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Globale Klempnerarbeiten

NEWPORT BEACH – Über drei Jahre nach der weltweiten Finanzkrise hat die Welt nach wie vor üble Probleme mit ihrem Leitungssystem. Die Kreditkanäle sind immer noch verstopft und die Zentralbanken arbeiten im Alleingang daran, sie frei zu bekommen. Doch ihre Möglichkeiten schwinden, was noch ganz andere Risiken für westliche Volkswirtschaften birgt, die von zu wenig Wachstum, zu viel Arbeitslosigkeit, sich vertiefender Ungleichheit und Schulden an den falschen Stellen blockiert werden. Zum Glück ist es nicht zu spät, größere Rohrleitungen zu konstruieren, um die beschädigte Infrastruktur zu ergänzen oder zu ersetzen.

Die gegenwärtige Situation erzählt zwei Geschichten, die widersprüchlich scheinen, aber nicht widersprüchlich sind. Eine zeugt von der Realität, dass die meisten großen Unternehmen mit Zugang zu den Kapitalmärkten kein Problem haben, sich neue Finanzierungen zu sichern. Tatsächlich haben sie mit bemerkenswertem Erfolg ihre Kreditfälligkeiten verlängert, Liquidität angesammelt und ihre zukünftigen Zinszahlungen gesenkt. Alles in allem haben sich ihre Bilanzen inzwischen zu „Bollwerken“ entwickelt.

Die andere Geschichte erzählt von einer gegensätzlichen, aber ebenso gültigen Realität. Zu viele kleine Firmen und Haushalte haben es immer noch schwer, Kredite zu vernünftigen Konditionen zu bekommen. Hierzu zählen diejenigen, die auf Bankkredite angewiesen sind, sowie viele Hypothekennehmer mit sehr hohen bestehenden Zinssätzen und Verbindlichkeiten, die den Marktwert ihrer Immobilien übersteigen.

Der Stand der Dinge ist aus jeder Perspektive als extrem und äußerst problematisch zu bezeichnen – diejenigen, die Zugang zu Krediten haben, brauchen sie nicht, und diejenigen, die Finanzierung benötigen, können keine bekommen. Belässt man die Umstände so wie sie sind, wird in der Wirtschaft, erst allmählich und dann beschleunigt, erneut deleveraging einsetzen, ein Zurückfahren der Schulden. Die höchsten Kosten der ersten Runde – längere Arbeitslosigkeit und eine längere Wachstumskrise – würden zu einem unverhältnismäßig hohen Teil zu Lasten derjenigen gehen, die sie am wenigsten verkraften können. In der nächsten Runde, während das System langsam implodiert, wären auch diejenigen mit gesunden Bilanzen betroffen, und ihr Rückzug aus einer Weltwirtschaft, die ihre Kredithebel verkürzt, würde beschleunigt.

All das würde die soziale Mobilität bremsen, ohnehin stark belastete Sicherheitsnetze reißen lassen, die Ungleichheit verschärfen und ernsthafte Bedenken über die Funktionsfähigkeit und Tragfähigkeit des gegenwärtigen weltweiten Finanzsystems bekräftigen.

Dabei geht es nicht nur um sozio-ökonomische Fragen. Es gibt auch eine politische Dimension. Angesichts zweier konkurrierender und dennoch gleichzeitig gültiger Geschichten verhärten sich ideologische Extreme. Das Ergebnis sind noch größere Missstände, sowohl in Bezug auf Prozesse als auch Inhalte, die jeden nachhaltigen politischen Versuch durchkreuzen, die Dinge besser zu machen.

In Europa hat sich das Problem zugespitzt, wo die Krise verspätet als Phänomen erkannt wurde, das mehr widerspiegelt als nur Turbulenzen in den schwächsten Ländern der Eurozone. Die Krise zeigt die großflächige Ansteckung des Finanzsystems, die unlängst für Frankreich zum Verlust seiner vielzitierten AAA- Top-Bonität geführt hat.

Unterdessen wird die Wirksamkeit paneuropäischer Rettungsmechanismen untergraben. Und während die Verwundbarkeit zunimmt – und ein finanzieller Keil in den Kern der Eurozone (Deutschland und Frankreich) getrieben wird – verdüstern sich die Wachstums- und Beschäftigungsaussichten.

Die Zentralbanken haben all das schon vor einiger Zeit erkannt und sahen sich veranlasst, enorme operationelle Risiken einzugehen und ihren Ruf aufs Spiel zu setzen, um diesen Prozess zu verlangsamen. Sie haben eine ganze Reihe „unkonventioneller Maßnahmen“ ergriffen, die vorher als undenkbar, ja ungeheuerlich, gegolten hätten – und das kann man am enormen Wachstum ihrer Bilanzen ablesen.

