Tuesday, September 2, 2014
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Globale Klempnerarbeiten

NEWPORT BEACH – Über drei Jahre nach der weltweiten Finanzkrise hat die Welt nach wie vor üble Probleme mit ihrem Leitungssystem. Die Kreditkanäle sind immer noch verstopft und die Zentralbanken arbeiten im Alleingang daran, sie frei zu bekommen. Doch ihre Möglichkeiten schwinden, was noch ganz andere Risiken für westliche Volkswirtschaften birgt, die von zu wenig Wachstum, zu viel Arbeitslosigkeit, sich vertiefender Ungleichheit und Schulden an den falschen Stellen blockiert werden. Zum Glück ist es nicht zu spät, größere Rohrleitungen zu konstruieren, um die beschädigte Infrastruktur zu ergänzen oder zu ersetzen.

Die gegenwärtige Situation erzählt zwei Geschichten, die widersprüchlich scheinen, aber nicht widersprüchlich sind. Eine zeugt von der Realität, dass die meisten großen Unternehmen mit Zugang zu den Kapitalmärkten kein Problem haben, sich neue Finanzierungen zu sichern. Tatsächlich haben sie mit bemerkenswertem Erfolg ihre Kreditfälligkeiten verlängert, Liquidität angesammelt und ihre zukünftigen Zinszahlungen gesenkt. Alles in allem haben sich ihre Bilanzen inzwischen zu „Bollwerken“ entwickelt.

Die andere Geschichte erzählt von einer gegensätzlichen, aber ebenso gültigen Realität. Zu viele kleine Firmen und Haushalte haben es immer noch schwer, Kredite zu vernünftigen Konditionen zu bekommen. Hierzu zählen diejenigen, die auf Bankkredite angewiesen sind, sowie viele Hypothekennehmer mit sehr hohen bestehenden Zinssätzen und Verbindlichkeiten, die den Marktwert ihrer Immobilien übersteigen.

Der Stand der Dinge ist aus jeder Perspektive als extrem und äußerst problematisch zu bezeichnen – diejenigen, die Zugang zu Krediten haben, brauchen sie nicht, und diejenigen, die Finanzierung benötigen, können keine bekommen. Belässt man die Umstände so wie sie sind, wird in der Wirtschaft, erst allmählich und dann beschleunigt, erneut deleveraging einsetzen, ein Zurückfahren der Schulden. Die höchsten Kosten der ersten Runde – längere Arbeitslosigkeit und eine längere Wachstumskrise – würden zu einem unverhältnismäßig hohen Teil zu Lasten derjenigen gehen, die sie am wenigsten verkraften können. In der nächsten Runde, während das System langsam implodiert, wären auch diejenigen mit gesunden Bilanzen betroffen, und ihr Rückzug aus einer Weltwirtschaft, die ihre Kredithebel verkürzt, würde beschleunigt.

All das würde die soziale Mobilität bremsen, ohnehin stark belastete Sicherheitsnetze reißen lassen, die Ungleichheit verschärfen und ernsthafte Bedenken über die Funktionsfähigkeit und Tragfähigkeit des gegenwärtigen weltweiten Finanzsystems bekräftigen.

Dabei geht es nicht nur um sozio-ökonomische Fragen. Es gibt auch eine politische Dimension. Angesichts zweier konkurrierender und dennoch gleichzeitig gültiger Geschichten verhärten sich ideologische Extreme. Das Ergebnis sind noch größere Missstände, sowohl in Bezug auf Prozesse als auch Inhalte, die jeden nachhaltigen politischen Versuch durchkreuzen, die Dinge besser zu machen.

In Europa hat sich das Problem zugespitzt, wo die Krise verspätet als Phänomen erkannt wurde, das mehr widerspiegelt als nur Turbulenzen in den schwächsten Ländern der Eurozone. Die Krise zeigt die großflächige Ansteckung des Finanzsystems, die unlängst für Frankreich zum Verlust seiner vielzitierten AAA- Top-Bonität geführt hat.

Unterdessen wird die Wirksamkeit paneuropäischer Rettungsmechanismen untergraben. Und während die Verwundbarkeit zunimmt – und ein finanzieller Keil in den Kern der Eurozone (Deutschland und Frankreich) getrieben wird – verdüstern sich die Wachstums- und Beschäftigungsaussichten.

Die Zentralbanken haben all das schon vor einiger Zeit erkannt und sahen sich veranlasst, enorme operationelle Risiken einzugehen und ihren Ruf aufs Spiel zu setzen, um diesen Prozess zu verlangsamen. Sie haben eine ganze Reihe „unkonventioneller Maßnahmen“ ergriffen, die vorher als undenkbar, ja ungeheuerlich, gegolten hätten – und das kann man am enormen Wachstum ihrer Bilanzen ablesen.

