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Jeffrey D. Sachs

Die Wurzeln der US-Finanzkrise

Jeffrey D. Sachs

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2008-03-21

CAMBRIDGE, MASS.: Die verzweifelten Versuche der US Federal Reserve, Amerikas Konjunktur vor dem Absturz zu bewahren, sind aus mindestens zwei Gründen bemerkenswert. Erstens war es noch vor ein paar Monaten herkömmliche Weisheit, dass die USA eine Rezession würden vermeiden können. Nun sieht es sicher so aus, als käme diese. Zweitens scheinen die Maßnahmen der Fed nicht zu wirken. Obwohl die Fed die Zinsen radikal gesenkt hat und die in Finanznöten steckenden Banken mit Liquidität überschüttet, vertieft sich die Krise weiter.

Dabei hat die Fed, unterstützt durch das Wunschdenken der Bush-Administration, die Krise in den USA tatsächlich großteils selbst verursacht. Einer der Hauptschuldigen war niemand anders als Alan Greenspan, der dem aktuellen Chairman der Fed, Ben Bernanke, eine schreckliche Lage hinterlassen hat. Freilich war Bernanke selbst Gouverneur der Fed während der Greenspan-Jahre, und auch er hat es versäumt, die wachsenden Probleme mit der Notenbankpolitik korrekt zu diagnostizieren. 

Die heutige Finanzkrise hat ihre unmittelbaren Wurzeln im Jahre 2001, am Ende des Internetbooms und inmitten des Schocks nach den Terroranschlägen vom 11. September. Damals drehte die Fed an den Geldhahn auf, um zu versuchen, eine Konjunkturverlangsamung zu verhindern. Sie pumpte Geld in die US-Volkswirtschaft und senkte ihren Leitzins – die Federal Funds Rate – von 3,5% im August 2001 auf bloße 1% Mitte 2003. Und sie hielt diesen Zinssatz zu lange zu niedrig.

Eine expansive Geldpolitik erleichtert die Kreditaufnahme und senkt deren Kosten innerhalb der gesamten Volkswirtschaft. Sie neigt außerdem dazu, die Währung zu schwächen und die Inflation zu erhöhen. All dies passierte in den USA.

Das Besondere diesmal war, dass sich die neuen Kreditaufnahmen auf den Eigenheimsektor konzentrierten. Zwar trifft allgemein zu, dass niedrigere Zinsen den Kauf von Eigenheimen beleben, doch diesmal schufen Geschäfts- und Anlagebanken – wie inzwischen allgemein bekannt – neue Finanzmechanismen, um die Vergabe von Eigenheimkrediten auf Kreditnehmer mit geringer Bonität auszuweiten. Die Fed weigerte sich, gegen diese zweifelhaften Praktiken einzuschreiten. Praktisch jeder konnte einen Kredit aufnehmen, um ein Haus zu kaufen – mit geringer oder ganz ohne Anzahlung, und mit weit in die Zukunft hinausgeschobenen Zinszahlungen.

Und während sich der Boom bei der Vergabe von Eigenheimkrediten verstetigte, verstärkte er sich selbst. Die erhöhte Nachfrage trieb die Häuserpreise in die Höhe, was den Banken das Gefühl vermittelte, es sei ungefährlich, nicht kreditwürdigen Darlehensnehmern Geld zu leihen. Schließlich: Sollten diese mit ihren Krediten in Verzug geraten, würde die Bank das Haus zu einem höheren Wert zwangsversteigern. Soweit jedenfalls die Theorie. Natürlich funktioniert dies nur, solange die Häuserpreise steigen. Sobald sie ihren Höhepunkt erreichen und zu fallen beginnen, werden die Kreditbedingungen restriktiver, und die Banken pfänden nun Häuser, deren Wert den Schuldwert nicht mehr abdeckt.

Das Verblüffende war, wie die Fed unter Leitung Greenspans tatenlos zusah, wie der Kreditboom in Fahrt kam und auf den anschließenden Crash zuraste. Es gab ein paar Warner, doch nur wenige innerhalb des Finanzsektors selbst. Die Banken waren zu beschäftigt, neue Kreditgebühren zu kassieren und haarsträubende Boni an ihre Manager auszuschütten.

