The Unbound Economy
Schnelle Ausgaben, späte Reue: Amerikas jüngstes Rettungspaket
Kenneth Rogoff
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Cambridge – Während sich alles auf die Angst vor einer weiteren Großen Depression im Stil der 1930er Jahre konzentriert, haben sich Amerikas Politiker praktisch über Nacht auf ein Rettungspaket in Höhe von $ 700 Milliarden geeinigt, um den rasch in sich zusammenfallenden Finanzsektor des Landes wiederzubeleben. Das abschließende Paket ist ein komplexes finanzpolitisches Machwerk, dessen endgültige Auswirkungen nahezu unmöglich vorherzusagen sind. Es gibt allerdings gute Gründe, skeptisch zu sein, dass es sich hierbei um das Allheilmittel handelt, auf das die Kreditmärkte (im wahrsten Sinne des Wortes) bauen.
Der Hauptfehler des Plans ist, zu glauben, der Einfallsreichtum des Staates könne den mehrere Billionen Dollar schweren „Subprime-Hypothekenmarkt“ entwirren, obwohl die „Raketenwissenschaftler“ der Wall Street daran vollkommen gescheitert sind. Obendrein wird uns erzählt, der Staat sei so schlau, dass er an der ganzen Sache sogar noch Geld verdienen könne. Vielleicht, aber wir sollten nicht vergessen, dass eine Menge sehr kluger Leute in der Finanzbranche bis vor kurzem dasselbe dachte.
Erst vor einem Jahr hatten die Vereinigten Staaten noch fünf große, eigenständige Investmentbanken, die über ihrem mächtigen Finanzsektor thronten. Zusammengenommen erhielten ihre Beschäftigten im letzten Jahr über $ 36 Milliarden an Bonuszahlungen, dank der gewaltigen Gewinne, die diese Institute mit ihren riskanten und aggressiven Geschäftsstrategien „verdienten“. Diese Strategien beinhalten normalerweise ein wesentlich höheres Risiko – und eine höhere Komplexität – als die Aktivitäten herkömmlicher Geschäftsbanken.
Mitte August besaß ich die Frechheit vorherzusagen, dass sich die Risiken nun rächen würden und dass eine große US-Investmentbank bald Konkurs gehen oder in eine Notfusion gezwungen würde. Was ich mir nicht vorgestellt hatte, war, dass es heute an der Wallstreet überhaupt keine unabhängige Investmentbank mehr geben würde. Nachdem jahrelang viele der besten und hellsten Köpfe der Welt mit ultrahoch bezahlten Jobs angelockt wurden, werfen die kollabierenden Investmentbanken sie derzeit allseits im hohen Bogen wieder hinaus. Ein Opfer, ein ehemaliger Student, rief mich neulich an und fragte: „Was soll ich jetzt tun, mir einen richtigen Job besorgen?“
Das bringt uns zurück zum Plan des US-Finanzministeriums, mehrere hundert Milliarden Dollar dafür auszugeben, dem Subprime-Hypothekenmarkt wieder auf die Sprünge zu helfen. Die Idee dahinter ist, dass die US-Regierung als Käufer der letzten Instanz die Schrottschulden aufkauft, deren Preis der Privatsektor nicht benennen konnte. Wen genau plant das Finanzministerium einzustellen, um das Ganze auszurechnen? Klar doch, arbeitslose Investmentbanker natürlich!
Lassen wir uns das mal durch den Kopf gehen. Investmentbanker haben ihre gemütlichen Jobs verloren, weil sie keine überzeugende Methode ausarbeiten konnten, um den Preis für notleidende Hypothekenschulden auszurechnen. Andernfalls wären ihre Firmen in der Lage gewesen, sich die Billionen Dollar zu pumpen, die derzeit am Spielfeldrand sitzen, in den Händen von Staatsfonds, Private-Equity-Gruppen, Hedge-Fonds und anderen. Und jetzt, wo sie für den Steuerzahler arbeiten, soll denselben Investmentbankern plötzlich die magische Preisformel einfallen, die ihnen bislang entgangen ist.
Es ist kaum verwunderlich, dass Akademiker aus dem gesamten politischen Spektrum beträchtliche Skepsis geäußert haben. Das US-Finanzministerium wird immerhin eine Aktienbeteiligung an einigen Unternehmen bekommen, es besteht also ein gewisses positives Potenzial. Aber die Hauptsorge ist, dass das Finanzministerium derzeit offenbar beabsichtigt, über das Doppelte des aktuellen Marktpreises (20-30 Cent zum Dollar) zu bezahlen, in der Annahme, dass nach dem Erfolg des Finanzministeriums bei der Entwirrung des Hypothekenmarktes jeder Rabatt wie ein gutes Geschäft aussehen wird.
Wird bei dieser Erbsenzählerei vergessen, dass das Finanzsystem dringend ins Lot gebracht werden muss? Ist nicht irgendein Plan besser als gar keiner?
Ich zum Beispiel bin nicht überzeugt. Effiziente Finanzsysteme sollten das Wachstum in der realen Wirtschaft fördern und keine riesige Steuerlast erzeugen. Und der US-Finanzsektor hat, während er die Räder der realen Wirtschaft geölt hat, erstaunliche 30 % der Unternehmensgewinne und 10 % der Löhne aufgesogen. Somit haben es die USA anders als in den 1930er Jahren mit einem übersättigten, aufgeblähten Finanzsystem zu tun. Ist es dann nicht möglich, dass ein bedeutsames Schrumpfen des Finanzsektors keine Große Depression auslöst, sondern tatsächlich Effizienz und Wachstum steigert , insbesondere wenn es von einer verbesserten Regulierungsstruktur gefördert wird?
Ich schlage nicht vor, dass die Regierung die Krise untätig aussitzen sollte. Sie muss in dieser turbulenten Zeit eine erweiterte Form der Depotversicherung bieten, damit es keine weiteren Anstürme auf eine Bank gibt wie auf Northern Rock. Das war die große Lektion aus den 30er Jahren. Der Staat muss vielleicht auch abwägen, Geld direkter in den Hypothekensektor zu pumpen, während sich der private Sektor selbst neu aufstellt.
Gewiss muss der Staat auch bessere Möglichkeiten finden, um Hausbesitzer und ihre Kreditgeber bei der Ausarbeitung von Vorgehensweisen im Konkursfall zu unterstützen. Es ist sinnlos, dass die Banken eine Zwangsvollstreckung von Hypotheken betreiben, wenn es andere Möglichkeiten gibt, bei denen die Menschen in ihren Wohnungen bleiben und die Banken wesentlich mehr Geld zurückgewinnen könnten.
Am Ende werden die USA nach weiteren Drehungen, Wendungen und riesigen Ausgaben aus ihrer langen und abenteuerlichen Finanzkrise herausfinden. Doch besteht das große Risiko, dass dieser letzte Schritt, wie gewaltig er auch sein mag, am Ende mehr für die Profite und Bonusse im Finanzsektor tun wird als für den Rest der Wirtschaft.
Kenneth Rogoff ist Professor für Wirtschaft und Public Policy an der Universität Harvard und ehemaliger Chefökonom des IWF.
Copyright: Project Syndicate, 2008.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Anke Püttmann
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