Frontiers of Growth
Lassen wir die Doha-Runde scheitern
Dani Rodrik
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Stellen Sie sich vor, dass die Handelsminister der Welt aus ihrem bevorstehenden Treffen der Welthandelsorganisation (WTO) in Hongkong einfach mit der schlichten Erklärung herausgehen: „Wir konnten zu keiner Einigung gelangen. Wir werden versuchen, es beim nächsten Mal besser zu machen.“ Damit wäre die so genannte Doha-„Entwicklungs“-Runde erfolglos zu Ende gegangen, aber das wäre keine Katastrophe.
Spricht man mit Weltbank- und WTO-Funktionären, werden aufgeblähte Behauptungen darüber, welche Vorteile eine erfolgreiche Doha-Runde bringen würde, in epischer Breite dargelegt. Diese Funktionäre erwecken oft den Eindruck, dass die Lebensgrundlage von hunderten Millionen armer Menschen in Entwicklungsländern in der Schwebe hinge. Sieht man sich diese Behauptungen genauer an, merkt man, dass sie jeder Grundlage entbehren.
Nach jüngsten Schätzungen der Weltbank würde eine vollständige Handelsliberalisierung (einschließlich verarbeiteter Erzeugnisse sowie einer Liberalisierung der Entwicklungsländer selbst) für Entwicklungsländer einen Nettoertrag von einem halben Prozentpunkt ihrer Einnahmen erzeugen. Doch hat sich die Bank dadurch nicht davon abhalten lassen, ihr Bestes zu geben, um diese dürftigen Auswirkungen hinter beeindruckend klingenden Behauptungen zu verstecken.
Tatsache ist, dass die Weltwirtschaft heute offener ist als je zuvor und dies auch bleiben wird, selbst wenn die Doha-Gespräche scheitern. Die meisten Entwicklungsländer haben sich in bedeutendem Umfang für den Außenhandel geöffnet und setzen die ungemein schädliche Politik der Vergangenheit (z. B. quantitative Beschränkungen bei Importen) nicht länger fort.
Das politische Gleichgewicht ist in diesen Ländern entschieden zugunsten der Handel befürwortenden Gruppen mit einer nach außen gerichteten Orientierung umgeschlagen. In den entwickelten Ländern sind die Handelsschranken für Industriegüter und viele Dienstleistungen so niedrig wie nie zuvor in der Geschichte. Es wäre schwierig, ein armes Land zu finden, dessen Entwicklungsaussichten durch die Beschränkungen des Marktzugangs im Ausland ernsthaft behindert würden. Jedes Land mit einer vernünftigen Entwicklungsstrategie hat die Chance, seine Wirtschaft zum Wachsen zu bringen – mithilfe des Handels.
Doch was ist mit der Landwirtschaft? Entziehen nicht Agrarsubventionen und andere Unterstützungsformen in den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union Millionen von armen Bauern die Lebensgrundlage? Würde die Armut auf der Welt nicht stark sinken, wenn man diese Subventionen stufenweise abbaute?
Tatsächlich wären die globalen Auswirkungen einer Agrarliberalisierung in reichen Ländern relativ gering und höchst uneinheitlich. Diese Politik schadet vielleicht den landwirtschaftlichen Erzeugern woanders, doch sie begünstigt auch arme Verbraucher in den Städten. Das Gleichgewicht hängt vom Armutsprofil der jeweiligen Länder ab und davon, ob sie Lebensmittel exportieren oder importieren.
Selbstverständlich würden manche Leute von einer Agrarreform stark profitieren, doch handelt es sich dabei hauptsächlich um Verbraucher und Steuerzahler in reichen Ländern. Einige große Lebensmittelexporteure mit mittleren Einkommen (wie Brasilien und Argentinien) wären ebenfalls Nutznießer. Derartige Ergebnisse sind nicht unwichtig, doch sind sie weit von dem Bild entfernt, das Freihandelsfundamentalisten malen.
In der Tat wäre das einzige ernsthafte Risiko bei einem „Scheitern“ der Doha-Runde, dass die reichen Länder ihre eigene Rhetorik ernst nähmen und unproduktiv reagierten, was sich als selbsterfüllend erwiese. Die USA insbesondere könnten ihre Bemühungen um bilaterale Vereinbarungen intensivieren, mit denen sie kleineren Nationen in zunehmendem Maße unangemessene politische Prioritäten aufzwingen können.
Das Gute an einem einvernehmlichen Abbruch der Handelsgespräche wäre, dass er den Verhandlungspartnern die Möglichkeit gäbe, sich auf Fragen zu konzentrieren, die für Entwicklungsländer von wesentlich größerer Bedeutung sind. Beim nächsten Mal sollten die Handelsgespräche die bisher auffälligsten beiden Auslassungen aufgreifen:
- Einen umfassenden Versuch, die Mobilität von Zeitarbeitern aus armen Ländern in reiche Länder zu verbessern. An dieser Stelle würde eine Liberalisierung die größten Vorteile bringen, weil hier die Barrieren am höchsten sind.
- Die Schaffung von „politischen Freiräumen“ für Entwicklungsländer in WTO-Abkommen. Die Bemühungen der Entwicklungsländer um eine wachstumsfördernde Handels- und Industriepolitik scheitern zusehends an einengenden WTO-Bestimmungen. Die Superstars des Wachstums wie Südkorea, Taiwan, China und viele andere hätten ihre damaligen Wachstumsstrategien nicht umsetzen können, wenn die heutigen WTO-Einschränkungen für sie gegolten hätten. Handelsfunktionäre müssen die Lehren aus den Erfahrungen dieser Länder anerkennen und die Bestimmungen entsprechend reformieren.
Es bleibt noch die Möglichkeit, dass die Handelsunterhändler in Hongkong in letzter Minute eine Vereinbarung zusammenflicken und die Verhandlungen als Erfolg darstellen. Wir hätten dann letztendlich ein stark überbewertetes Abkommen, das in der Zukunft sicherlich Enttäuschung hervorrufen würde, besonders bei Entwicklungsländern. Zudem hätten wir damit die Chance auf eine echte Entwicklungsrunde beim nächsten Mal aufgegeben.
Manchmal ist Scheitern der beste Erfolg. Die Doha-Runde ist ein Beispiel dafür.
Dani Rodrik ist Professor für Volkswirtschaft an der John F. Kennedy School of Government der Harvard University.
Copyright: Project Syndicate, 2005.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Anke Püttmann
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