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Kenneth Rogoff

Haben die Zentralbanken eine Ausstiegsstrategie?

Kenneth Rogoff

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2008-09-02

SINGAPUR – Ein Jahr nach der globalen Finanzkrise sind mehrere wichtige Zentralbanken den wackeligen privaten Finanzsektoren ihrer Länder immer noch außerordentlich schutzlos ausgesetzt. Bislang war die Strategie sinnvoll, die Finanzsysteme mit der Ernährungssonde der durch den Steuerzahler garantierten kurzfristigen Kredite am Leben zu erhalten. Doch müssen die Zentralbanken am Ende den Stecker ziehen. Andernfalls landen sie selbst auf der Intensivstation, sollten die Kreditverluste in ihren Bilanzen Überhand nehmen.

Die Vorstellung, die größten Wirtschaftsnationen der Welt seien lediglich mit einer kurzfristigen Panik konfrontiert, wirkt zusehends unrealistisch. Stattdessen wird langsam deutlich, dass die Finanzbranche nach einer Zeit der großartigen Profite und Wachstumsschübe nun eine Zeit der Konsolidierung und Kürzungen erleiden muss. Schwache Banken müssen zusammenbrechen oder fusionieren dürfen (wobei die normalen Kontoinhaber von den staatlichen Versicherungsfonds ausbezahlt werden), damit die starken Banken mit neuer Kraft aus der Krise hervorgehen können.

Wenn dies die richtige Diagnose für die „Finanzkrise“ ist, dann werden die Versuche, eine gesunde und normale Dynamik aufzuhalten, das Problem lediglich verlängern und verschärfen. Lässt man die notwendige Konsolidierung nicht zu, so schwächt man die Kreditmärkte, anstatt sie zu stärken.

Die US-Notenbank Federal Reserve, die Europäische Zentralbank und die Bank of England sind besonders stark betroffen. Zusammen haben sie traditionellen Banken sowie komplexen, unregulierten „Investment-Banken“ kurzfristige Darlehen in Höhe von mehreren hundert Milliarden Dollar gewährt. Viele andere Zentralbanken beobachten die Situation nervös und sind sich vollkommen darüber im Klaren, dass sie sich bald selbst in derselben Lage befinden könnten, wenn die Weltkonjunktur weiter zurückgeht und die Verzugszinsen auf alle Schuldenarten weiter steigen.

Wenn die Zentralbanken einen massiven Verlust in ihren Bilanzen hinnehmen müssen, ist das nicht unbedingt das Ende der Welt. Das ist alles schon mal da gewesen – z. B. während der Finanzkrisen der 90er Jahre. Doch lässt sich aus der Geschichte ableiten, dass es nie besonders angenehm ist, die Bilanz einer Zentralbank wieder ins Lot zu bringen. Wenn eine Zentralbank mit Kreditverlusten konfrontiert wird, kann sie sich entweder durch Inflation aus dem Schlamassel ziehen oder eine Sanierung durch die Steuerzahler abwarten. Beide Lösungen sind äußerst traumatisch.

Eine voll entfesselte Inflation verursacht alle möglichen Verzerrungen und Unwirtschaftlichkeiten. (Und ich denke nicht, dass die Zentralbanken die Inflationssteuer ausgeschlossen haben. Tatsächlich hat die Inflation im vergangenen Jahr einen Höchststand erreicht, was eine erforderliche Korrektur der realen Immobilienpreise bequem ermöglichte.) Eine Rettung durch die Steuerzahler geht selten glatt vonstatten und beeinträchtigt zwangsläufig die Unabhängigkeit der Zentralbank.

Zudem stellt sich die Frage nach der Gerechtigkeit. Der Finanzsektor hat außergewöhnlich hohe Gewinne erwirtschaftet, insbesondere in englischsprachigen Ländern. Und obwohl es aufgrund der Undurchsichtigkeit und Komplexität des Finanzsektors extrem schwierig ist, seine Größe zu berechnen, legen offizielle US-Statistiken nahe, dass rund ein Drittel der amerikanischen Unternehmensgewinne 2006 auf Finanzfirmen entfällt. An der Wallstreet und in der Londoner City sind Bonusse in Höhe von mehreren Millionen Dollar zur Regel geworden, und Finanzunternehmen sind auf den Spenderlisten aller großen politischen Kandidaten der US-Präsidentschaftswahl 2008 am stärksten vertreten.

