Castaneda, Haass, and Rocard
Tun, als ob nichts wäre
Michel Rocard
Das jüngste Treffen der G7-Finanzminister im Oktober war ein einziger Fehlschlag. Alles, worauf man sich einigen konnte, war eine Ermahnung Chinas, seine Währung aufzuwerten. Der Kurs des Yuan, obwohl durchaus wichtig, ist aber nun nicht die zentrale Frage, vor der die Weltwirtschaft heute steht. Das wirklich drängende Problem ist der Dollarkurs und seine zukünftige Entwicklung. Im Hinblick auf den Wohlstand geht es vor allem um die Fundamente des globalen Finanzsystems.
Wie tief wird der Dollar fallen? Wie können wir die Ungleichgewichte hinsichtlich jener Ökonomien – nämlich China, mit großem Abstand gefolgt von Europa – aufheben, die massiv in die Vereinigten Staaten und in die Dollarzone exportieren? Wird sich der amerikanische Hypothekenmarkt, der im Jahr 2008 noch schwieriger werden soll, danach beruhigen oder wird die Krise das gesamte internationale Finanzsystem erfassen? Besteht die Gefahr, dass die steigenden Ölpreise – die jetzt schon Rekordhöhen erreichen – weltweit noch weitere Schuldenausfälle bewirken? Unzählige Berichte über die Ertragslage der größten amerikanischen Banken deuten darauf hin, dass es in dieser Richtung Grund zu echter Besorgnis gibt.
Der Zustand der Weltwirtschaft von heute ist sehr seltsam. Es gibt keine großen Schocks, dafür aber mancherlei Talfahrten und Krisen. Die Zentralbanker versuchen, wenig überzeugend, zu beruhigen und beschwichtigen. Die Regierungen schweigen und tun mehr oder weniger so, als ob nichts Aufregendes geschehen sei. Und laut Aussagen von vielen Ökonomen, Kommentatoren und Journalisten sind die gegenwärtigen Probleme vorübergehender Natur und durchaus lösbar. Eine allgemeine Krise zeichne sich nicht ab.
Da bin ich anderer Meinung. Ich glaube, dass wir in eine Phase der Schwächung verschiedener Teile des globalen Wirtschaftssystems eingetreten sind und dies zu einer weltweiten Rezession führen könnte. Diese Schwächung erfordert eine entschlossene öffentliche Reaktion auf internationaler Ebene, einschließlich strengerer Regulierungen, wenn wir eine derartige Krise vermeiden wollen.
Warum erscheint die Weltwirtschaft so schwach? Erstens, weil der Kapitalismus heute völlig anders funktioniert als vor nur 30 Jahren. In den Industrieländern brachte der Kapitalismus in den Jahren zwischen 1945 und 1975 über lange Zeiträume rasches Wachstum mit Durchschnittswerten von 5 % jährlich. Natürlich unterlag dieses Wachstum auch seinen Schwankungen, aber es unterlag niemals derartigen Krisen, wie wir sie heute regelmäßig erleben. Außerdem hielt der Kapitalismus in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg die Vollbeschäftigung aufrecht. In Europa, Nordamerika und Japan bewegten sich Arbeitslosenraten dieser Zeit bei rund 2 %. Jobunsicherheit war größtenteils unbekannt und die Massenarmut war verschwunden.
Die Schlüsselelemente für Wachstum und Glück waren ein starker Sozialstaat und keynesianische Ansätze in der Innen- und Außenpolitik der größten Staaten der Welt. Vor allem aber verfolgte man in jeder entwickelten Ökonomie politische Strategien zugunsten hoher Löhne, die entsprechenden Verbrauch und dadurch auch rasches Wachstum garantierten. Auch die Aktionäre begnügten sich damals mit vergleichsweise mageren Dividenden.
Dreißig Jahre später haben die Aktionäre mit diesem System definitiv gebrochen. An der Spitze dieser Revolution stehen Renten- Investitions- und Hedgefonds. In den entwickelten Ökonomien sind die Profite in den letzten 25 Jahren überall spektakulär zwischen 8 bis 10 % des BIP gestiegen. Die Löhne und Einnahmen der Sozialversicherungen sind hingegen im gleichen Ausmaß gesunken.
Aus diesem Grund steht das Wachstum auf schwachen Beinen. Überall wird die Beschäftigungssituation unsicher und auch in den Industrieländern tritt Massenarmut wieder auf. Mit der zunehmenden wirtschaftlichen Deregulierung begannen auch die Finanzkrisen: Seit 1990 gab es drei markante Krisen in Lateinamerika sowie jeweils eine in Russland und Asien. Hinzu kamen die Internet-Blase und nun die Subprime-Krise.
Zweitens wurde das starke BIP-Wachstum in den USA und Großbritannien in den letzten 6-7 Jahren durch eine exorbitante Verschuldung konterkariert. Die USA borgen sich täglich 2 Milliarden Dollar, wovon 95 % aus Asien und 45 % dieses Betrages wiederum von der chinesischen Zentralbank kommen. Der Gesamtschuldenstand Amerikas beträgt über 39 Billionen Dollar, also ungefähr das Dreieinhalbfache des amerikanischen BIP.
Diese Situation bleibt nur beherrschbar, wenn der Ölpreis nicht weiter ansteigt. Und doch ist das Gegenteil wahrscheinlicher, da die Binneninflation – die durch die Liquiditätsspritzen der Zentralbank an die Kreditinstitute noch verschlimmert wird – die Gefahr höherer Zinssätze mit sich bringt.
Schließlich hat die heutige höhere Liquidität der Vermögenswerte nicht zu einem Anstieg langfristiger Anlageinvestitionen geführt. Stattdessen setzte die profitable Zerstückelung gesunder Unternehmen Kapital frei, das in immaterielle Vermögenswerte, Häuser und andere Immobilienformen floss und damit eine Spekulationskrise anheizte. Kurzum: Der Weltwirtschaft von heute, in der es von Programmen für den schnellen Reichtum, überbezahlten Bossen und unternehmerischen Betrugsfällen nur so wimmelt, ist moralisches Gebaren abhanden gekommen.
Wir dürfen diese gefährlichen Trends nicht weiter ungehemmt voranschreiten lassen. Wir steuern offenbar auf einen Abgrund zu und die gesamte industrialisierte Welt sollte sich durchaus Sorgen machen. Es besteht der dringende Bedarf nach einer globalen Konferenz – ein Bretton Woods II – um strikte Bestimmungen auszuarbeiten, mit denen die ungezügelten Finanzmärkte im Zaum gehalten werden können. Wie das jüngste G7-Treffen allerdings gezeigt hat, sind die wichtigsten Länder der Welt leider noch nicht bereit, zu handeln.
Copyright: Project Syndicate, 2007.
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Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier
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