps/sachs172.mp3
Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier
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Jacob 05:05 02 Dec 10
How is it that respectable economists so routinely come to diametrically opposing conclusions? And why does the conversation so often smack of two sides talking past one another? *sigh*