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„Neue Normalwerte“ beim Wirtschaftswachstum

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2009-05-05

CAMBRIDGE – Auf den Märkten sprudelt es momentan nur so vor lauter Anzeichen für eine Erholung der Weltwirtschaft. Eine wachsende Zahl von Anlegern sieht einen starken Aufschwung kommen, zunächst in China, dann in den USA und später in Europa und dem Rest der Welt. Nicht  einmal die fürchterlichen Wachstumszahlen der letzten Quartale scheinen dem Optimismus etwas anhaben zu können. Je tiefer der Absturz, desto stärker die Erholung, sagen manche Analysten.

Vielleicht haben diese Optimisten recht. Aber mit welcher Expansion darf man vernünftigerweise rechnen, wenn das Schlimmste endlich überstanden ist? Werden die „neuen Normalwerte“ gleich hoch liegen wie die „alten Normalwerte“ der Boomjahre 2002 bis 2007?

Ich sehe nicht, wie die USA und China, die beiden globalen Wachstumslokomotiven der letzten zwei Jahrzehnte, ein markant niedrigeres Durchschnittswachstum als vor der Krise verhindern wollen.

Beginnen wir mit den USA, dem Epizentrum der Finanzkrise und der immer noch wichtigsten Volkswirtschaft der Welt. Im Bestfall wird der US-Finanzsektor kleiner und strenger reguliert aus der Krise hervorgehen. Nichts worüber man sich Sorgen machen muss, sagen manche Ökonomen. In den 1950er und 1960er Jahren wiesen die USA trotz eines relativ streng regulierten Bankensystems ein rasches Wachstum auf. Warum soll das nicht noch einmal gelingen?

Sicher, aber der Finanzsektor nach dem Krieg war auch nicht gefordert, eine annähernd so vielfältige und komplexe Ökonomie wie heute zu unterstützen. Wenn die Behörden hinsichtlich der Bankenregulierungen die Uhr um mehrere Jahrzehnte zurückdrehen, wer garantiert uns, dass sie bei den Einkommen nicht gleich vorgehen?

Der Konsum in den USA, der stärkste Motor des weltweiten Wachstums, wird aufgrund niedriger Immobilienpreise, steigender Arbeitslosigkeit und sinkender Rentenvermögen sicher auf ein niedrigeres Niveau fallen. Während des Booms stieg der Verbrauch in den USA auf über 70 Prozent des BIP. Im Gefolge der Krise könnte er bis auf 60 Prozent fallen.

Und was ist mit dem einschneidenden politischen Wandel in den USA? Die Wähler sind des grenzenlosen Wachstums überdrüssig und lenken ihre Aufmerksamkeit zunehmend auf die Bewältigung von Problemen im Umwelt- und Gesundheitsbereich sowie die ungerechte Einkommensverteilung. Die Lösung dieser Probleme wird allerdings teuer, denn sie müssen mit jenem gigantischen Haushaltsdefizit im Rücken finanziert werden, das die USA zur Bekämpfung der Finanzkrise angehäuft haben. Höhere Steuern und stärkere Regulierung können nicht gut für das Wachstum sein.

Zugegebenermaßen gibt es vor allem in den Bereichen Bildung und Gesundheit noch Spielraum für effizientere Verwaltung. Aber werden diese Einsparungen reichen, um die Last einer signifikant größeren Verwaltung auszugleichen? Ich hoffe es und selbstverständlich weht mit der Regierung Obama nach der atemberaubenden Unfähigkeit der Bush-Cheney-Jahre ein frischer Wind. Aber Regierungen auf der ganzen Welt sind stets überzeugt, dass ihre expansiven Maßnahmen durch Effizienzgewinne finanziert werden können und schließlich erweist sich dieser Traum in aller Regel als Chimäre.

Längerfristig wird sich auch das Wachstum in China einbremsen. Schon vor der Finanzkrise war klar, dass China seinem Wachstumspfad von 10 Prozent und mehr nicht ewig wird folgen können. Umwelt- und Wasserprobleme häuften sich. Angesichts der Tatsache, dass China weiterhin schneller wuchs als fast alle anderen Länder wurde zunehmend deutlich, dass die Importkapazität (und  –toleranz) der restlichen Welt mit der chinesischen Exportmaschine nicht mehr mithalten konnte. China wurde zu groß.

Mit der Finanzkrise werden auch die nötigen Anpassungen der chinesischen Wirtschaft in Richtung eines gesteigerten Inlandsverbrauch viel vordringlicher. Zwar gelang es der Regierung mit massiven Staatsausgaben und einer Kreditexpansion das Wachstum sogar angesichts einbrechender Exporte aufrechtzuerhalten. Aber, obwohl notwendig, droht diese Strategie jenes  heikle Gleichgewicht zwischen der Expansion des privaten und des öffentlichen Sektors zu stören, das Chinas Aufschwung bislang untermauerte. Die zunehmende Rolle des Staates sowie die abnehmende Rolle des privaten Sektors deuten mit ziemlicher Sicherheit auf ein langsameres Wachstum später in diesem Jahrzehnt hin.  

Auch Europa steht vor Herausforderungen. Dies nicht nur aufgrund der Tatsache, dass es von allen größeren Wirtschaftsräumen der Welt am schlimmsten von dem Abschwung betroffen ist, der die deutsche Regierung zur Warnung vor einem surrealen Absturz des BIP für 2009 um 6 Prozent veranlasste. Die anhaltende Finanzkrise wird fast sicher auch die Integration der Beitrittsländer in Mittel- und Osteuropa verlangsamen, deren junge Bevölkerung heute den dynamischsten Wachstumsmotor in Europa darstellt.

Doch nicht alle Regionen werden in den nächsten zehn Jahren zwangsläufig eine langsamere wirtschaftliche Expansion aufweisen. Unter Annahme fortgesetzter Reformen in Ländern wie Brasilien, Indien, Südafrika und Russland könnten Schwellenländer sehr wohl die von den größten Ökonomien hinterlassene Wachstumskluft überbrücken. Aber aller Wahrscheinlichkeit nach wird der Internationale Währungsfonds nach Jahren der beständigen Aufwärtskorrekturen seiner weltweiten Wachstumsprognosen nun eine Korrektur nach unten vornehmen müssen.  

Selbst nach der Krise wird sich das weltweite Wachstum für einige Zeit mit ziemlicher Sicherheit auf einem niedrigeren Niveau einpendeln als in den Jahren vor der Krise. Dieser Wandel könnte sich für die Umwelt, die Einkommensgerechtigkeit und die Stabilität als vorteilhaft erweisen. Die Regierungen machen sich zurecht nicht nur über die Geschwindigkeit des Wachstums Sorgen, sondern auch über seine Qualität. Aber im Hinblick auf Steuer- und Gewinnprognosen müssen sich Anleger und Politiker auf „neue Normalwerte“ einstellen – also ein niedrigeres Durchschnittswachstum.

Kenneth Rogoff ist Professor für Ökonomie und Public Policy an der Universität Harvard und ehemaliger Chefökonom des IWF.

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