Warum also sollten die einfachen Steuerzahler die Zeche bezahlen, um der Finanzbranche aus der Patsche zu helfen? Warum nicht der Auto- und Stahlindustrie oder irgendeiner anderen Branche, die in den letzten Jahren einen Abwärtstrend erlitten hat? Dieses Argument fällt noch stärker ins Gewicht, wenn die Zentralbanken zur „Inflationssteuer“ greifen, welche überproportional stark die Armen belastet, denen weniger Mittel zur Verfügung stehen, um sich vor Preissteigerungen zu schützen, die den Wert ihrer Ersparnisse verringern.

Der britische Ökonom Willem Buiter hat den Zentralbanken und Finanzbehörden offen „regulatory capture“ – die Einflussnahme spezieller Interessengruppen – durch den Finanzsektor vorgeworfen, insbesondere in den USA. Das ist ein schwerer Vorwurf, vor allem angesichts der gewaltigen Unsicherheiten, mit denen die Zentralbanken und die Finanzbehörden konfrontiert sind. Doch sollten die Behörden keine Anpassungen vornehmen, während sich die Krise ausbreitet, könnte Buiters Vorwurf weniger extrem wirken.

Wie können sich die Zentralbanken also aus diesem tiefen Loch wieder herausschaufeln? Der Schlüssel ist eine genauere Unterscheidung zwischen den Finanzunternehmen, deren Schwierigkeiten tatsächlich durch eine Panik verursacht wurden (und daher vorübergehend sind), und grundlegenderen Problemen.

Nach einer Zeit der massiven Expansion, in der der Finanzsektor sich fast verdoppelt hat, ist ein gewisser Rückgang natürlich und normal. Die Hypothekenkrise hat einen Rückgang in den wichtigsten Geschäftsbereichen einiger Finanzinstitute ausgelöst, insbesondere bei ihren undurchsichtigen, jedoch äußerst profitablen derivativen Geschäften. Ein gewisses Schrumpfen der Branche ist unvermeidlich. Die Zentralbanken müssen anfangen, die Konsolidierungen zu fördern, anstatt wahllos Kredite zu verteilen.

Im Prinzip kann die Finanzbranche kleiner werden, indem alle Institute proportional schrumpfen, z. B. um 15 %. Doch ist dies im Allgemeinen kein typisches Muster für Industriezweige. Wenn Staatsfonds einsteigen wollen, um die nach Kapital dürstenden Firmen in der Hoffnung auf eine große Erholung liquide zu halten, so sollten sie dies tun dürfen. Doch sollte ihnen bewusst sein, dass große ausländische Anteilseigner in Finanzunternehmen u. U. wesentlich ineffektiver sind als Einheimische, wenn es darum geht, die Zentralbanken dazu zu bewegen, gewaltige Kreditlinien ohne weitere Bedingungen zu gewähren.

Es ist an der Zeit für eine Bestandsaufnahme der Krise, bei der erkannt werden muss, dass die Finanzbranche grundlegende Veränderungen durchmacht und nicht nur das Opfer einer Spekulationspanik in Bezug auf Hypotheken ist. Gewiss ist eine bessere Regulierung längerfristig Teil der Antwort, doch stellt sie kein Allheilmittel dar. Die derzeitigen Aktionäre und Obligationsinhaber der Finanzfirmen müssen die Hauptkosten tragen, andernfalls gibt es kaum Hoffnung, dass sie sich in der Zukunft verantwortungsvoller verhalten.

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daver 06:00 28 Sep 08

Interesting analysis - that we're going through a consolidation in an overdeveloped financial services sector and government intervention will just serve to weaken, rather than strengthen our credit markets.

It seems that the over-development of the financial sector is an aftereffect / hangover of the excessive liquidity of the Greenspan years which juiced the economy and cushioned us through some downturns but produced the stock market bubble, and now the housing bubble meltdown that precipitated the current crisis.

If there wasn't a housing bubble we wouldn't be discussing a bailout plan.

Dave

Just Say No to the Bailout Plan


daver 06:01 28 Sep 08

Missed the link to my blog post where I quote you:

http://www.islandersoftware.com/weblog/2008/09/27/just-say-no-to-the-bailout-plan/



AUTHOR INFO

Kenneth Rogoff is Professor of Economics and Public Policy at Harvard University, and was formerly chief economist at the IMF.