WIEN – Was geschieht, wenn die Euphorie der Revolution verblasst? Die Lage im heutigen Osteuropa zwei Jahrzehnte nach den Revolutionen von 1989 kann den kühnen und triumphierenden jungen Arabern eine hilfreiche Warnung sein, dass sie wachsam bleiben müssen.
Seit ich 1986 aus Rumänien ins Exil gegangen bin, bin ich selten und immer nur für kurze Zeit zurückgekehrt. Obwohl der Zeitplan für meine letzte Reise erdrückend war und nur wenig echten Kontakt mit einfachen Menschen zuließ, konnte ich trotzdem – durch Tageszeitungen, Fernsehprogramme und Gespräche mit Freunden – die tiefe wirtschaftliche, politische und moralische Krise des Landes spüren. Misstrauen und Wut gegenüber einer korrupten und unfähigen politischen Klasse sowie Demokratieskepsis und sogar ein Zurücksehnen nach dem Kommunismus ist heute nicht nur in Rumänien, sondern auch in anderen Teilen Osteuropas verbreitet.
Angeblich bereuen aktuell 70% der Rumänen den Tod des Kameraden Nicolae Ceauşescu, dessen standrechtliche Hinrichtung 1989 noch allgemeine Begeisterung auslöste. Natürlich kann man, wie allem in der rumänischen Politik, der Quelle eines so erstaunlichen Ergebnisses nicht unbedingt trauen, aber die vulgäre und radikale Vergröberung der öffentlichen Debatte – gewürzt mit alten und neuen fremdenfeindlichen Elementen – ist klar ersichtlich.
Ich bekam einen Geschmack davon, als ich bei einer hoch angesehenen kulturellen Fernsehsendung zu Gast war. Amüsanterweise drehte sich die Debatte nicht nur um meine Bücher, sondern hauptsächlich um Themen wie die “jüdische Kulturmafia” und den “hochgespielten” Antisemitismus im damaligen und heutigen Rumänien. Mein Interviewer war sehr aktiv und steuerte den Dialog mit Andeutungen und persönlichen Einmischungen. Ich vermute, dass er mich zu unbedachten Kommentaren anstacheln wollte, was heute unter modernen TV-Journalisten weit verbreitet ist.
Aber in der Woche darauf erlebte ich erneut eine Überraschung: In der gleichen Sendung verhielt sich die Moderatorin gegenüber ihrem Gast, einem früher militanten und heute käuflichen Journalisten, sehr passiv – während dieser seine Bewunderung für Corneliu Zelea Codreanu gestand, den “Hauptmann” der Eisernen Garde, der ultrarechten orthodoxen Terrororganisation der Vorkriegsjahre. Er bezeichnete Codreanu als “romantischen Helden”.
Gemeinsam mit einer Gruppe rumänischer Intellektueller protestierte ich in einem Offenen Brief gegen diesen Versuch, einen Mörder und Verbreiter von Hass und Fremdenfeindlichkeit zu rehabilitieren. Das rumänische Fernsehen äußerte umgehend Verständnis dafür, dass sich Opfer antisemitischer Verbrechen durch solch eine Sendung verletzt fühlen könnten. Die Sendung habe aber diese Art von Propaganda nicht unterstützt. Als Beweis dafür und für den guten Willen des Senders wurde das groteske Interview mit mir angeführt.
Aber die Debatte war hier noch nicht zu Ende. Kurz darauf rügte die nationale Medienkommission die Sendung. Und etwas später rügten ein paar führende Intellektuelle die Rüge der nationalen Kommission als Angriff auf die Meinungsfreiheit. Niemand erwähnte die Gefahr, dass ein bereits radikalisiertes Publikum noch weiter aufgestachelt werden könnte. Tatsächlich waren die öffentlichen Reaktionen auf diese Auseinandersetzung hauptsächlich vulgär nationalistisch und antisemitisch gefärbt.
