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Kenneth Rogoff

Augenöffner bei der Inflation

Kenneth Rogoff

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2008-03-03

CAMBRIDGE, MASS: Vielleicht bedarf es angesichts der allerorten in die Höhe schießenden Inflation eines Schocks, um die Notenbanker aus ihrer Selbstzufriedenheit zu wecken. Wie wäre es damit, eine ihrer nächsten, alle zwei Monate stattfindenden Sitzungen in Simbabwe auszurichten, wo Hyperinflation herrscht? Das wäre vielleicht nicht bequem, aber dafür lehrreich.

Laut dem offiziellen Statistikamt von Simbabwe hat die Inflation dort 2007 die Marke von 66.000% überschritten – was mehr an Deutschland zur Zeit der Weimarer Republik erinnert als an das Afrika unserer Tage. Auch wenn sich niemand ganz sicher ist, wie die Regierung es angesichts der Tatsache, dass es in den Geschäften praktisch nichts zu verkaufen gibt, geschafft haben will, die Preise zu schätzen: Die meisten Indikatoren deuten an, dass Simbabwe gute Chancen hat, den Inflationsweltrekord zu brechen.

Es könnte freilich sein, dass die Notenbanker sich trotz aller Neugier entscheiden, dass eine Sitzung in Harare zu unpraktisch und politisch inopportun wäre. Glücklicherweise gibt es zahlreiche weitere attraktive – wenn auch weniger spektakuläre – Reiseziele mit hoher Inflation. In Russland, Vietnam, Argentinien und Venezuela etwa, um nur einige davon zu nennen, liegt sie fest im zweistelligen Bereich.

Tatsächlich könnten sich die Notenbanker außer im deflationsgeschüttelten Japan fast überall von hoher und weiter steigender Inflation überzeugen. Die chinesischen Behörden sind so besorgt über die Inflationsrate von 7% in ihrem Land, dass sie Indien nachahmen und Preiskontrollen für Lebensmittel verhängt haben. Selbst in den USA betrug die Inflation im letzten Jahr 4%, obwohl die Federal Reserve irgendwie überzeugt zu sein scheint, dass die meisten Menschen das nicht bemerken.

Viele Notenbanker und Ökonomen argumentieren, dass die derzeit weltweit steigende Inflation nur eine vorübergehende Anomalie sei, angetrieben von steigenden Preisen für Nahrungsmittel, Treibstoff und andere Rohstoffe. Und es stimmt, die Preise für viele wichtige Rohstoffe sind seit Beginn des Jahres um zwischen 25% und 50% gestiegen. Doch wenn die Notenbanker glauben, dass die derzeitige Inflation bloß das Produkt einer kurzfristigen Ressourcenverknappung statt vielmehr einer lockeren Geldpolitik sei, dann irren sie sich. Tatsache ist, dass in den meisten Teilen der Welt die Inflation und letztlich die Inflationserwartungen weiter steigen werden, sofern die Notenbanken nicht die geldpolitischen Zügel anziehen.

Die USA sind derzeit das Epizentrum der globalen Inflation. Angesichts der bösartigen Verbindung einbrechender Hauspreise und implodierender Kreditmärkte hat die Fed in dem Versuch, eine Rezession abzuwenden, aggressiv die Zinsen gesenkt. Doch selbst wenn die Fed dies in ihren Prognosen nicht zugibt: Der Preis dieser „Versicherungspolice“ dürfte fast mit Sicherheit früher oder später eine höhere Inflation sein, die dann möglicherweise mehrere Jahre anhält.

Die Inflation in Amerika wäre begrenzt, hätten nicht derart viele Länder – vom Mittleren Osten bis hin nach Asien – ihre Währungen effektiv an den Dollar gekoppelt. In anderen Ländern, wie Russland und Argentinien, gibt es keine unmittelbare Dollarbindung, doch versucht man dort nichtsdestoweniger, Kursbewegungen zu glätten. Infolgedessen setzt jede Zinssenkung der Fed den gesamten „Dollarblock“ unter Druck, nachzuziehen, damit es dort nicht aufgrund des Strebens der Anleger nach höheren Renditen zu einer Währungsaufwertung kommt.

Die Lockerung der US-Geldpolitik hat daher in einem erheblichen Teil der Weltwirtschaft – möglicherweise bis zu 60% – das Inflationstempo vorgegeben. Doch angesichts der Tatsache, dass die meisten Volkswirtschaften des Mittleren Ostens und Asiens sich in erheblich besserem Zustand befinden als jene der USA und die Inflation in den meisten Schwellenländern bereits deutlich im Steigen begriffen ist, sind aggressive geldpolitische Impulse das Letzte, was diese Länder brauchen.

Die Europäische Zentralbank hält sich derzeit zurück, aber auch sie dürfte sich derzeit mit Zinserhöhungen zurückhalten – teilweise aus Furcht, den Euro, der bereits jetzt Höchststände markiert, noch weiter in die Höhe zu treiben. Und die EZB macht sich Sorgen, dass sie, falls sich die Rezession in den USA als ansteckend erweist, ihre Strategie ändern und trotz allem die Zinsen senken muss.

Was also passiert als Nächstes? Falls die USA von einer milden in eine schwere Rezession abgleiten, werden die weltweiten deflationären Auswirkungen einen Teil des Inflationsdrucks ausgleichen, dem die Welt derzeit ausgesetzt ist. Die weltweiten Rohstoffpreise werden einbrechen, und die Preise für viele Waren und Dienstleistungen werden angesichts wachsender Arbeitslosigkeit und Überkapazitäten weniger schnell steigen.

Natürlich wird eine Rezession in den USA außerdem weitere Zinssenkungen der Fed mit sich bringen, die die Probleme später dann verschärfen werden. Doch der Inflationsdruck wird sogar noch schlimmer ausfallen, falls es bei einer leichten Rezession in den USA bei weiterhin starkem globalen Wachstum bleibt. In diesem Fall könnte die Inflation in großen Teilen der Welt leicht auf ein Niveau steigen, wie wir es in den 1980er Jahren erlebt haben (wenn auch nicht unbedingt auf das Niveau der 1970er Jahre).

Bisher würden die meisten Anleger lieber für ein paar Jahre eine hohe Inflation riskieren, als auch nur eine kurze und oberflächliche Rezession zu akzeptieren. Die Kosten einer hohen Inflation, und welche Schwierigkeiten es bereitet, sie wieder aus dem System zu herauszudrücken, haben sie nur allzu schnell vergessen. Vielleicht sollten auch sie als Augenöffner versuchen, ein paar Konferenzen in Simbabwe abzuhalten.

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AUTHOR INFO

Kenneth Rogoff is Professor of Economics and Public Policy at Harvard University, and was formerly chief economist at the IMF.