An einem entscheidenden Moment des Jahres 2005 – als er bereits Gouverneur, aber noch nicht Chairman der Fed war – beschrieb Bernanke den Häuserboom als Abbild eines klugen und wohlregulierten Finanzsystems statt als gefährliche Spekulationsblase. Er argumentierte, dass enorme Mengen an Auslandskapital über die US-Banken auf den Häusermarkt strömten, weil die internationalen Anleger „die Tiefe und Ausgereiftheit der Finanzmärkte des Landes (die den Haushalten u.a. einen problemlosen Zugriff auf Wohneigentum ermögliche)“ zu schätzen wüssten.

Im Verlauf der Jahre 2006 und 2007 erreichte die Finanzblase, die heute einst mächtige Finanzinstitute zum Absturz bringt, ihren Höhepunkt. Die Bilanzen der Banken strotzten inzwischen von enormen Summen an Risikohypotheken, die in komplizierte Pakete eingeschnürt waren, was eine Einschätzung der Risiken erschwerte. Die Banken begannen, die Neuvergabe von Krediten zu drosseln, und die Anzahl der Hypotheken in Zahlungsverzug stieg nun. Mit dem Rückgang der Neukredite erreichten die Häuserpreise ihren Höhepunkt und begannen dann, nachzugeben. Im vergangenen Herbst schließlich platzte die Spekulationsblase auf dem Häusermarkt, und Banken mit großen Hypothekenbeständen begannen, riesige Verluste bekannt zu geben. Manchmal waren diese groß genug, um die Bank selbst zu vernichten, so wie es bei Bear Stearns der Fall war.

Mit dem Zusammenbruch des Häusermarktes gingen die Ausgaben zurück. In dem Bemühen, eine Rezession zu vermeiden und Banken mit schwachen Bilanzen zu helfen, hat die Fed seit Herbst 2007 mehrmals die Zinsen gesenkt. Diesmal allerdings fließt die Kreditexpansion nicht in den Häuserbau, sondern in Rohstoffspekulationen und ausländische Währungen.

Doch statt eine Konjunkturerholung zu unterstützen, treibt die Fed-Politik des billigen Geldes in den USA die Inflation an. Öl-, Lebensmittel- und Goldpreise haben historische Höchststände erreicht, und der Dollar erlebt eine Abwertung auf historische Tiefststände. Ein Euro kostet inzwischen ca. 1,60 Dollar – gegenüber 90 Cents im Januar 2002. Doch in dem verzweifelten Bemühen, eine Rezession in den USA zu vermeiden, pumpt die Fed immer mehr Geld in das System und erhöht damit den Inflationsdruck.

Nachdem sie erst einen Boom angefacht hat, kann die Fed zumindest einen kurzfristigen Rückgang der US-Konjunktur – und vielleicht Schlimmeres – nicht vermeiden. Falls sie länger eine zu expansive Geldpolitik verfolgt, so wird dies zwar keinen Konjunktureinbruch verhindern, aber möglicherweise eine Stagflation – d.h. Inflation bei gleichzeitigem Schrumpfen der Volkswirtschaft – verursachen. Die Fed muss aufpassen, dass sie zwar einen Zusammenbruch bei der Liquidität verhindert, dabei aber die Inflation unter Kontrolle hält und eine ungerechtfertigte Übernahme riskanter Bankkredite durch den Steuerzahler vermeidet.   

In dem Maße, in dem ausländische Banken ebenfalls Not leidende US-Hypotheken in ihren Bilanzen aufweisen, oder – im schlimmsten Fall – falls sich eine allgemeine Finanzkrise etabliert, könnte es weltweit zu ähnlichen Effekten kommen. Noch allerdings besteht eine gute Chance, dass die US-Konjunkturabschwächung überwiegend auf Amerika beschränkt bleibt, wo Häuserboom und -krise konzentriert sind. Die Verluste für den Rest der Weltwirtschaft können meiner Ansicht nach beschränkt bleiben.

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AUTHOR INFO

Jeffrey D. Sachs is Professor of Economics and Director of the Earth Institute at Columbia University. He is also a Special Adviser to United Nations Secretary-General on the Millennium Development Goals.