Exit from comment view mode. Click to hide this space
Email | Print

Die Wiederbelebung der Animal Spirits

NEW HAVEN – Das grundlegende Problem der Wirtschaft in der Welt von heute ist ein atemberaubender Verlust des Vertrauens. Die anhaltenden Schwierigkeiten von Geschäftsbanken, Investmentbanken und Hedgefonds sind auf diesen Vertrauensverlust zurückzuführen, der die Pläne von Firmen und Unternehmern für Firmengründungen und Investitionen ebenso durchkreuzt wie die Konsumpläne der Haushalte.

Unser Instinktverhalten, also die „Animal Spirits,” um eine berühmte Phrase von John Maynard Keynes zu verwenden, wird schwächer. George Akerlof und ich haben gerade ein Buch mit diesem Titel geschrieben, aber wenn Animal Spirits diesen Winter erscheint, könnte der Zustand der Weltwirtschaft noch viel schlechter sein als jetzt.

Überall auf der Welt beginnen Länder umfassende Konjunktur- und Rettungspakete umzusetzen. Doch die wirtschaftlichen Aussichten wollen sich nicht aufhellen. Aus der jüngsten Prognose des Internationalen Währungsfonds geht hervor, dass die entwickelten Ökonomien im Jahr 2009 um 0,3 Prozent schrumpfen werden – die erste derartige Kontraktion seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Ein Teil der Schwierigkeiten, mit einer Vertrauenskrise fertig zu werden, liegt in dem Umstand, dass Vertrauen von vornherein schwer zu quantifizieren ist. Der 1967 ins Leben gerufene amerikanische Verbrauchervertrauensindex fiel im Oktober auf den niedrigsten Wert seit seinem Bestehen. Der 52 Länder umfassende Nielsen-Index des Verbrauchervertrauens, fiel von 137 im Jahr 2005, als er zu ersten Mal erhoben wurde, auf aktuell 84.

Allerdings sagen uns diese Umfragen, in denen rasche Antworten auf einfache Fragen tabellarisch dargestellt werden, nichts darüber, wie tief diese Überzeugungen wirklich sitzen, in welcher Weise, geänderte Umstände das Vertrauen beeinflussen könnten oder was die Menschen wirklich tun, wenn sie in den kommenden Monaten oder Jahren wichtige Entscheidungen treffen.

Dieser Vertrauensschwund steht in grundlegendem Zusammenhang mit dem Chaos auf den Finanzmärkten, das im Jahr 2007 seinen Ausgang nahm und im September dieses Jahres einen Höhepunkt erreichte. Das Gespenst weltweit zusammenbrechender Finanzinstitutionen und die verzweifelten staatlichen Rettungsversuche schufen ein allgemeines Gefühl der Beunruhigung.

Dann unterliegen die Animal Spirits auch noch einem Erinnerungseffekt. Die Menschen haben ausreichend Kenntnisse über die Große Depression, um die Parallelen zur aktuellen Situation zu verstehen. Viele wissen, dass die Zinssätze von US-Schatzanleihen mit dreimonatiger Laufzeit im September 2008 leicht negativ waren – zum ersten Mal seit 1941. Außerdem sind sich die Menschen bewusst, dass der Aktienmarkt seit der Großen Depression nicht mehr so instabil war wie heute (mit Ausnahme des Oktober 1987). Und zur Verteidigung außergewöhnlicher Rettungsmaßnahmen ziehen Spitzenpolitiker ziemlich offene Vergleiche zur Großen Depression.

Nicht immer jedoch werden unsere Animal Spirits von außergewöhnlichen ökonomischen Ereignissen erschüttert. In diesem Fall sind aber auch nicht alle wirtschaftlichen Verwerfungen gleich. So markierte beispielsweise der Börsencrash vom 19. Oktober 1987 den größten Tagesverlust in der Geschichte. Der Standard & Poor’s Composite fiel um 20,5 Prozent, der FTSE 100 um 12,2 Prozent und der Nikkei 225 am darauf folgenden Tag um 14,9 Prozent. Die Krise breitete sich auf der ganzen Welt aus, aber es gab keine Rezession. Vielmehr erholten sich die Aktienmärkte und schufen eine gigantische Blase, die 13 Jahre später, also im Jahr 2000, ihre größten Ausmaße erreichte.

