Economics and Justice
Der digitale Kampf gegen die Armut
Jeffrey D. Sachs
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NEW YORK – Die digitale Kluft beginnt, sich zu schließen. Der Fluss an digitalen Informationen – über Mobiltelefone, SMS und das Internet – erreicht nun die Massen auf der ganzen Welt, sogar in den ärmsten Ländern, und bringt eine Revolution in der Wirtschaft, der Politik und der Gesellschaft mit sich.
Extreme Armut ist fast synonym mit extremer Isolation, insbesondere ländlicher Isolation. Aber Mobiltelefone und drahtloser Internetzugang beenden die Isolation und werden sich daher als die Technologien mit der größten Transformationswirkung der wirtschaftlichen Entwicklung unserer Zeit erweisen.
Die digitale Kluft wird nicht durch eine plötzliche Anwandlung staatlicher Verantwortung beendet, sondern vor allem durch die Kräfte des Markts. Die Mobilfunktechnologie ist so leistungsstark und kostet so wenig pro übertragene Dateneinheit, dass es möglich war, den Armen Zugang zu Mobiltelefonen zu verkaufen. Es gibt derzeit über 3,3 Milliarden Handykunden auf der Welt, ungefähr jeder zweite Mensch auf dem Planeten.
Darüber hinaus steigt die Marktdurchdringung in armen Ländern rasant an. Indien hat über 300 Millionen Vertragskunden, wobei jeden Monat erstaunliche acht Millionen Vertragsabschlüsse dazukommen. Brasilien hat zurzeit über 130 Millionen Vertragskunden und Indonesien ca. 120 Millionen. In Afrika, wo sich die ärmsten Länder der Welt befinden, steigt der Absatz, bei über 280 Millionen Vertragskunden.
Mobiltelefone sind jetzt sowohl auf den Dörfern als auch in den Städten allgegenwärtig. Wenn man kein Handy hat, kennt man ziemlich sicher jemanden, der eines besitzt. Eine große Mehrheit der Afrikaner hat zumindest in Notfällen Zugang zu einem Handy, entweder ihrem eigenen, dem eines Nachbarn oder an einem Verkaufskiosk.
Noch bemerkenswerter ist die immer besser werdende „Konvergenz“ der digitalen Informationen: Immer öfter vernetzen drahtlose Systeme Mobiltelefone mit dem Internet, mit PCs und allen möglichen Arten von Informationsdiensten. Die Menge an daraus entstehenden Vorteilen ist atemberaubend. Die arme Landbevölkerung hat nun in immer mehr Teilen der Welt Zugang zu drahtlosen Bank- und Bezahlungssystemen, z. B. zu Kenias berühmtem M-PESA-System, mit dem Geld über das Telefon überwiesen werden kann. Neben der Kommunikation mit Familie und Freunden umfassen die Informationen, die über die neuen Netzwerke übertragen werden, das öffentliche Gesundheitswesen, die medizinische Versorgung, Bildung, Banking, Handel und Unterhaltung.
Indien, das Heimatland von weltweit führenden Softwareingenieuren, High-Tech-Unternehmen und einer riesigen, dicht besiedelten ländlichen Ökonomie mit ungefähr 700 Millionen Armen, die alle möglichen Arten von Vernetzung brauchen, ist selbstverständlich ein Vorreiter der digitalen Wirtschaftsentwicklung. Staat und Unternehmen sind immer häufiger öffentlich-private Partnerschaften eingegangen, um entscheidende Dienstleistungen im digitalen Netzwerk bereitzustellen.
In den indischen Bundesstaaten Andhra Pradesh und Gujarat z. B. sind Krankenwagen im Notfall in Reichweite von zig Millionen von Menschen, unterstützt von Mobiltelefonen, ausgefeilten Computersystemen und höheren staatlichen Investitionen in die Gesundheit der Landbevölkerung. Mehrere groß angelegte Telemedizinsysteme bieten der Landbevölkerung nun eine medizinische Grundversorgung und sogar die Behandlung von Herzkrankheiten. Darüber hinaus hat es die neue Initiative der garantierten Beschäftigung, die gerade einmal zwei Jahre alt ist, nicht nur geschafft, Millionen der ärmsten Menschen durch staatliche Finanzierung zu beschäftigen, sondern sie verschafft auch Millionen von ihnen Zugang zum offiziellen Bankwesen durch Indiens digitales Netzwerk.
Ganz kommerziell gesehen, bringt die mobile Revolution eine logistische Revolution bei der Vermarktung vom Bauernhof zum Handel hervor. Bauern und Lebensmittelhändler können direkt über Mobiltelefone und Verteilungszentren in Verbindung treten, wodurch die Bauern ihre Erzeugnisse zu höheren Preisen „ab Bauernhof“ und ohne Verzögerung verkaufen können, während die Käufer die Erzeugnisse mit minimalem Verderb und zu geringeren Preisen auf den Markt für die Endverbraucher bringen können.
Die Stärkung der Wertschöpfungskette erhöht nicht nur das Einkommen der Bauern, sondern ermöglicht auch eine Diversifizierung der Erzeugnisse und eine allgemeine Erweiterung des Hofs. Ebenso bringen weltweit führende Softwareunternehmen Arbeitsplätze in der Informationstechnologie, z. B. ausgelagerte Geschäftsprozesse, über digitale Netzwerke direkt in die Dörfer.
Das Bildungswesen wird auf ähnliche Weise umstrukturiert. Auf der ganzen Welt werden die Schulen auf allen Ebenen global und schließen sich in weltweiten digitalen Bildungsnetzwerken zusammen. Kinder in den Vereinigten Staaten werden nicht nur aus Büchern und Videos etwas über Afrika, China und Indien lernen, sondern auch durch direkte Verknüpfungen zwischen Klassenzimmern in verschiedenen Teilen der Welt. Die Schüler werden ihre Ideen im Live-Chat, in gemeinsamen Lehrplänen und Projekten sowie durch Videos, Fotos und Text über das digitale Netzwerk austauschen.
Auch an Universitäten wird es globale Kurse geben, bei denen die Studenten an Vorlesungen, Diskussionsgruppen und Forschungsteams von einem Dutzend oder mehr Universitäten teilnehmen. Im letzen Jahr schloss sich meine eigene Universität – die Columbia University in New York City – mit Universitäten in Ecuador, Nigeria, Großbritannien, Frankreich, Äthiopien, Malaysia, Indien, Kanada, Singapur und China zu einem „Globalen Seminarraum“ zusammen, der hunderte von Studenten von mehr als einem Dutzend verschiedener Hochschulen in einem spannenden Kurs zur globalen nachhaltigen Entwicklung miteinander verband.
In meinem Buch Das Ende der Armut schrieb ich, dass die extreme Armut bis zum Jahr 2025 beendet werden kann. Angesichts der globalen Gewalt, des Klimawandels und der Gefahren für die Nahrungsmittel-, Energie- und Wasserversorgung vielleicht eine voreilige Behauptung. Doch werden die digitalen Informationstechnologien, wenn sie kooperativ und global eingesetzt werden, unsere wichtigsten neuen Werkzeuge sein, da wir uns durch sie weltweit auf den Märkten und in sozialen Netzwerken zusammenschließen und gemeinschaftlich unsere gemeinsamen Probleme lösen können.
Jeffrey Sachs ist Professor für Wirtschaftswissenschaften und Leiter des Earth Institute an der Columbia University.
Copyright: Project Syndicate, 2008.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Anke Püttmann
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