So hat sich etwa die Bilanzsumme der US-Notenbank in den vergangenen vier Jahren mehr als verdreifacht, von weniger als einer Billion Dollar auf gigantische 3 Billionen Dollar. Gemessen an der Größe der Volkswirtschaft ist das Wachstum noch atemberaubender – von etwas über 5% des BIP auf 20%. Auch die Bank of England weist eine Bilanzsumme in Höhe von 20% des BIP aus. Und beide sind offenbar darauf aus, sogar noch weitere Maßnahmen zu ergreifen.

Die Europäische Zentralbank wird häufig als Zauderer betrachtet. Das war einmal. Ihre Bilanzsumme hat sich inzwischen auf sage und schreibe 30% des BIP verdoppelt – und auch sie wird aller Voraussicht nach weitere Maßnahmen ergreifen. Mario Draghi, der neue EZB-Präsident, hat kürzlich geäußert, dass er mit einer starken Inanspruchnahme der nächsten längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte mit einer Laufzeit über 36 Monate rechne, einem wirksamen Instrument, um billige Liquidität ins Bankensystem zu pumpen.

Bedauerlicherweise entsprechen die wirtschaftlichen Ergebnisse nicht einmal annähernd der Intensität dieser Anstrengungen. Die Zentralbanken haben sich faktisch als unkonventionelle Brücken ins Nichts erwiesen, was in erster Linie auf ihre mangelhaften Instrumente zurückzuführen ist und auf die Unfähigkeit oder fehlende Bereitschaft anderer Regierungsbehörden, tätig zu werden. Irgendwann – und diesem Punkt nähern wir uns gerade – werden Brücken ins Nichts zu einem eigenständigen Risiko: Sie können schwanken und einstürzen.

Anstatt einfach Liquidität in verstopfte Kanäle zu pumpen, können und sollten Länder mehr dafür tun, ein wirksameres Netzwerk ausgleichender Kanäle aufzubauen. Ihr Hauptziel (auch der Test ihrer Wirksamkeit) wäre das Ausmaß, in dem durch das so genannte „Crowding-in“ neue privatwirtschaftliche Investitionen vermehrt werden.

Es ist höchste Zeit, sich an fünf Fronten gleichzeitig in Bewegung zu setzen:

·         Länder wie Spanien und die Vereinigten Staaten müssen energischer dafür sorgen, wieder Bewegung in den Wohnimmobilienmarkt zu bringen, indem sie längst fällige Entscheidungen über eine Lastenverteilung, die Refinanzierung und die Umwandlung ungenutzter und zwangsvollstreckter Wohnungsbestände treffen.

·         Überschuldete Länder wie Griechenland und Portugal müssen ihren Gläubigern beträchtliche „Haircuts“ auferlegen, sie also dazu bringen auf einen Teil ihrer Forderungen zu verzichten, um eine vernünftige Chance zu haben, mittelfristig wieder eine tragbare Schuldensituation und Wirtschaftswachstum zu erreichen.

·         In mehreren westlichen Ländern sollten öffentlich-private Partnerschaften gebildet werden, um dringend benötigte Investitionen in die Infrastruktur finanzieren zu können.

·         Aufsichtsbehörden sollten aufhören, sich über die zukünftige Ausgestaltung zentraler Finanzakteure zu zanken und stattdessen eine klarere Vision über mehrere Jahre vorgeben, die sich außerdem einheitlich über Grenzen hinweg erstreckt.

·         Abschließend sollten Regierungen ihre Wähler ausdrücklich und umfassend informieren, dass einige der Verträge, die während der nicht ratsamen „Ära“ des Fremdkapitaleinsatzes, der Verschuldung und des Kredit-Anspruchsdenkens verfasst wurden, nicht eingehalten werden können und auf transparente Art und Weise so umgeschrieben werden müssen, dass ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Generationen, Arbeit und Kapital und Empfängern und Steuerzahlern entsteht.

Eine solche Politik würde die Bilanzen weltweit wieder gesunden lassen, sowohl öffentliche als auch private, und ein Umfeld fördern, in dem Wachstum und Beschäftigung gedeihen. Voraussetzung hierfür sind Führungsstärke, Konzentration und die entsprechende Bildung. Wenn es daran fehlt, werden sich die Probleme verschärfen, die die Welt in ihrem Leitungssystem hat, und die notwendigen Reparaturen werden komplexer und für jeden von uns bedrohlich: Für das reiche „ein Prozent“ genau wie für diejenigen, die sich am Rande der Gesellschaft abstrampeln.

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  1. CommentedSanjeev Chadha

    That what comes to mind in public private partnership is leasing away the vital public infrastructure into private hands,in cities and county sides all along the mainland.

