The Statesmen's Debate
Die Umgestaltung des Kapitalismus
Michel Rocard
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PARIS: Wenn sich die Staats- und Regierungschefs der 20 größten Volkswirtschaften kurzfristig treffen, so wie jetzt gerade in Washington, D.C., dann ist klar, wie ernst die aktuelle globale Krise ist. Sie haben nicht viel beschlossen, außer eine verbesserte Überwachung und Regulierung der Kapitalflüsse zu fordern. Wichtiger ist, dass sie sich zur Einleitung eines langfristigen Prozesses zur Reform des Weltfinanzsystems verpflichtet haben.
Wer von einem zweiten Bretton Woods träumte, wurde natürlich enttäuscht. Doch das ursprüngliche Bretton-Woods-Rahmenwerk wurde nicht an einem Tag errichtet; tatsächlich gingen der Konferenz des Jahres 1944 zweieinhalb Jahre vorbereitender Verhandlungen voraus – vermutlich das Mindeste, was man braucht, um derart gewichtige Fragen zu entscheiden. Der jüngste G20-Gipfel fand praktisch ohne echte Vorbereitung statt.
Jetzt gilt es, drei Aufgaben in Angriff zu nehmen. Erstens muss man einen Boden unter das internationale Finanzsystem setzen, um seinen Zusammenbruch zu verhindern. Zweitens bedarf es neuer rechtlicher Vorgaben für die Zeit, wenn sich das System erholt hat, denn wenn man es so belässt, wird es lediglich neue Krisen produzieren. Dabei die richtige Mischung zu finden, wird nicht einfach. Seit 25 Jahren erlebt die Welt alle fünf Jahre eine enorme Finanzkrise – jeweils scheinbar mit eigener Ursache.
Die dritte Aufgabe besteht darin, sich auf die realwirtschaftlichen Aktivitäten zu konzentrieren, die Rezession zu beenden, für nachhaltiges Wachstum zu sorgen und vor allem das kapitalistische System zu reformieren, um es weniger abhängig von der Finanzwirtschaft zu machen. Es gilt, statt kurzfristigen Profits langfristige Investitionen und statt Gewinnen auf dem Papier produktive Arbeit zu unterstützen.
Die erste Aufgabe ist bereits in Arbeit. Doch obwohl die USA und einige europäische Länder eine Menge getan haben, um die Fähigkeit der Banken zur Kreditvergabe wiederherzustellen, wird dies vielleicht nicht ausreichen. Schließlich brauchen die Banken, wenn die Wirtschaft wieder wachsen soll, Kreditnehmer; die Rezession jedoch hat die Unternehmer dazu gebracht, ihre Investitionen zurückzufahren.
Die zweite Aufgabe steht noch aus. Die Uneinigkeit darüber, wie die Neuregulierung der Finanzmärkte ablaufen sollte, geht tief; der Grund hierfür sind zahllose Tabus und die enormen Interessen, die auf dem Spiel stehen. Darüber hinaus kann es keine umfassende Übereinkunft geben, die die Beziehung zwischen der Finanz- und der Realwirtschaft unberücksichtigt lässt.
Das grundlegende Problem bei der Bewältigung der dritten Aufgabe besteht darin, herauszufinden, was genau in der Realwirtschaft los ist. Einige Lände (Island und Ungarn) sind eindeutig bankrott. Einige (u.a. Dänemark und Spanien) haben es lediglich vor einer gefährlichen finanziellen Lage zu tun. Ihre Finanzkrise ist der Hauptgrund für ihre Schwäche.
All diese Probleme sind so schwer lösbar, weil sie bereits so lange schwären. Es ist inzwischen zunehmend klar, dass die Wurzeln der aktuellen Krise im Februar 1971 liegen, als US-Präsident Richard Nixon beschloss, die Goldbindung des Dollars aufzuheben. Bis dahin bildete Amerikas Versprechen zur Beibehaltung des Goldstandards die Grundlage des weltweiten Systems fester Wechselkurse, das den Kern des Regelwerks von Bretton Woods ausmachte. Während seiner 27-jährigen Bestandsdauer war ein enormes, durch schwankungsresistente Preise gestütztes Wachstum des internationalen Handels die Norm, und große Finanzkrisen gab es nicht.
Seitdem ist das internationale Finanzsystem von einer hohen Volatilität geprägt. Die Ära freier Wechselkurse, die auf das Ende des Goldstandards folgte, erforderte die Entwicklung von Produkten, die den internationalen Handel vor Preisschwankungen schützen konnten. Dies machte den Weg frei für Optionen, den Verkauf und Kauf auf Kredit sowie Derivative aller Art.
Diese Innovationen galten als technische Erfolge. Die Preise wurden (überwiegend) stabilisiert, doch mit langsam, aber stetig steigendem Trend. Der Markt für diese Finanzprodukte wuchs mehr als 30 Jahre lang, bis zu dem Punkt, dass sie enorme Chancen auf unmittelbare Gewinne boten. Dies bot den Marktteilnehmern einen starken Anreiz, mehr und mehr damit zu zocken.
Während dieser Zeit kam es zur Schwächung des zwischen 1945 und 1975 erfolgreich und reibungslos (mit hohem nachhaltigem Wachstum, niedriger Arbeitslosigkeit und ohne Finanzkrisen) ablaufenden Kapitalismus. Über Pensionsfonds, Investmentfonds und Arbitrage- (oder Hedge-) -fonds organisierten sich die Aktionäre besser und ergriffen die Macht in den Unternehmen der entwickelten Länder. Unter dem von ihnen ausgehenden Druck wurden immer mehr Prozesse „ausgelagert“.
Die Reallöhne stiegen nicht mehr (tatsächlich stagniert der durchschnittliche Reallohn in den USA seit 25 Jahren), und ein wachsender Anteil der Erwerbsbevölkerung (gegenwärtig rund 15%) war ohne dauerhafte Beschäftigung. Überall fiel der Anteil der Löhne und Einkommen am BIP. Infolgedessen schwächte sich der Verbrauch ab, die unregelmäßige Beschäftigung nahm zu und die Arbeitslosigkeit ging nicht weiter zurück.
Unter diesen Umständen begann die obere Mittelschicht in den entwickelten Ländern zunehmend, zur Verbesserung ihres Lebensstandards statt auf produktive Arbeit auf Kapitalerträge zu setzen. Dies förderte die Ungleichheit und führte dazu, dass das unterregulierte Finanzsystem die Macht über die gesamte Wirtschaft ergriff und die Realwirtschaft destabilisierte, indem es ihre Fähigkeit, auf Erschütterungen von außen zu reagieren, in verhängnisvoller Weise schwächte.
Die heutige Krise markiert das Ende eines ausschließlich durch Kredit angetriebenen Wirtschaftswachstums. Doch die Entwirrung des Knotens, den ein maßloser Finanzsektor um die Wirtschaft geschlungen hat, wird ihre Zeit dauern. Tatsächlich gibt es noch immer keine Einigkeit darüber, was zu tun ist. Die G20 haben jedoch die Tür geöffnet für die Diskussion dieser grundlegenden Fragen. Die heutige Rezession wird lange dauern, aber sie wird uns alle zwingen, uns mit ihren Grundursachen auseinanderzusetzen.
Michel Rocard war französischer Ministerpräsident und Vorsitzender der Sozialistischen Partei Frankreichs. Er ist Mitglied des Europäischen Parlaments.
Copyright: Project Syndicate, 2008.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Jan Doolan
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