WEEKLY SERIES

THOUGHT LEADERS

GLOBAL PERSPECTIVES

INTERNATIONAL INSIGHT

MIND AND MATTER

SPECIAL SERIES

PROJECT SYNDICATE

Nouriel Roubini

Frische Triebe oder welkes Unkraut?

Nouriel Roubini

English Spanish Russian French German Czech Chinese Arabic
2009-05-26

New York: Jüngste Daten legen nahe, dass das Tempo, mit dem die Weltwirtschaft schrumpft, nachlässt. Die Hoffnung auf „frische Triebe“ des Aufschwungs jedoch wird durch jede Menge welkes Unkraut zerstört: Aktuelle Zahlen zur Beschäftigungslage, den Einzelhandelsumsätzen, der Industrieproduktion und der Entwicklung auf dem Häusermarkt bleiben weiter sehr schwach. Das BIP-Wachstum in Europa im ersten Quartal ist trostlos. Die japanische Volkswirtschaft liegt noch immer im Koma. Und selbst in China – wo es derzeit eine Konjunkturerholung gibt – ist der Export sehr schwach. Die Konsensprognose also, dass die Weltwirtschaft bald die Talsohle durchschritten haben dürfte, hat sich einmal mehr als übertrieben optimistisch erwiesen.

Nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im September 2008 kam es fast zu einem GAU des globalen Finanzsystems; die Weltwirtschaft stürzte steil ab. Tatsächlich erreichte der Konjunktureinbruch im vierten Quartal 2008 und im ersten Quartal 2009 fast Depressionsniveau.

Zu diesem Zeitpunkt hatten die Politiker weltweit ein Konversionserlebnis und begannen, die meisten der Waffen ihres Arsenals einzusetzen: eine enorme fiskalpolitische Lockerung; die konventionelle und unkonventionelle Ausweitung der Geldmenge; Billionen von Dollars an Liquiditätshilfen, Rekapitalisierungen, Bürgschaften und Versicherungen, um der Liquiditäts- und Kreditverknappung Einhalt zu gebieten; sowie schließlich eine massive Unterstützung für die Schwellenländer. Allein in den letzten zwei Monaten lassen sich mehr als 150 verschiedene politische Interventionen weltweit aufzählen.

Diese politische Entsprechung zur Doktrin „überwältigender Macht“ des ehemaligen US-Außenministers Colin Powell schafft, zusammen mit dem steilen Rückgang der Produktion unter die Endnachfrage für Waren und Dienstleistungen (die die Lagerbestände an nicht verkauften Waren reduzierte), die Voraussetzungen dafür, dass die meisten Volkswirtschaften Anfang kommenden Jahres die Talsohle durchschreiten werden.

Trotzdem wurden jene Optimisten, die im vergangenen Jahr eine weiche Landung oder eine milde, v-förmige achtmonatige Rezession vorhersagten, eines Besseren belehrt, und diejenigen, die eine schwerere, 24 Monate anhaltende u-förmige Rezession vorhergesagt hatten – der Abschwung in den USA hält inzwischen bereits 18 Monate an –, hatten Recht. Und der jüngste Optimismus, dass die Volkswirtschaften bis Mitte des Jahres ihre Talsohle durchschritten haben werden, wird durch die aktuellen Wirtschaftsdaten widerlegt.

Die entscheidende Frage jedoch ist nicht, wann die Weltwirtschaft ihre Talsohle erreicht, sondern ob der globale Aufschwung – wann immer er denn kommt – mittelfristig robust oder schwach sein wird. Man kann nicht ausschließen, dass es ein paar Quartale mit steilem BIP-Wachstum geben wird, wenn der Lagerzyklus und der massive, von den Konjunkturimpulsen ausgehende Auftrieb zu einer kurzfristigen Konjunkturbelebung führen. Doch jene zaghaften frischen Triebe, von denen wir dieser Tage so viel hören, könnten selbst mittelfristig durchaus von welkem Unkraut überlagert werden, was eine schwache weltweite Erholung während der nächsten zwei Jahre einläuten dürfte.

Erstens: Die Beschäftigung in den USA und in anderen Volkswirtschaften nimmt noch immer steil ab. Tatsächlich wird die Arbeitslosenquote in den hoch entwickelten Volkswirtschaften in 2010 bei über 10% liegen. Dies ist eine schlechte Nachricht für den privaten Verbrauch und die Höhe der Bankenverluste.

Zweitens: Dies ist eine Solvenz- und keine bloße Liquiditätskrise, doch ein echter Abbau der Fremdkapitalpositionen hat bisher nicht wirklich begonnen, da private Verluste und die Schulden der Haushalte, Finanzinstitute und sogar der Unternehmen nicht reduziert, sondern vielmehr sozialisiert und in die staatlichen Bilanzen übernommen werden. Doch ohne eine derartige Entschuldung bleibt die Fähigkeiten der Banken zur Kreditvergabe, der Haushalte zum Konsum und der Firmen zu Investitionen begrenzen.

