WEEKLY SERIES

INTERNATIONAL ECONOMICS

STRATEGIC SPOTLIGHT

GLOBAL FINANCE

ECONOMICS OF DEVELOPMENT

ECONOMIC AND REGULATORY POLICY

ECONOMIC HISTORY

ECONOMIC PERSPECTIVES

PUBLIC INTELLECTUALS

GLOBAL OUTLOOK

REGIONAL EYE

SPECIAL SERIES

PROJECT SYNDICATE

Economics and Justice

Schonung der Ressourcen zur Sicherung des Wachstums

English Spanish Russian French German Czech Chinese Arabic

2008-06-20

NEW YORK – Die große Frage unserer Zeit ist, wie man das globale Wirtschaftswachstum, vor allem in den Entwicklungsländern, mit den sich verschärfenden Engpässen in den Bereichen Energie, Nahrung, Boden und Wasser in Einklang bringen kann. Die Rohstoffpreise steigen weltweit rapide an. Nicht nur schlagzeilenträchtige Güter wie Nahrung und Energie werden teurer, sondern auch Metalle, Ackerland, Trinkwasser und andere für das Wirtschaftswachstum bedeutende Faktoren, weil die gesteigerte Nachfrage auf ein begrenztes globales Angebot trifft. Das weltweite Wirtschaftswachstum verlangsamt sich bereits unter der Last eines Ölpreises von 135 Dollar pro Fass und Getreidepreisen, die sich im letzten Jahr verdoppelt haben.

Um den weltweiten wirtschaftlichen Fortschritt aufrechtzuerhalten, bedarf es einer neuen globalen Wachstumsstrategie. Der Kernpunkt ist, dass die Weltwirtschaft derzeit so groß ist, dass sie an bisher ungekannte Grenzen stößt. Auf der Welt leben 6,7 Milliarden Menschen und die Zahl steigt jährlich um etwa 75 Millionen an, wobei die größten Wachstumsraten in den ärmsten Ländern verzeichnet werden. Die jährliche Produktionsleistung pro Person, bereinigt um unterschiedliche Preisniveaus in verschiedenen Teilen der Welt, liegt im Schnitt bei 10.000 Dollar, woraus sich eine Gesamtproduktionsleistung von ungefähr 67 Billionen Dollar ergibt.   

Natürlich besteht eine enorme Kluft zwischen reichen Ländern, wo dieser Wert bei etwa 40.000 Dollar jährlich liegt, und den ärmsten, wo die Produktionsleistung 1.000 Dollar pro Person oder weniger beträgt. Aber viele arme Länder, allen voran China und Indien, haben in den letzten Jahren durch die Nutzung von Spitzentechnologien ein außerordentliches Wirtschaftswachstum erzielt. Aus diesem Grund ist die Weltwirtschaft in den letzten Jahren um ungefähr 5 % jährlich gewachsen. Bei diesem Tempo würde sich die Weltwirtschaft in 14 Jahren verdoppeln.   

Das ist aber nur möglich, wenn die wichtigsten wachstumsentscheidenden Rohstoffe und Produkte in ausreichendem Maße vorhanden sind und man dem vom Menschen verursachten Klimawandel entgegentritt. Ist das Angebot dieser wachstumsentscheidendenden Faktoren begrenzt oder kommt es zu einer Destabilisierung des Klimas, werden die Preise massiv steigen, die Industrieproduktion und Verbraucherausgaben werden sinken und die Weltwirtschaft wird sich, womöglich abrupt, verlangsamen.

Zahlreiche Ideologen des freien Marktes verspotten die Theorie, wonach ein Mangel an natürlichen Ressourcen jetzt zu einer signifikanten Verlangsamung der Weltwirtschaft führen könnte. Sie sagen, dass uns die Angst, es könnten „die Ressourcen, vor allem Nahrung und Energie, ausgehen“, schon seit 200 Jahren begleitet, wir aber noch immer einen Ausweg gefunden haben. Tatsächlich wuchs die Produktionsleistung weiter um vieles schneller als die Bevölkerung.

Dieses Argument ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Bessere Technologien haben der Weltwirtschaft trotz manch schwieriger Ressourcenknappheit in der Vergangenheit weiteres Wachstum ermöglicht. Aber ein allzu simpler optimistischer Glaube an den freien Markt ist aus zumindest vier Gründen fehl am Platz.

Erstens hat die Geschichte bereits gezeigt, wie eine Ressourcenknappheit das globale Wirtschaftswachstum behindern kann. Nach dem Anstieg der Energiepreise im Jahr 1973 ging das weltweite jährliche Wachstum von 5 % zwischen 1960 und 1973 auf ungefähr 3 % zwischen 1973 und 1989 zurück.

Zweitens ist die Weltwirtschaft heute viel größer als in der Vergangenheit, so dass auch die Nachfrage nach Schlüsselrohstoffen und Energie viel größer ist.

Drittens haben wir schon viele der kostengünstigen Alternativen, die einst verfügbar waren, verbraucht. Billiges Öl geht rasch zur Neige. Das gleiche gilt für Grundwasser. Auch Grund und Boden werden zunehmend knapper.

Schließlich haben unsere technologischen Erfolge der Vergangenheit nicht gerade zur Erhaltung unserer natürlichen Ressourcen beigetragen, sondern dem Menschen vielmehr ermöglicht,  Rohstoffe kostengünstiger abzubauen und einzusetzen, wodurch ihre endgültige Ausbeutung noch beschleunigt wurde.

In Zukunft wird man alternative Technologien einführen müssen, die sparsam mit Energie, Wasser und Boden umgehen und die es uns ermöglichen, neue Formen erneuerbarer Energie (wie etwa Solar- und Windenergie)zu viel geringeren Kosten als heute zu nutzen. Viele derartige Technologien gibt es bereits und noch bessere Technologien können entwickelt werden. Ein Grundproblem dabei ist, dass diese alternativen Technologien vielfach wesentlich kostspieliger sind als jene wenig ressourcenschonenden Technologien, die derzeit verwendet werden.

So könnten beispielsweise Bauern auf der ganzen Welt ihren Wasserverbrauch durch den Umstieg von konventioneller Bewässerung auf Tropfbewässerung wesentlich reduzieren. Bei dieser  Art der Bewässerung wird das Wasser durch eine Reihe von Rohrleitungen direkt zur Pflanze transportiert, wodurch die Ernteerträge gleich bleiben oder sogar noch gesteigert werden können. Doch die Investitionskosten für Tropfbewässerung sind generell höher als für weniger effiziente Bewässerungsmethoden. Armen Bauern fehlt es an Kapital, um diese Investitionen zu tätigen oder sie haben keinen Anreiz dafür, weil sie das Wasser direkt aus öffentlichen Quellen beziehen oder der Staat den Wasserpreis subventioniert.

Es gibt unzählige ähnliche Beispiele. Höhere Investitionen ermöglichen eine Steigerung der Ernteerträge, eine Verringerung des Energiebedarf zum Beheizen und Kühlen von Gebäuden, eine Verbesserung der Treibstoffeffizienz von Autos und vieles mehr. Mit neuen Investitionen in Forschung und Entwicklung können noch weitere technologische Fortschritte erzielt werden. Doch Investitionen in ressourcenschonende Technologien erfolgen nicht in ausreichendem Ausmaß, weil Marktsignale nicht die richtigen Anreize bieten und weil Regierungen noch nicht hinreichend kooperieren, um die Nutzung der Technologien zu fördern und zu verbreiten.

Wenn wir unseren bisherigen Kurs weiterverfolgen – nämlich unser Schicksal dem Markt überlassen und den Regierungen gestatten, untereinander um knappes Öl und Nahrung zu konkurrenzieren – wird sich das globale Wachstum unter den Zwängen knapper Ressourcen verlangsamen. Wenn die Länder der Welt jedoch in den Bereichen Forschung, Entwicklung, Produktion und Verbreitung ressourcenschonender Technologien und erneuerbarer Energiequellen kooperieren, werden wir in der Lage sein, einen raschen wirtschaftlichen Fortschritt zu erzielen.   

Eine gute Möglichkeit, diese Entwicklung in Gang zu setzen sind die derzeitigen Verhandlungen zum Klimawandel. Die reichen Länder sollte sich zur Finanzierung eines umfangreichen Programms zur Technologie-Entwicklung verpflichten – erneuerbare Energie, treibstoffeffiziente Autos und ökologische Gebäude – und zu einem Programm für den Technologietransfer in die Entwicklungsländer. Eine derartige Verpflichtung würde auch armen Ländern entscheidendes Vertrauen geben, dass die Kontrolle des Klimawandels langfristig nicht zu einem Hindernis für die Wirtschaftsentwicklung wird.

Jeffrey Sachs ist Professor für Wirtschaftswissenschaften und Direktor des Earth Institut an der Columbia University.  

You might also like to read more from or return to our home page.

Der Nachdruck von auf dieser Website veröffentlichen Materialien ohne schriftliche Einwilligung durch Project Syndicate stellt eine Verletzung internationalen Urheberrechts dar. Um eine entsprechende Nutzungsbewilligung einzuholen, wenden Sie sich bitte an distribution@project-syndicate.org.
English Spanish Russian French German Czech Chinese Arabic

You must be logged in to post or reply to a comment.
Please log in or sign up for a free account.



AUTHOR INFO

Jeffrey D. Sachs is Professor of Economics and Director of the Earth Institute at Columbia University. He is also Special Adviser to United Nations Secretary-General on the Millennium Development Goals.