Friday, April 18, 2014
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Russlands Präsident kehrt zurück –botoxisch

MOSKAU – Wenn ein Zar nicht mit Ehrfurcht, sondern mit Spott behandelt wird, ist es für ihn an der Zeit, an Rückzug zu denken oder sich auf einen Coup vorzubereiten. Der russische Premierminister Wladimir Putin, der für die Wahlen im nächsten März eine glorreiche Rückkehr in den Kreml plant, sollte sich diese Optionen gut überlegen.

Dieses Jahr begann mit einer (nach russischen Maßstäben) energischen Internet-Petition, die Putin aufforderte, die erste Alternative zu wählen. Dann lachte das ganze Land, als er bei seinem üblichen Besuch im patriotischen Sommerlager von Nashi (einer linientreuen Jugendbewegung) seine Körperkraft zur Schau stellte, indem er eine Kletterwand bezwang, nur um dann einsehen zu müssen, dass er nicht mehr herunter kam.

Jetzt fragen sich die Russen, was mit dem Gesicht ihres Premiers passiert ist. Sein neues faltenfreies Erscheinen führte zu Spekulationen, ob er sich mit Botox hatte behandeln lassen oder sogar einer Schönheitsoperation unterzogen hatte. Überall erzählt man sich Vampirwitze.

Vor kurzem barg Putin während eines Tauchgangs im südrussischen Krasnodar wundersamerweise zwei altgriechische Urnen. Das Gelächter der Russen nahm homerische Züge an, als Putins Sprecher die rätselhafte Erklärung abgab, die Urnen seien absichtlich dort abgelegt worden, um Putin ein Gefühl der Bedeutsamkeit zu geben.

Wenn ich die Inkompetenz des russischen Staates nicht als gegeben ansähe, würde ich eine Verschwörung vermuten, die Putin diskreditieren soll. Denn über eines kann es keinen Zweifel geben: Putin wurde diskreditiert. Vor kurzem ging der Judo-Enthusiast Putin nach einem Judo-Kampf zwischen einem Amerikaner und einem Russen, in den Ring, um den russischen Sieger zu beglückwünschen, ein Mitglied der Partei Einiges Russland. Das Publikum skandierte wild „Putin, geh‘ nach Hause“, bis er genau das tat. Die Politik sollte sich vom Sport fernhalten, so schien die Menge zu sagen - und Putin aus der Politik.

Putin glaubt, seine Auftritte seien wichtig, um zu regieren. Er hat Delfine und Babies geküsst, Tiger und Journalisten gerettet und barbrüstig zu Pferde und zu Fuß in der sibirischen Wüste posiert. Aber Putin der Performer kann eine negative öffentliche Resonanz nicht hinnehmen. Wegen des Judo-Fiaskos in Verlegenheit geraten, sagte er alle improvisierten Erscheinungen bis auf Weiteres ab.

Seit diesem Vorfall ist Putin tatsächlich nur ein einziges Mal öffentlich aufgetreten – beim Parteitag von Einiges Russland – wo 600 Delegierte einstimmig für seine Ernennung zum Präsidentschaftskandidaten der Partei für das Jahr 2012 stimmten. Aber die Parlamentswahlen vom 4. Dezember, die der Partei Einiges Russland knapp 50 Prozent einbrachten (Putin konnte früher um die 70 Prozent garantieren), mussten von einem überwältigenden Polizeiaufgebot streng bewacht werden. Beobachter wurden belästigt und behindert, Überwachungs-Websites geschlossen oder von der Regierung gehackt. Eine Abordnung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, die die Wahlen beobachtete, gab zu Protokoll, dass „die meisten Parteien kein Vertrauen in die Fairness des Wahlvorgangs haben“.

Putins ausgeprägte Eitelkeit hat das Bild des starken Mannes, das er in den letzten zwölf Jahren aufgebaut hat, ernsthaft untergraben. Denn letztendlich sind die narzisstischen Auftritte und Facelifts – die bei seinem Freund Silvio Berlusconi in Italien gut funktionierten (bis sie es nicht mehr taten) – kaum dazu geeignet, Respekt oder gar Angst unter den Russen zu verbreiten, die immer einen Herrscher bevorzugen, der mit eiserner Faust regiert. Jetzt ist Putins Image als der starke Mann der Politik für immer verloren. Es ist schwierig, so recht despotisch dreinzublicken, wenn man seine Augenbrauen nicht bewegen kann.

Tatsächlich stören die Russen Putin mit ihren Zwischenrufen nicht, weil er Russland in eine industrielle Bananenrepublik verwandelt hat, in der der Export von Öl und anderen Waren einen fast autoritären Staat stützen, sondern weil er seine Rolle nicht mehr überzeugend spielt. Aber wie auch immer, die Ursache für die Unzufriedenheit mit Putin ist irrelevant, der Wunsch nach Freiheit muss von irgendwoher kommen. So lange die Russen sich dem Regime stellen, wenn auch nur mit Verachtung und Gelächter, gibt es Hoffnung für einen Wandel. Und jetzt, da das Wahlergebnis die größten Proteste seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hervorruft, wächst diese Hoffnung noch weiter. Wenn ein Zar seine Allmacht verliert, verliert er am Ende auch seine Autorität.

Nach Putins endlosem Melodrama sind die Optionen des Kreml für eine Fortsetzung relativ beschränkt. Jeder erwartet, dass der aktuelle Präsident, die Marionette Dmitri Medwedew, die Rolle mit Putin nach den Wahlen im März wieder tauscht. Aber der ehemalige Finanzminister Alexei Kudrin wartet auch auf seinen Einsatz, er könnte Medwedew ersetzen, sollte Russland ein Faktotum der Ernsthaftigkeit benötigen, um den wirtschaftlichen Wandel in den Griff zu bekommen. Kudrins Ruf, ein gelassener Sachverständiger zu sein, könnte Putins Abgang noch etwas verzögern.

Aber von Putins Standpunkt aus gesehen ist das ein unwahrscheinliches Szenario. Der ehemalige und zukünftige Präsident argumentiert, dass er Russland bereits stärker gemacht habe, und dass das Land inmitten der Finanzkrise der Industriestaaten eine Insel der Stabilität sei, die von vielen beneidet wird. Vielleicht ist es schwierig, ein heldenhafter Anführer zu sein und gleichzeitig die Zielscheibe populärer Witze.

Putin wird oft mit Josef Stalin verglichen. Aber jetzt, kurz vor dem 20. Jahrestag des Zusammenbruchs der Sowjetunion 1991, wird er Leonid Beschnew immer ähnlicher – dem Symbol eines politischen Systems, dessen Ablaufdatum längst verstrichen ist. Alles, was noch fehlt, sind die hervorstehenden Wangen.

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