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In den letzten Wochen hat sich die weltweite Liquiditäts- und Kreditkrise, die letzten August ihren Anfang nahm, noch verschärft. Das ist unschwer zu erkennen: in den USA, der Eurozone und in Großbritannien ist die Spreizung zwischen den Libor-Zinssätzen (zu welchen sich die Banken untereinander Geld leihen) und den Zinssätzen der Zentralbanken extrem hoch und seit Beginn der Krise noch gestiegen. Das deutet auf Risikovermeidung und Misstrauen unter den Gegenparteien hin.
Wohl haben die wichtigsten Zentralbanken Dutzende Milliarden Dollar an Liquidität in den Geschäftsbankensektor gepumpt und die Federal Reserve, die Bank of England und die Bank of Canada haben ihre Zinssätze gesenkt. Allerdings belegt die Verschlechterung der Lage im Finanzwesen, dass diese Strategie jämmerlich gescheitert ist.
Es kommt daher nicht überraschend, dass die Zentralbanken angesichts der schlimmsten Krise seit Beginn der Finanzmarktglobalisierung zunehmend verzweifeln. Die aktuelle Ankündigung koordinierter Liquiditätsspritzen durch die Fed Reserve und vier andere große Zentralbanken ist, offen gesagt, zu wenig und kommt auch zu spät.
Mit diesen Maßnahmen wird die Spreizung der Zinssätze zwischen den Banken nicht signifikant gesenkt werden, weil man mit Geldpolitik die der Krise zugrunde liegenden Kernprobleme nicht beheben kann. Es geht nämlich nicht nur um Illiquidität – also um Finanzinstitutionen mit kurzfristigen Verbindlichkeiten und längerfristig illiquiden Vermögenswerten. Zahlreiche weitere Wirtschaftsteilnehmer stehen vor ernsthaften Kredit- und Solvenzproblemen. Dazu zählen Millionen, mit exzessiven Hypotheken belastete Haushalte in den USA, Großbritannien und in der Eurozone, hunderte bankrotte Hypothekengeber aus dem Subprime-Bereich, eine wachsende Zahl verzweifelter privater Bauherren, viele hoch verschuldete und in Finanznöte geratene Finanzinstitutionen und vermehrt auch der Unternehmenssektor.
Gleichzeitig können Liquiditätsspritzen das Problem der allgemeinen Unsicherheit in einem Finanzsystem nicht lösen, wo Globalisierung und Verbriefung zu fehlender Transparenz führten, die wiederum Vertrauen und Zuversicht untergrub. Wenn man seinen Geschäftspartnern misstraut, leiht man ihnen kein Geld, egal, wie viel man selbst davon hat.
Die USA bewegen sich momentan auf eine Rezession zu, ungeachtet dessen, was die Fed auch tut. Die Anhäufung realer und finanzieller Probleme – die schlimmste Immobilienkrise überhaupt, der Ölpreis bei 90 Dollar pro Barrel oder noch höher, eine massive Kreditkrise, sinkende Investitionen der Großunternehmen sowie überschuldete, von multiplen Schocks gebeutelte Verbraucher ohne Ersparnisse – machen eine Rezession unausweichlich. Und mit der Ausweitung der US-Krise werden auch andere Ökonomien in diesen Strudel hineingezogen werden.
Um die Folgen einer Rezession in den USA und eines weltweiten Wirtschaftsabschwungs zu mildern, sollten die Fed und andere Zentralbanken die Zinssätze noch viel aggressiver senken, anstatt sich auf die Wirkung bescheidener Liquiditätsspritzen zu verlassen, die zum Scheitern verurteilt sind. Die Zinssenkung um 25 Basispunkte durch die Fed im Dezember war angesichts dessen, was nötig gewesen wäre, unerheblich. Ähnliche Zinssenkungen durch die Bank of England und die Bank of Canada sind nicht einmal ein Anfang, um der Erhöhung nominaler und realer Zinsen zu begegnen, die den steilen Anstieg der Libor-Zinssätze verursachte. Die Zentralbanken hätten eine konzertierte Senkung der Zinssätze um 50 Basispunkte ankündigen müssen, um ihr ernsthaftes Bemühen zu signalisieren, eine weltweite harte Landung abwenden zu wollen.
Ebenso verfehlt ist die Entscheidung der Europäischen Zentralbank, die Zinsen nicht zu senken – sie macht sich vor, dass sie die Zinsen anheben könnte, wenn die angeblich „temporäre“ Kreditkrise vorüber ist. Angesichts platzender Immobilienblasen, hoher Ölpreise und einem starken Euro, der jetzt schon das Wachstum behindert, garantiert die EZB damit praktisch den starken Abschwung in der Eurozone.
Die jüngst von der Fed und anderen Zentralbanken angekündigten Maßnahmen sind jedenfalls fehlgeleitet. Die Finanzmärkte von heute werden von Institutionen des Nichtbanken-Bereichs dominiert – Investmentbanken, Geldmarktfonds, Hedgefonds, Hypothekengeber ohne Einlagengeschäft, so genannte „strukturierte Investitionsvehikel“ und sogar staatliche und regionale Investmentfonds – die keinen direkten oder indirekten Zugang zur Liquidität der Zentralbanken haben. Alle diese Institutionen aus dem Nichtbanken-Bereich laufen momentan potenziell Gefahr, in eine Liquiditätskrise zu geraten.
Tatsächlich ist es der Federal Reserve aufgrund der Gesetzeslage in den USA streng verboten, an Finanzinstitutionen ohne Einlagengeschäft Geld zu leihen. Dies ist nur in Notfällen erlaubt. Dann allerdings ist es mit einem komplexen und mühsamen Genehmigungsverfahren und der Bereitstellung qualitativ hochwertiger Sicherheiten verbunden. Und die Fed hat in ihrer Geschichte noch nie Geld an Finanzinstitutionen außerhalb des Bereichs der Einlagenkreditinstitute verliehen.
Die Gefahr einer Krise der Finanzinstitutionen im Nichtbanken-Bereich aufgrund ihrer kurzfristigen Verbindlichkeiten und illiquiden Vermögenswerte steigt also – worauf auch der jüngste Ansturm auf Banken (Northern Rock), Geldmarktfonds, staatliche Investmentfonds und in Nöte geratene Hedgefonds hindeutet. Die Chancen, dass Banken Mittel, die sie von der Zentralbank bekommen, an diese Nichtbanken weiterleihen sind angesichts der angespannten Liquiditätssituation dieser Banken und des Misstrauens gegenüber ihren Gegenparteien aus dem Nichtbanken-Bereich gering.
Um das gegenwärtige Chaos zu beseitigen und ein gesünderes weltweites Finanzsystem zu schaffen, bedarf es groß angelegter Reformen in den Bereichen Politik, Regulierung und Finanzmarktüberwachung. Geldpolitik allein kann die Folgen der Untätigkeit von Regulierungs- und Aufsichtsbehörden inmitten der Kreditexzesse der letzten Jahre nicht beheben. Eine harte Landung in den USA und ein weltweiter Abschwung sind daher unvermeidlich. Eine viel umfangreichere und raschere und Senkung der offiziellen Zinssätze könnte bestenfalls noch Einfluss darauf haben, wie lange und langwierig dieser Abschwung ausfallen wird.
Nouriel Roubini ist Chef des ökonomischen Beratungsdienstes RGE Monitor (www.rgemonitor.com) und Professor für Ökonomie an der Stern School of Business der New York University.
Copyright: Project Syndicate, 2007.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier