Wednesday, October 22, 2014
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Den Westen erneuern

LONDON – Als die Finanzwirtschaft 2008 in Gefahr schwebte, vereinte sich die Welt, um das globale Bankensystem umzustrukturieren.

Als 2009 der Handel zusammenbrach und die Arbeitslosigkeit dramatisch anstieg, kam die Welt zum ersten Mal im Rahmen der G-20 zusammen, um zu verhindern, dass sich eine große Rezession zu einer großen Depression auswuchs.

Nun stehen wir vor einem Jahrzehnt des niedrigem Wachstums und der Sparmaßnahmen ohne nationale Lösungen für langfristige Arbeitslosigkeit und niedrigere Lebensstandards, und die Welt muss in der ersten Hälfte 2011 zusammenkommen, um sich auf eine die Prosperität fördernde Finanz- und Wirtschaftsstrategie zu einigen, die den Marshallplan der 1940er Jahre an Kühnheit bei weitem übertrifft.

Die Zeit wird knapp für den Westen, da sowohl Europa als auch Amerika noch die Tatsache verwinden müssen, dass all die einzelnen Krisen der letzten Jahre – von der Subprime-Krise und dem Zusammenbruch von Lehman Brothers bis hin zu Griechenlands Sparmaßnahmen und Irlands Beinahebankrott – Symptome eines tiefer liegenden Problems sind: einer Welt, die eine weitreichende, irreversible und in der Tat beispiellose Neuordnung der wirtschaftlichen Machtverhältnisse erlebt.

Selbstverständlich wissen wir alle von Asiens Aufstieg und dass China mehr exportiert als Amerika und bald auch mehr herstellen und investieren wird. Doch haben wir uns mit dem Lauf der Geschichte noch nicht vollkommen abgefunden. Die wirtschaftliche Dominanz des Westens – 10 % der Weltbevölkerung bestreiten einen Großteil der Exporte und Investitionen der Welt – ist zu Ende und wird nie wiederkehren. Nach zwei Jahrhunderten, in denen Europa und Amerika die globale Wirtschaftsaktivität monopolisierten, wird der Westen nun in Produktion, Herstellung, Handel und bei den Investitionen vom Rest der Welt überholt.

Otto von Bismarck beschrieb einst die Muster der Weltgeschichte. Veränderungen kommen nicht „wie ein Eisenbahnzug mit gleichmäßiger Geschwindigkeit“ daher, sagte er. Sobald sie einmal in Bewegung sind, schreiten sie „mit unwiderstehlicher Gewalt“ voran. Wenn der Westen nicht begreift, dass die wirkliche Herausforderung heute darin besteht, auf die Steigerung der asiatischen Wirtschaftskraft zu reagieren, indem er seine eigene erneuert, so steht ihm die trübe Aussicht eines steten Abstiegs ins Haus, unterbrochen von kurzen Momenten der Erholung – bis zur nächsten Finanzkrise. Unterdessen werden Millionen ohne Arbeitsplatz dastehen.

Warum bin ich also trotz dieser neuen Realität davon überzeugt, dass die Vereinigten Staaten im einundzwanzigsten Jahrhundert ein Magnet für die größten Unternehmen bleiben können, indem sie den amerikanischen Traum für eine neue Generation wiedererfinden, und dass es in Europa eine Wirtschaft mit hoher Beschäftigungsrate geben kann?

Weil bald – glücklicherweise für uns alle – über eine Milliarde neue asiatische Produzenten – zunächst im zweistelligen, dann im dreistelligen Millionenbereich –  auch zu neuen Konsumenten der Mittelschicht werden.

Das Fortschreiten einer asiatischen Verbraucherrevolution ebnet Amerika den Weg zu neuer Größe. Derzeit machen die chinesischen Verbraucherausgaben nur 3 % der weltweiten Wirtschaftsaktivität aus, im Gegensatz zu Europas und Amerikas Anteil von 36 %. Diese beiden Zahlen verdeutlichen, warum die Weltwirtschaft derzeit so unausgeglichen ist.

Bis ungefähr 2020 werden Asien und die Schwellenländer doppelt so viel Verbrauchermacht wie Amerika zur Weltwirtschaft beisteuern. Schon jetzt haben Unternehmen wie GE, Intel, Proctor & Gamble und Dow Jones angekündigt, dass für einen Großteil ihres Wachstums Asien verantwortlich sein wird. Schon jetzt haben viele koreanische, indische und asiatische multinationale Konzerne ausländische (einschließlich US-) Mehrheitsbeteiligungen. Dieser neue Motor des weltweiten Wirtschaftswachstums bietet Amerika eine Möglichkeit, seine große innovative und unternehmerische Energie zu nutzen, um neue Arbeitsplätze für hochqualifizierte US-Arbeitnehmer zu schaffen.