  2. Commentedparthasarathy Shakkottai

    “No monetarily non-sovereign can survive long-term on internal taxes or borrowing.
    By contrast, Monetarily Sovereign nations do not need money coming in from outside their borders, because they create unlimited money simply by paying bills.
    For Greece and the other euro nations, long term survival requires one of two, and only two, events:
    1. Adopt some form of a sovereign currency, and become Monetarily Sovereign
    or
    2. The EU give (not lend) euros to its member nations as needed.
    There are no other solutions. None.” from http://rodgermmitchell.wordpress.com/2011/11/03/there-are-two-and-only-two-long-term-solutions-for-greece-and-the-other-euro-nations/
    The euro is a flawed design. The countries in Europe have a common currency but have no political union (unlike the many states of USA with a common currency and a political union). The federal government funds the state governments to make up shortfalls and also redistributes taxes from wealthier states to the needy ones. All states of EU can’t be in surplus at the same time by mutual trade.
    Actual data on deficits is shown in
    Only deficits grow the economy! It is progressive to increase deficits. Government deficit is equal to private sector savings as in the equation
    (I – S) + (G – T) + (X – M) = 0
    (I – S) = private sector balance of investment and savings
    (G – T) = public sector balance govt spending and tax revenues
    (X – M) = foreign sector balance of export and import
    You can see this different version of the above chart in visual form in figure 4 by viewing the sectoral balances in the USA going back to 1952: If I-S is to be positive, G-T should be negative.
    http://pragcap.com/resources/understanding-modern-monetary-system
    Another reference to data on deficits is
    http://www.davemanuel.com/charts2/surpluses_and_deficits_1940-2011.html
    which shows 58 deficit years out of 70 years in the US economy.”
    The world in balance sheet recession: causes, cure, and politics : Richard C. Koo (Nomura Research Institute, Tokyo) http://www.paecon.net/PAEReview/issue58/Koo58.pdf
    Koo concludes “It is laudable for policy makers to shun fiscal profligacy and aim for self-reliance on the part of the private sector. But every several decades, the private sector loses its self-control in a bubble and sustains heavy financial injuries when the bubble bursts. That forces the private sector to pay down debt in spite of zero interest rates, triggering a deflationary spiral. At such times and at such times only, the government must borrow and spend the private sector’s excess savings, not only because monetary policy is impotent at such times but also because the government cannot tell the private sector not to repair its balance sheet….”
    Japan deficit spent for 16 years keeping nominal GDP constant till the economy paid down the private sector debt. This is an operational proof of MMT.
    For the Euro problem Koo suggests a form of quasi-monetary sovereignty:
    One way to solve this eurozone-specific problem of capital shifts would be to prohibit member nations from selling government bonds to investors from other countries. Allowing only the citizens of a nation to hold that government’s debt would, for example, prevent the investment of Spanish savings in German government debt. Most of the Spanish savings that have been used to buy other countries’ government debt would therefore return to Spain. This would push Spanish government bond yields down to the levels observed in the U.S. and the U.K., thereby helping the Spanish government implement the fiscal stimulus required during a balance sheet recession.
    The Maastricht Treaty with its rigid 3 percent GDP limit on budget deficits made no provision for balance sheet recessions. This is understandable given that the concept of balance sheet recessions did not exist when the Treaty was being negotiated in the 1990s. In contrast, the proposed new rule would allow individual governments to pursue autonomous fiscal policies within its constraint. In effect, governments could run larger deficits as long as they could persuade citizens to hold their debt. This would both instill discipline and provide flexibility to individual governments. By internalizing fiscal issues, the new rule would also free the European Central Bank from having to worry about fiscal issues in individual countries and allow it to focus its efforts on managing monetary policy.
    In order to maximize efficiency gains in the single market, the new restriction should apply only to holdings of government bonds. German banks should still be allowed to buy Greek private sector debt, and Spanish banks should still be allowed to buy Dutch shares.

  3. CommentedProcyon Mukherjee

    There is a case in point in the suggestion that those who have credit do not need it and those who need do not have it is already very clearly visible in the S&P 500 balance sheets that had amassed $1.3 Trillion in cash and cash equivalents. Such a huge rise in cash holdings is in one way a good indication of the S&P 500 performance but on the other it proves the very point that there is no need of credit for the real performers. Rather it holds testimony to the solemn challenge that America lacks the investment it needs in those forms of capital like the fixed capital, which would bridge investments to job growth that holds the key to the current conundrum.

    Procyon Mukherjee

  4. CommentedLuke Ho-Hyung Lee

    Excellent article with some valuable and timely policy suggestions, but unfortunately, I think they will still not be enough to change the situation.

    We have made a serious mistake in the real market (or supply chain) process of the market, that is, the blood stream of the market, over the last 20 to 30 years of the Modern Information Age. This mistake has created a maddening economic condition in real markets. If we do not fix it first, I believe that every new effort will be just as ineffective and useless as everything else we have tried.

    What mistake? Please see this article: “The Real Cause of the Current Economic Crisis and a Suggested Solution” http://goo.gl/9y8Uf .

    If we develop a new real market process by fixing that mistake, I believe much of the current major economic problems, such as too little growth, too much unemployment, deepening inequality, and debt in all the wrong places, could be solved easily and effectively.

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