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Waffen, Medikamente und Finanzmärkte

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2008-04-11

CAMBRIDGE – Die Hypothekenkrise hat wieder einmal gezeigt, wie schwer es ist, die Finanzindustrie zu zähmen, eine Branche, die sowohl die Lebensader der modernen Wirtschaft als auch ihre gravierendste Bedrohung darstellt. Obwohl das für Schwellenländer, die im letzten Vierteljahrhundert viele Finanzkrisen erlebt haben, nichts Neues ist, hat ein halbes Jahrhundert Finanzstabilität die weiter entwickelten Industrieländer in Sicherheit gewiegt.

Diese Stabilität spiegelte einen einfachen Tauschhandel wider: Vorschriften gegen die Freiheit, zu agieren. Im Gegenzug für die staatliche Einlagenversicherung und die Funktion der öffentlichen Hand als Kreditgeber der letzten Instanz (Lender of last Resort) hat der Staat Aufsichtsvorschriften für kommerzielle Banken erlassen. Den Aktienmärkten wurden Bestimmungen zur Offenlegung und Transparenz auferlegt.

Doch hat uns die Deregulierung der 1980er Jahre auf unbekanntes Terrain geführt. Von der Deregulierung versprach man sich Finanzinnovationen, die den Zugang zu Krediten verbessern, eine stärkere Diversifizierung der Portfolios ermöglichen und das Risiko denjenigen überlassen würden, die es am besten tragen können. Überwachung und Vorschriften seien Hindernisse, behaupteten die Liberalisierer, und der Staat könne unmöglich mit den Veränderungen Schritt halten.

Die aktuelle Krise hat viel verändert. Jetzt erkennen wir, dass selbst die raffiniertesten Player am Markt keine Ahnung von den neu entstandenen Finanzinstrumenten hatten, und keiner zweifelt daran, dass die Finanzbranche überholt werden muss.

Doch was genau muss getan werden? Die Ökonomen, die sich mit derartigen Themen beschäftigen, können in drei Gruppen eingeteilt werden.

Zunächst gibt es die Befürworter des Libertarismus, für die alles, was zwischen zwei mündigen Erwachsenen steht, einem Verbrechen gleichkommt. Wenn mir jemand ein Stück Papier verkauft, das ich kaufen möchte, bin ich dafür verantwortlich, zu wissen, was ich kaufe, und muss mir sämtlicher widriger Folgen bewusst sein. Wenn mir mein Kauf schadet, ist das ausschließlich meine eigene Schuld. Ich kann den Staat nicht Hilfe bitten.

Gegner des Libertarismus erkennen den fatalen Fehler in dieser Argumentation: Finanzfiaskos bringen das mit sich, was Ökonomen als „Systemrisiko“ bezeichnen – alle müssen bezahlen. Wie die Rettung von Bear Stearns zeigt, kann es dazu kommen, dass der Staat private Einrichtungen retten muss, um eine Panik zu verhindern, die an anderer Stelle gravierendere Auswirkungen hätte. Daher operieren viele Finanzinstitute, insbesondere die größten, mit einer stillschweigenden staatlichen Garantie. Das rechtfertigt eine staatliche Regulierung der Kredit- und Investitionspraktiken.

Daher befürworten die Ökonomen in der zweiten und dritten Gruppe – nennen wir sie Finanzenthusiasten und Finanzskeptiker – Interventionen schon etwas eher. Doch ist der Grad der Interventionen, den sie verzeihen, unterschiedlich und reflektiert ihre verschiedenen Ansichten darüber, wie untauglich der vorherrschende Ansatz bei Überwachung und Aufsichtsbestimmungen ist.

Finanzenthusiasten neigen dazu, jede Krise als eine Gelegenheit zum Lernen anzusehen. Obwohl Aufsichtsvorschriften und Überwachung niemals perfekt sein können, könne eine Ausweitung auf Hedge-Fonds und andere unregulierte Einrichtungen immerhin noch die negativen Auswirkungen mindern. Wenn es für die Behörden zu kompliziert wird, könne die Aufgabe an den privaten Sektor abgegeben werden, indem man sich auf die Risikomodelle der Ratingagenturen und Finanzdienstleister selbst verlässt. Die Vorteile aus Finanzinnovationen seien zu groß für strengere Interventionen.