Der gesteigerte Verbrauch in Asien – und ein neues Gleichgewicht in der Weltwirtschaft – können die Exitstrategie aus unserer Wirtschaftskrise sein. Doch wird der Westen nur dann davon profitieren, wenn er in den größten Wirtschaftsfragen die richtigen langfristigen Entscheidungen fällt – was muss im Hinblick auf Defizite, Finanzinstitute, Handelskriege und globale Zusammenarbeit unternommen werden?

Erstens muss der Defizitabbau so vonstatten gehen, dass die Investitionen in Wissenschaft, Technik, Innovation und Bildung ausgeweitet werden. Sowohl öffentliche als auch private Investitionen werden gebraucht, um in der Wissenschaft und Bildung Weltklasse zu erreichen.

Zweitens kann der Westen nicht von den neuen Märkten profitieren, wenn er dem Protektionismus verfällt. Das Verbot von grenzüberschreitenden Übernahmen, die Begrenzung des Handels und das Leben mit Währungskriegen werden den USA mehr schaden als irgendeinem anderen Land. Im letzten Jahrhundert war Amerikas eigener Binnenmarkt so groß und dominant, dass sich das Land wenig um Handelsregeln scheren musste. Doch zumal Asien bald zum größten Verbrauchermarkt in der Geschichte wird, müssen die US-Exporteure – die potenziell größten Nutznießer – den Handel weiter als je zuvor öffnen. Amerika muss zum Vorkämpfer eines neuen globalen Handelsabkommens werden.

Eine Verpflichtung zu öffentlichen Investitionen und offenem Handel ist zwar eine notwendige, dennoch aber unzureichende Bedingungen für anhaltenden Wohlstand. Alle globalen Chancen des neuen Jahrzehnts könnten dahinschwinden, wenn sich die Länder in ihre eigenen nationalen Schneckenhäuser zurückziehen.

In einem anderen Zeitalter mahnte Winston Churchill eine Welt, die vor der schwersten aller Herausforderungen stand, nicht zur Unentschlossenheit entschlossen zu sein, zur Unentschiedenheit entschieden, unerschütterlich in ihrem Schwanken und allmächtig in ihrer Ohnmacht. Ich glaube, dass die Welt heute führende Staatsmänner von Churchills Format vorweisen kann. Wenn sie zusammenarbeiten, muss es keine Unentschiedenheit geben.

Amerika muss jetzt die Führung übernehmen und die Welt auffordern, einem modernen Marschallplan zuzustimmen, der Handelspolitik und makroökonomische Maßnahmen so koordiniert, dass das globale Wachstum gefördert wird. Amerika sollte gemeinsam mit dem neuen G-20-Vorsitzenden, dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, daran arbeiten, die private Kreditvergabe wieder anzukurbeln, indem sie global Sicherheit in Bezug auf die Standards und Regeln schaffen, die von den Banken erwartet werden.

Zudem muss man sich darauf einigen, dass die mehrjährigen Pläne der einzelnen Länder zum Defizitabbau von einer Beschleunigung der Verbraucherausgaben im Osten und der zielgerichteten Investitionen in Bildung und Innovation im Westen begleitet werden. Ein solcher Plan muss China und Asien dazu ermutigen, das zu tun, was in ihrem Interesse und im Interesse der Welt liegt: die Armut verringern und die Mittelschicht vergrößern. Zudem muss der Westen die Strukturreformen beschleunigen, um wettbewerbsfähiger zu werden, und gleichzeitig sicherstellen, dass die Haushaltskonsolidierung nicht das Wachstum zerstört.

Durch gemeinsames Handeln können die G-20-Nationen nicht nur geringfügige Änderungen erreichen, sondern bis 2014 ein Wirtschaftswachstum von über 5 % herbeiführen. Anstatt einer Welt, die in Dispute über Währungen und Handel festgefahren ist und sich in die illusorische Zuflucht des Protektionismus zurückzieht, könnten wir miterleben, wie sich ein Wachstum von 3 Billionen US-Dollar in 25 Millionen bis 30 Millionen neue Arbeitsplätze verwandelt und wie 40 Millionen Menschen oder mehr aus der Armut befreit werden.

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