So hat sich etwa die Bilanzsumme der US-Notenbank in den vergangenen vier Jahren mehr als verdreifacht, von weniger als einer Billion Dollar auf gigantische 3 Billionen Dollar. Gemessen an der Größe der Volkswirtschaft ist das Wachstum noch atemberaubender – von etwas über 5% des BIP auf 20%. Auch die Bank of England weist eine Bilanzsumme in Höhe von 20% des BIP aus. Und beide sind offenbar darauf aus, sogar noch weitere Maßnahmen zu ergreifen.

Die Europäische Zentralbank wird häufig als Zauderer betrachtet. Das war einmal. Ihre Bilanzsumme hat sich inzwischen auf sage und schreibe 30% des BIP verdoppelt – und auch sie wird aller Voraussicht nach weitere Maßnahmen ergreifen. Mario Draghi, der neue EZB-Präsident, hat kürzlich geäußert, dass er mit einer starken Inanspruchnahme der nächsten längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte mit einer Laufzeit über 36 Monate rechne, einem wirksamen Instrument, um billige Liquidität ins Bankensystem zu pumpen.

Bedauerlicherweise entsprechen die wirtschaftlichen Ergebnisse nicht einmal annähernd der Intensität dieser Anstrengungen. Die Zentralbanken haben sich faktisch als unkonventionelle Brücken ins Nichts erwiesen, was in erster Linie auf ihre mangelhaften Instrumente zurückzuführen ist und auf die Unfähigkeit oder fehlende Bereitschaft anderer Regierungsbehörden, tätig zu werden. Irgendwann – und diesem Punkt nähern wir uns gerade – werden Brücken ins Nichts zu einem eigenständigen Risiko: Sie können schwanken und einstürzen.

Anstatt einfach Liquidität in verstopfte Kanäle zu pumpen, können und sollten Länder mehr dafür tun, ein wirksameres Netzwerk ausgleichender Kanäle aufzubauen. Ihr Hauptziel (auch der Test ihrer Wirksamkeit) wäre das Ausmaß, in dem durch das so genannte „Crowding-in“ neue privatwirtschaftliche Investitionen vermehrt werden.

Es ist höchste Zeit, sich an fünf Fronten gleichzeitig in Bewegung zu setzen:

·         Länder wie Spanien und die Vereinigten Staaten müssen energischer dafür sorgen, wieder Bewegung in den Wohnimmobilienmarkt zu bringen, indem sie längst fällige Entscheidungen über eine Lastenverteilung, die Refinanzierung und die Umwandlung ungenutzter und zwangsvollstreckter Wohnungsbestände treffen.

·         Überschuldete Länder wie Griechenland und Portugal müssen ihren Gläubigern beträchtliche „Haircuts“ auferlegen, sie also dazu bringen auf einen Teil ihrer Forderungen zu verzichten, um eine vernünftige Chance zu haben, mittelfristig wieder eine tragbare Schuldensituation und Wirtschaftswachstum zu erreichen.

·         In mehreren westlichen Ländern sollten öffentlich-private Partnerschaften gebildet werden, um dringend benötigte Investitionen in die Infrastruktur finanzieren zu können.

·         Aufsichtsbehörden sollten aufhören, sich über die zukünftige Ausgestaltung zentraler Finanzakteure zu zanken und stattdessen eine klarere Vision über mehrere Jahre vorgeben, die sich außerdem einheitlich über Grenzen hinweg erstreckt.

·         Abschließend sollten Regierungen ihre Wähler ausdrücklich und umfassend informieren, dass einige der Verträge, die während der nicht ratsamen „Ära“ des Fremdkapitaleinsatzes, der Verschuldung und des Kredit-Anspruchsdenkens verfasst wurden, nicht eingehalten werden können und auf transparente Art und Weise so umgeschrieben werden müssen, dass ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Generationen, Arbeit und Kapital und Empfängern und Steuerzahlern entsteht.

Eine solche Politik würde die Bilanzen weltweit wieder gesunden lassen, sowohl öffentliche als auch private, und ein Umfeld fördern, in dem Wachstum und Beschäftigung gedeihen. Voraussetzung hierfür sind Führungsstärke, Konzentration und die entsprechende Bildung. Wenn es daran fehlt, werden sich die Probleme verschärfen, die die Welt in ihrem Leitungssystem hat, und die notwendigen Reparaturen werden komplexer und für jeden von uns bedrohlich: Für das reiche „ein Prozent“ genau wie für diejenigen, die sich am Rande der Gesellschaft abstrampeln.