Eine Studie, die ich unmittelbar nach dem Crash von 1987 durchführte, ergab, dass die größte Sorge privater und institutioneller Anleger in den USA damals im Wesentlichen der Überbewertung der Aktien galt. Nachdem dieses Problem durch den Crash gelöst worden war, hatten viele Menschen offenbar das Gefühl, dass es nun nicht mehr viel gab, worüber sie sich Sorgen machen mussten. Die einzige Parallele zur Großen Depression war der Einbruch am Aktienmarkt. Überdies gaben viele Finanzexperten einer Art programmierten Handel, der so genannten „Portfolioversicherung“ die Schuld am Absturz von 1987. Doch die meisten gingen davon aus, dass damit Schluss sein würde.

Die jüngsten Ereignisse geben allerdings keinen Anlass zu derart optimistischen Interpretationen. Die spektakuläre Größenordnung der jüngsten Rückgänge kann nicht als eintägige Abweichung aufgrund einer technischen Panne im Handel abgetan werden.

Die Woche zwischen dem 3. und dem 10. Oktober war in den USA die schlimmste Börsenwoche seit der Großen Depression und der japanische Aktienmarkt stand noch schlechter da als in der schlechtesten Woche der asiatischen Finanzkrise vor zehn Jahren. Dem mexikanischen Aktienmarkt erging es nicht besser als während der schlimmsten Woche der mexikanischen Finanzkrise im Jahr 1995. Und der Aktienmarkt in Argentinien wies ungefähr die gleichen Wochenverluste auf, wie während der Finanzkrise des Landes in den Jahren 1997-2002. Die Aktienmärkte sind seither sowohl nach oben als auch nach unten außergewöhnlich volatil geblieben.

Die aktuellen Konjunktur- und Rettungspläne wurden in aller Eile als Reaktion auf diese furchtbare Woche ersonnen. Die G7-Länder kündigten am 10. Oktober einen koordinierten Plan zur Rettung der Weltwirtschaft an und am darauffolgenden Wochenende verkündeten die G20 ihre Unterstützung. Aber auch Anfang November waren die Aktienkurse kaum höher. In China und Indien waren sie niedriger.

Diese Erosion der Animal Spirits ist ein sich selbst verstärkender Prozess. Die immense Volatilität der Märkte dient nur zur Verstärkung des Gefühls, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Eine Rückkopplungsschleife setzt sich in Gang: Je höher die Volatilität, desto stärker das Gefühl der Menschen, dem Markt mehr Aufmerksamkeit schenken zu müssen und desto sprunghafter ihre Transaktionen.

Vielleicht liegt die Rettung in dieser Situation darin, dass Instinkte und Erwartungen ihre Richtung ändern können und es auch manchmal tun. Vertrauen ist ein psychologisches Phänomen und kann scheinbar unberechenbar in die eine oder die andere Richtung ausschlagen. Die vielversprechendste Aussicht auf eine Wiederkehr des Vertrauens in die Wirtschaft wäre momentan eine Art allgemeine Inspiration. In den USA scheint der designierte Präsident Barack Obama über das dazu nötige Charisma zu verfügen und seine Stellung als erster, einer Minderheit angehörender Präsident markiert einen großen historischen Wandel, der in den USA und auf der ganzen Welt positive psychologische Auswirkungen haben könnte.

Was die nahe Zukunft auch bringen mag, fest steht, dass die Fülle der derzeit zur Diskussion stehenden Pläne zur Bewältigung der globalen Krise im Hinblick auf  jene flüchtigen und unerklärlichen Auswirkungen, die sie auf das Vertrauen haben könnten, sorgfältig überprüft werden müssen. Die von Keynes vor Generationen geprägten „Animal Spirits“ bleiben uns erhalten.

Reprinting material from this Web site without written consent from Project Syndicate is a violation of international copyright law. To secure permission, please contact us.

Exit from comment view mode. Click to hide this space

Comments (0)

You need to login in order to leave a comment. If you do not yet have an account, please register.

Show comments of
close

The two commenting options explained

Watch a 1 minute video
to discover how you can comment on the entire article or a specific paragraph. The two images below also explain the two ways of commenting.

1) Entire article comment
Once logged in, simply click inside the comment box where it says "Enter text here." Enter and post your comment.

2) Paragraph comment
Please log in first. Then click to the left of the desired paragraph. Your cursor will automatically move to the comments box. Enter and post your comment.

Top Project Syndicate commentaries

Email this article

Your name is required.

Your email is required.


Your friend's name is required.

Your friend's email is required.


A message is required.