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Kenneth Rogoff

Kann der IWF eine globale Finanzkrise abwenden?

Kenneth Rogoff

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2006-09-01

Wenn sich die führenden Vertreter der Finanzwelt diesen Monat in Singapur zur gemeinsamen Tagung der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds treffen, werden sie sich mit einer überaus brisanten Frage zu befassen haben. Gibt es eine Möglichkeit, die größten Mitgliedsländer des IWF, vor allem die USA und China, dazu zu bewegen, an der Verringerung jener Risiken mitzuwirken, welche die massiven Handelsungleichgewichte auf der Welt mit sich bringen?

Heuer werden die USA ungefähr 800 Milliarden Dollar an Krediten aufnehmen, um ihr Leistungsbilanzdefizit zu finanzieren. Unfassbar, aber die USA verbrauchen damit ungefähr zwei Drittel aller weltweiten Nettoersparnisse – eine in der Geschichte einmalige Situation.

Obwohl diese Kreditorgie durchaus glimpflich enden könnte, wie US-Notenbankchef Ben Bernanke vermutet, sorgen sich die führenden Vertreter der Finanzwelt zurecht über eine dramatischere Neuordnung, die wahrscheinlich eine massive Abwertung des Dollar und noch Schlimmeres zur Folge hätte. Wenn die politischen Verantwortungsträger weiterhin tatenlos zusehen, ist ein abrupter weltweiter Abschwung oder sogar eine verheerende Finanzkrise durchaus vorstellbar.

Obwohl Bernanke zurecht eine weiche Landung als wahrscheinlichsten Ausgang sieht, sagt einem der Hausverstand, dass man sich auf ein paar prophylaktische Maßnahmen einigen sollte, auch wenn damit die eine oder andere bittere Pille für die USA, China und andere an den globalen Ungleichgewichten Beteiligte verbunden ist. Leider ist es alles andere als leicht, die Aufmerksamkeit der Politiker in den großen Ländern auf andere Dinge als ihre nationalen Sachzwänge zu lenken.

Obwohl der Vergleich unfair ist, fällt einem dazu doch ein alter Witz über eine dem IWF verwandte Organisation, die Vereinten Nationen, ein: „Wenn es einen Streit zwischen zwei kleinen Ländern gibt, schreitet die UNO ein und der Streit verschwindet. Wenn es einen Streit zwischen einem kleinen und einem großen Land gibt, schreitet die UNO ein und das kleine Land verschwindet. Wenn es einen Streit zwischen zwei großen Ländern gibt, verschwindet die UNO.”

Zum Glück ist der IWF noch nicht verschwunden, obwohl einige große Länder überhaupt keine Freude damit haben, was der IWF zu sagen hat. Der Chef des IWF, der Spanier Rodrigo Rato, besteht zurecht darauf, dass China, die USA, Japan, Europa und die wichtigsten Erdölexportländer (heute die wichtigste Quelle für neues Kapital) konkrete Maßnahmen ergreifen, um die Gefahr einer Krise zu verringern.

Obwohl die Details dazu noch auszuarbeiten sind, würden solche Maßnahmen eine höhere Wechselkursflexibilität in China ebenso einschließen wie möglicherweise auch ein Versprechen der USA, sich zu größerer haushaltspolitischer Zurückhaltung zu verpflichten. Die Erdöl exportierenden Länder ihrerseits könnten eine Erhöhung der inländischen Konsumausgaben versprechen, wodurch die Importe angekurbelt würden.

Desgleichen könnte Japan nach der Deflation versprechen, nie wieder mit massiven Interventionen gegen eine Aufwertung seiner Währung vorzugehen. Die Länder Europas könnten ihrerseits übereinkommen, die wirtschaftliche Erholung nicht mit zeitlich schlecht geplanten neuen Steuern abzuwürgen, wie man sie derzeit in Deutschland ins Auge fasst.

Wird es dem IWF gelingen, ein Abkommen herbeizuführen? Der jüngste katastrophale Zusammenbruch der Welthandelsgespräche lässt nichts Gutes ahnen. Europa, Japan und (in geringerem Ausmaß) die USA waren einfach nicht bereit, ihre kleinen aber einflussreichen Agrarlobbys in die Schranken zu weisen. Das tragische Ergebnis ist nun, dass manche der ärmsten Länder der Welt ihre landwirtschaftlichen Güter nicht exportieren können, obwohl das einer der wenigen Bereiche ist, wo sie realistischerweise mit China und Indien mithalten können.

Zum Glück für Rato kann sich die Lösung des Problems der globalen Ungleichgewichte als Win-Win-Situation erweisen. Die für die globalen Handelsungleichgewichte vorgeschlagenen Strategien sind zumeist auch bei der Bewältigung nationaler ökonomischer Probleme hilfreich.

So benötigt China beispielsweise einen stärkeren Wechselkurs, um die exzessiven Investitionen auf seinem Exportsektor zu drosseln, wodurch sich auch die Gefahr eines Zusammenbruchs im Stile der 1990er Jahre verringert. In den USA würde eine drastische Erhöhung der Energiesteuern auf Benzin und andere fossile Brennstoffe nicht nur die Bilanz der Regierung verbessern, sondern böte auch eine Möglichkeit, sich des Problems der globalen Erwärmung anzunehmen. Gäbe es für den neuen US-Finanzminister und ausgewiesenen Umweltschützer Hank Paulson, eine bessere Gelegenheit sich auf weltpolitischer Bühne erstmals zu profilieren?

In ähnlicher Weise erkennen sicher auch die Technokraten der Bank von Japan, dass sie ihre Ökonomie weit effektiver managen könnten, wenn sie ihren anachronistischen Interventionsmethoden bei Wechselkursschwankungen abschwören und ernsthaft auf moderne Zinssatz-Steuerungsregeln einschwenken, wie sie auch von der US-Notenbank Federal Reserve und der Europäischen Zentralbank angewendet werden.

Da sich Europa in einem zyklischen Aufschwung befindet, sollten die Steuereinnahmen sogar ohne Steuererhöhungen zu steigen beginnen. Warum also sollte man riskieren, die beginnende wirtschaftliche Erholung des Kontinents im Keim zu ersticken? Saudi Arabien mit seinen stark steigenden Öleinnahmen könnte ein großes Übereinkommen nützen, um sein Image als wichtiger Anker für weltweite Finanzstabilität zu verfestigen.

Wenn die gigantische Geldaufnahme der USA kein glückliches Ende nimmt und es den politischen Führern der Welt nicht gelingt, dem IWF bei der Bewältigung seiner Aufgabe zu helfen, werden diese Politiker vor den Augen der Geschichte keine Gnade finden. Dann wird man ihnen vorwerfen, die sich deutlich abzeichnende bevorstehende Katastrophe nicht erkannt haben. Hoffen wir also, dass diesmal nur die massiven Handelsungleichgewichte verschwinden und nicht die Führungspersönlichkeiten und Institutionen, deren Aufgabe es eigentlich ist, diese Ungleichgewichte zu bewältigen.

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AUTHOR INFO

Kenneth Rogoff is Professor of Economics and Public Policy at Harvard University, and was formerly chief economist at the IMF.