Drittens: Die Verbraucher in Ländern mit Leistungsbilanzdefiziten werden ihre Ausgaben verringern und deutlich mehr sparen müssen – und zwar für viele Jahre. Übershoppt, ohne Rücklagen und verschuldet, wurden die Verbraucher von einem Vermögensschock (fallenden Häuserpreisen und Aktienmärkten), steigenden Schuldendienstquoten und sinkenden Einkommen und Beschäftigungszahlen getroffen.

Viertens: Das Finanzsystem ist – trotz der Unterstützung durch die Politik – ernsthaft beschädigt. Der größte Teil des Schattenbankensystems ist verschwunden, und die herkömmlichen Geschäftsbanken sitzen auf billionenschweren Kredit- und Wertpapierverlusten und sind zugleich nach wie vor ernsthaft unterkapitalisiert. Also wird die Kreditverknappung nicht so schnell nachlassen.

Fünftens: Die durch hohe Schulden und Ausfallrisiken, ein niedriges Wirtschafts- und damit auch Ertragswachstum sowie anhaltenden deflationären Druck auf die Margen der Unternehmen bedingte schwache Ertragskraft wird der Bereitschaft der Unternehmen, zu produzieren, Mitarbeiter einzustellen und zu investieren, weiter Grenzen setzen.

Sechstens: Der wachsende Grad der Staatsverschuldung wird letztlich zu steigenden Realzinsen führen, die private Ausgaben verdrängen und sogar die Fähigkeit einzelner Staaten zur Refinanzierung gefährden.

Siebtens: Die Monetarisierung der Haushaltsdefizite wirkt kurzfristig nicht inflationsfördernd, während lustlose Produkt- und Arbeitsmärkte enorme deflationäre Kräfte implizieren. Doch falls die Zentralbanken keine klare Ausstiegsstrategie aus einer Politik finden, die die Geldbasis verdoppelt oder verdreifacht, wird es letztlich entweder zu Preissteigerungen bei den Waren oder einer sonstigen gefährlichen Vermögenswert- oder Kreditblase (oder zu beidem) kommen. Einige kürzlich erfolgte Kursanstiege bei Aktien, Rohstoffen und anderen risikobehafteten Vermögenswerten sind eindeutig liquiditätsbedingt.

Achtens: Einige Schwellenmärkte mit schwächeren wirtschaftlichen Rahmendaten werden ggf. nicht in der Lage sein, eine schwere Finanzkrise zu vermeiden – trotz massiver Unterstützung durch den IWF.

Und schließlich: Die Rückführung der globalen Ungleichgewichte impliziert, dass sich mit den Leistungsbilanzdefiziten der verschwenderischen Volkswirtschaften (wie den USA und anderen angelsächsischen Ländern) auch die Leistungsbilanzüberschüsse zu viel sparender Länder (China und andere Schwellenmärkte, Deutschland und Japan) verringern. Falls nun die Binnennachfrage in diesen Überschussländern nicht schnell genug wächst, wird die hieraus resultierende fehlende globale Nachfrage – oder, was dem entspricht, der Überschuss bei den globalen Ersparnissen im Verhältnis zu den Investitionsausgaben – eine schwächere Erholung des globalen Wachstums bewirken, und die meisten Volkswirtschaften werden deutlich hinter ihrem Wachstumspotenzial zurückbleiben.

Die frischen Triebe der Stabilisierung könnten daher dem welken Unkraut der Stagnation weichen, falls mehrere mittelfristige Faktoren die Fähigkeit der Weltwirtschaft, zu einem nachhaltigen Wachstum zurückzukehren, einschränken. Ohne Beseitigung dieser strukturellen Schwächen wird die Weltwirtschaft in 2010-2011 zwar möglicherweise wachsen, doch mit blutleerem Tempo.

Der Nachdruck von auf dieser Website veröffentlichen Materialien ohne schriftliche Einwilligung durch Project Syndicate stellt eine Verletzung internationalen Urheberrechts dar. Um eine entsprechende Nutzungsbewilligung einzuholen, wenden Sie sich bitte an distribution@project-syndicate.org.
English Spanish Russian French German Czech Chinese Arabic

You must be logged in to post or reply to a comment.
Please log in or sign up for a free account.


Gregman2 05:39 11 Jun 09

"...monetization of fiscal deficits is not inflationary in the short run, whereas slack product and labor markets imply massive deflationary forces." Dr. Roubini,

are you agreeing with the notion that current excess capacity is an offset to inflation?



AUTHOR INFO

Nouriel Roubini is Professor of Economics at the Stern School of Business at New York University and Chairman of Roubini Global Economics (www.roubini.com).