Roads to Prosperity
Ein neuer Washington-Konsens?
Dani Rodrik
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CAMBRIDGE – Vor zweieinhalb Jahren traten führende Mitarbeiter der Weltbank an Nobelpreisträger Michael Spence mit der Bitte heran, die Leitung einer hochrangig besetzten Kommission zu übernehmen, die sich mit Fragen der Wirtschaftsentwicklung befassen soll. Das Thema hätte bedeutender nicht sein können. Der „Washington-Konsens“ – jene berüchtigte Aufgabenliste für politische Entscheidungsträger in den Entwicklungsländern – hatte sich größtenteils aufgelöst. Aber was würde stattdessen kommen?
Spence war sich nicht sicher, ob er der richtige Mann für diesen Job wäre. Schließlich hatte er sich in seiner Forschung auf theoretische Fragen in entwickelten Ökonomien konzentriert; er war Dekan einer wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät; und er hatte keine große Erfahrung im Bereich Wirtschaftsentwicklung. Aber er war von der Aufgabe fasziniert und wurde von den begeisterten und positiven Reaktionen der zukünftigen Kommissionsmitglieder bestärkt. So kam es zur Bildung der von Michael Spence geleiteten Wachstums- und Entwicklungskommission, einer mit hervorragenden Experten besetzten Gruppe von Entscheidungsträgern, der ein weiterer Nobelpreisträger angehört und deren Schlussbericht Ende Mai veröffentlicht wurde.
Der Spence-Bericht markiert einen Wendepunkt in der Entwicklungspolitik – und zwar ebenso sehr aufgrund dessen, was darin geschrieben steht, als auch aufgrund dessen, was ausgelassen wurde. Vorbei sind die Zeiten selbstbewusster Erklärungen über die Vorteile von Liberalisierung, Deregulierung, Privatisierung und freien Märkten. Ebenso vergessen sind jene 08/15-Empfehlungen, die keine kontextabhängigen Unterschiede kennen. Stattdessen verfolgt der Spence-Bericht einen Ansatz, der die Grenzen unseres Wissens anerkennt, Pragmatismus und Gradualismus in den Vordergrund stellt und die Regierungen zu experimenteller Arbeit ermuntert.
Ja, erfolgreiche Ökonomien haben viele Dinge gemeinsam: sie sind alle in die Weltwirtschaft eingebunden, unterstützen makroökonomische Stabilität, fördern Ersparnisse und Investitionen, bieten marktorientierte Anreize und sind entsprechend gut geführt. Es ist durchaus nützlich, diese allgemeinen Tatsachen im Auge zu behalten, weil sie das Rahmenwerk für das Funktionieren geeigneter wirtschaftspolitischer Strategien bilden. Die Feststellung, dass es auf den Kontext ankommt, heißt nicht, dass alles möglich ist. Aber es gibt keine universell gültigen Regeln. Verschiedene Länder erreichen diese Ziele auf unterschiedliche Weise.
Der Spence-Bericht ist Ausdruck eines tiefer greifenden intellektuellen Wandels im Bereich der Entwicklungspolitik, eines Wandels, der nicht nur Wachstumsstrategien umfasst, sondern auch die Bereiche Gesundheit, Bildung, und andere sozialpolitische Belange. Das herkömmliche strategische Rahmenwerk, das nun allmählich von dieser neuen Denkschule abgelöst wird, hat eher präsumtiven und weniger diagnostischen Charakter.
Schon am Beginn des traditionellen Modells stehen vorgefasste Meinungen über die Art des Problems: zu viel (oder zu wenig) staatliche Regulierung, zu schlechte Regierungsführung, zu geringe öffentliche Ausgaben in den Bereichen Gesundheit und Bildung und so weiter und so fort. Bei den Empfehlungen handelt es sich um eine ellenlange Liste von Reformen, deren ergänzender Charakter stets betont wird – soll heißen, es muss alles gleichzeitig umgesetzt werden – anstatt eine gewisse Reihenfolge oder eine Priorisierung vorzuschlagen. Obendrein besteht eine generelle Tendenz in Richtung universeller Rezepte – „modellhafte“ institutionelle Maßnahmen, „Best Practices“, Faustregeln und so weiter.
Im Gegensatz dazu präsentiert sich der neue Ansatz anfangs relativ unschlüssig darüber, was funktioniert. Die Hypothese ist, dass es in armen Ländern viele „Schlampereien“ gibt und einfache Änderungen daher große Unterschiede bewirken können. Diese neue Denkart ist damit eindeutig diagnostischer Natur und konzentriert sich auf die vordringlichsten wirtschaftlichen Engpässe und Beschränkungen. Statt einer allumfassenden Reform hebt man zur Erarbeitung lokaler Lösungen die Bedeutung experimenteller Strategien und relativ begrenzter zielgerichteter Initiativen hervor. Außerdem fordert man Überwachung und Bewertung, um herauszufinden, wie die jeweiligen Experimente funktionieren.
Dem neuen Ansatz sind universelle Allheilmittel suspekt. Stattdessen bemüht man sich um strategische Innovationen, die ökonomische oder politische Komplikationen im jeweiligen Land überwinden. Dieser Ansatz ist stark von dem in China seit 1978 herrschenden experimentellen Gradualismus beeinflusst – der wohl spektakulärsten Geschichte von Wirtschaftswachstum und Armutsverringerung, die die Welt jemals gesehen hat.
Der Spence-Bericht ist ein Konsensdokument und somit auch Ziel unfairer Kritik. Der Bericht wartet nicht mit „großen Ideen“ auf und mitunter gibt man sich größte Mühe, es allen recht zu machen und sämtliche möglichen Perspektiven zu beleuchten. Aber wie Spence selbst im Hinblick auf die wirtschaftlichen Reformen formulierte: Man muss kleine Schritte machen, um langfristig große Veränderungen zu bewirken. Es ist eine große Leistung, diesen Grad an Übereinstimmung zu erreichen, wie es Spence rund um diese neuen Ideen gelang, die zeitweise so krass vom althergebrachten Ansatz abweichen.
Es ist Spence’ Verdienst, dass im Bericht sowohl Marktfundamentalismus als auch institutioneller Fundamentalismus vermieden wird. Statt einfache Antworten wie „überlasst den Markt sich selbst” oder „bringt eure Regierungsführung in Ordnung“ zu präsentieren, betont man zurecht, dass jedes Land seine eigene Mischung aus Abhilfemaßnahmen finden muss. Ausländische Ökonomen und Hilfsorganisationen können ein paar Zutaten zur Verfügung stellen, aber nur das Land selbst kann das Rezept erarbeiten.
Wenn es also einen neuen Washington-Konsens gibt, dann müssen die Regeln im jeweiligen Land und nicht in Washington geschrieben werden. Und das ist der wirkliche Fortschritt.
Dani Rodrik ist Professor für Politische Ökonomie an der John F. Kennedy School of Government der Universität Harvard und erster Preisträger des vom amerikanischen Sozialwissenschaftlichen Forschungsrat vergebenen Albert O.Hirschman-Preises. Sein jüngstes Buch trägt den Titel One Economics, Many Recipes: Globalization, Institutions, and Economic Growth.
Copyright: Project Syndicate, 2008.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier
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