Rumänien ist natürlich nicht das einzige Land, das diese schwarze Komödie erneut durchlebt. Die Wiederkehr der extremen Rechten in Ungarn und der Vormarsch des ”Nationalbolschewismus” in Russland, wo Tolstoi jetzt von der orthodoxen Kirche wieder als Proto-Kommunist verteufelt wird, deutet auf eine tiefere und durchdringendere atavistische Sehnsucht hin.
Ich erinnerte mich an meinen letzten Kurs am Bard College vor meiner Reise nach Rumänien. Wir diskutierten über den Tod in Venedig von Thomas Mann. Zu der Stelle, wo der große und geplagte Schriftsteller Gustav von Aschenbach an der “asiatischen Grippe” stirbt, bemerkte eine brilliante asiatische Studentin, dass Mann diese Seuche in Beziehung setzte zur “Pestilenz” des Ganges-Deltas, die über China, Afghanistan, Persien, Astrachan und “sogar Moskau” über die “Stadt der Lagune” schließlich Europa erreichte. Mit großem Ernst sprach sie über die heutigen Migrationen von armen in reiche Länder, die Globalisierung des Bösen, die Widersprüche und Konflikte der Moderne, die wütenden Reaktionen von Terroristen darauf, und den Kontrast zwischen einem rationalen, pragmatischen Westen und einem idealistischeren und abergläubischeren Osten, anfällig für religiösen Fanatismus und politischen Extremismus.
Die gut formulierten Ansichten meiner Studentin zu hören war für mich eine Erleichterung und weckte in mir die Hoffnung auf eine neue, kosmopolitische Generation. Aber ihr Beispiel zwang mich auch, mich an die großen Gefahren unserer Zeit zu erinnern.
Die oben erwähnte Hoffnung hatte ich dringend nötig, denn was ich in Osteuropa sah, deprimierte mich ebenso wie meine Beobachtungen in meiner Wahlheimat, den Vereinigten Staaten. Für jemanden, der zwei totalitäre Systeme miterlebt hat, ist der Gedanke an Amerikas Niedergang fast unerträglich. Obwohl wir Flüchtlinge, Immigranten, Vertriebene und Ausgestoßene uns nicht wie viele Amerikaner ad infinitum damit rühmen, “die Besten” zu sein, sehen wir die USA immer noch als einen starken Garanten für Freiheit und Demokratie, trotz all der dadurch ermöglichten Widersprüchlichkeit.
Aus verschiedenen Gründen scheinen die USA und die gesamte Welt zu einer Vereinfachung der Gedanken, Taten und Gefühle im Dienste kurzfristiger, alltäglicher Effizienz verdammt zu sein. Natürlich können Kunst und Kultur eine Erholung von den übermäßigen Vereinfachungen unserer Zeit bieten – eine Erholung, die wir bei der Betrachtung unseres vergangenen und zukünftigen Schicksals mehr denn je brauchen. Aber wir benötigen auch Bescheidenheit gegenüber uns selbst und unseren Gesellschaften.
Vor einigen Jahren schlug ich vor, dass alle Länder neben den Denkmälern ihres Heldentums auch Denkmäler ihrer nationalen Schande aufstellen sollten. Schließlich ist für menschliche Vorhaben Schuld genauso bedeutsam wie Mut. Die Erinnerung und das Nachdenken darüber, wie wir anderen Menschen und Nationen Schaden zugefügt haben, kann für die Bürger eines Landes ebenso hilfreich sein wie große Taten zu feiern. Denkmäler der Schande lösen sicher nicht die unlösbaren Probleme des menschlichen Schicksals auf der Erde, aber sie könnten vielleicht den Vormarsch seiner dunklen Seite verlangsamen – in Osteuropa, der arabischen Welt und überall.


Comments (0)
You need to login in order to leave a comment. If you do not yet have an account, please register.
The two commenting options explained
Watch a 1 minute video
to discover how you can comment on the entire article or a specific paragraph. The two images below also explain the two ways of commenting.
1) Entire article comment
Once logged in, simply click inside the comment box where it says "Enter text here." Enter and post your comment.
2) Paragraph comment
Please log in first. Then click to the left of the desired paragraph. Your cursor will automatically move to the comments box. Enter and post your comment.