Die Finanzskeptiker sind da anderer Meinung. Sie sind nicht so sehr davon überzeugt, dass Finanzinnovationen in letzter Zeit große Vorteile gebracht hätten (außer für die Finanzbranche selbst), und sie bezweifeln, dass Aufsichtsvorschriften jemals ausreichende Wirkung zeigen werden. Um die wirklich erforderliche Sorgfalt walten zu lassen, müssten die Behörden von einem umfassenderen Maßnahmenpaket Gebrauch machen, unter anderem von quantitativen Beschränkungen, Transaktionssteuern, Einschränkungen für die Substitution von Bankkrediten durch handelbare Wertpapiere , Verbote oder andere direkte Behinderungen von Finanztransaktionen – die den meisten Finanzmarktteilnehmern allesamt ein Gräuel sind.

Will man die Argumente für einen allgemeineren Ansatz bei der Finanzregulierung verstehen, sollte man sich drei regulierte Wirtschaftszweige vor Augen führen: Medikamente, Tabak und Schusswaffen. In jedem dieser Wirtschaftszweige versucht man, die persönlichen Vorteile und die Freiheit des Einzelnen, das zu tun, was er will, gegen die Risiken abzuwägen, die er für die Gesellschaft und sich selbst darstellt.

Eine Strategie besteht darin, sich gezielt auf das Verhalten zu beschränken, das die Probleme verursacht, und sich auf freiwillige Selbstkontrolle zu verlassen. Das ist im Kern der Ansatz, für den sich die Finanzenthusiasten aussprechen: die Verhaltensparameter festsetzen und den Finanzmaklern ansonsten freie Hand lassen.

Doch gehen unsere Bestimmungen in allen drei Bereichen wesentlich weiter. Wir beschränken den Zugang zu den meisten Medikamenten, setzen für Tabak hohe Steuern und Vermarktungsbeschränkungen fest und kontrollieren den Waffenhandel und -besitz. Hier folgen wir einem einfachen Prinzip: Da wir das Verhalten auf keinen Fall perfekt überwachen und regulieren können, müssen wir auf umfassendere Maßnahmen zurückgreifen.

Im Grunde ähneln Finanzenthusiasten der amerikanischen Waffenlobby, die argumentiert, dass „nicht die Waffen töten; sondern der Mensch tötet.“ Die Konsequenz liegt auf der Hand: Nur diejenigen, die mit ihren Waffen Verbrechen begehen, sollten bestraft werden, aber die anderen sollten nicht bestraft werden, indem man ihren Zugang zu Waffen ebenfalls einschränkt. Doch da wir nicht sicher sein können, dass die Androhung von Strafe sämtliche Verbrechen verhindert oder dass alle Kriminellen gefasst werden, sind wir nur in begrenztem Umfang dazu in der Lage, Waffenbesitzer zu verantwortungsvollem Verhalten zu bewegen.

Daher gelten in den meisten modernen Gesellschaften direkte Kontrollen für den Waffenbesitz. Ebenso glauben die Finanzskeptiker, dass wir nur in begrenztem Umfang dazu in der Lage sind, unangemessen hohe Risiken auf den Finanzmärkten zu verhindern.

Ob man den Enthusiasten oder den Skeptikern zustimmt, hängt von den eigenen Ansichten über die Vorteile von Finanzinnovationen insgesamt ab. Kehren wir zum Beispiel der Medikamente zurück: Die Frage ist, ob man Finanzinnovationen für so etwas wie Aspirin hält, das bei geringem Risiko große Vorteile bringt, oder für so etwas wie Methamphetamin, das eine Euphorie auslöst, der ein gefährlicher Absturz folgt.

Dani Rodrik ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der John F. Kennedy School of Government der Universität Harvard. Er ist der erste Preisträger des vom Social Science Research Council vergebenen Albert O. Hirschman-Preises. Sein jüngstes Buch trägt den Titel One Economics, Many Recipes: Globalization, Institutions, and Economic Growth.

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AUTHOR INFO

Dani Rodrik, Professor of International Political Economy at Harvard University, is the author of The Globalization Paradox: Democracy and the Future of the World Economy.