NEW YORK – Wir befinden uns mitten in der schlimmsten Finanzkrise seit den 1930er Jahren. Das auffallendste Merkmal der Krise ist, dass sie nicht durch einen externen Schock, wie etwa einer Anhebung der Ölpreise durch die OPEC, ausgelöst wurde. Die aktuelle Krise entstand durch das Finanzsystem selbst.
Dieses Faktum – die Existenz eines inhärenten Systemfehlers – steht im Widerspruch zur allgemein anerkannten Theorie, wonach Finanzmärkte ein Gleichgewicht anstreben und Abweichungen von diesem Gleichgewicht entweder zufällig oder durch ein plötzlich auftretendes externes Ereignis entstehen, an das sich die Märkte nur schwer anpassen können. Der derzeit praktizierte Ansatz der Marktregulierung basiert auf dieser Theorie, aber die Intensität und das Ausmaß der Krise bestätigen überzeugend, dass mit dieser Theorie prinzipiell etwas nicht stimmt.
Ich habe eine alternative Theorie entwickelt, die besagt, dass Finanzmärkte die grundlegenden Bedingungen nicht exakt abbilden. Vielmehr präsentieren sie ein auf die eine oder andere Weise einseitiges oder verzerrtes Bild. Noch bedeutsamer ist, dass die verzerrten Ansichten der Marktteilnehmer, die sich in Marktpreisen ausdrücken, unter gewissen Umständen die so genannten Fundamentaldaten in Mitleidenschaft ziehen, die eigentlich ein Abbild der Marktpreise darstellen sollen.ampnbsp;
Diesen Rückkoppelungsmechanismus zwischen Marktpreisen und der zugrunde liegenden Realität bezeichne ich als „Reflexivität“.ampnbsp; Ich behaupte, dass Finanzmärkte immer reflexiv sind undampnbsp; gelegentlich ziemlich weit vom so genannten Gleichgewicht abweichen können. Mit anderen Worten: Finanzmärkte neigen dazu, Blasen hervorzubringen. ampnbsp;ampnbsp;ampnbsp;
Die aktuelle Krise entstand auf dem Subprime-Hypothekenmarkt. Das Platzen der US-Immobilienblase wirkte wie ein Zündmechanismus, der eine viel größere Superblase sprengte, welche ihren Ausgang in den 1980er Jahren nahm, als Marktfundamentalismus zum vorherrschenden Dogma wurde. Basierend auf der falschen Annahme, dass Märkte ein Gleichgewicht anstreben, führte dieses Dogma zu Deregulierung, Globalisierung und Finanzinnovationen.ampnbsp;
Nun ist das Kartenhaus eingestürzt. Mit der Insolvenz von Lehman Brothers im September 2008 geschah das Unvorstellbare: Das Finanzsystem erlitt einen Herzstillstand. ampnbsp;Mit der künstlichen Beatmung wurde umgehend begonnen. Die Behörden in den Industrieländern garantierten, dass man es nicht zulassen wolle, dass andere wichtige Institutionen in die Pleite schlittern. ampnbsp;ampnbsp;ampnbsp;ampnbsp;
Allerdings konnten Länder an der Peripherie des internationalen Finanzsystems keine gleichermaßen wirksamen Garantien abgeben. Dies führte zu einer Kapitalflucht aus den Ländern Osteuropas, Asiens und Lateinamerikas. Alle Währungen fielen gegenüber dem Dollar und dem Yen. Die Rohstoffpreise stürzten ab und die Zinssätze in den Schwellenländern schnellten empor. ampnbsp;
Das Wettrennen zur Rettung des internationalen Finanzsystems ist noch im Gange. Aber selbst bei einem erfolgreichen Ausgang machen Verbraucher, Anleger und Firmen eine traumatische Erfahrung, deren Auswirkungen erst zu spüren sein werden. Eine tiefe Rezession ist unausweichlich und die Möglichkeit einer Depression kann nicht ausgeschlossen werden.
Was ist also zu tun?
Weil Finanzmärkte dazu neigen Vermögenspreisblasen hervorzubringen, müssen Regulierungsbehörden die Verantwortung dafür übernehmen, dass diese Blasen nicht zu groß anwachsen. Bis jetzt haben die Finanzaufsichtsbehörden genau diese Verantwortung explizit von sich gewiesen.
Natürlich ist es unmöglich, die Bildung von Blasen zu verhindern, aber es sollte möglich sein, sie innerhalb erträglicher Grenzen zu halten. Das kann nicht einfach durch Kontrolle der Geldmenge geschehen. Die Regulatoren müssen auch Kreditbedingungen berücksichtigen, da sich Geld und Kredite nicht im Gleichschritt bewegen. Die Märkte zeigen Launen und Tendenzen, denen man entgegenwirken muss. Um Kredite und Geld getrennt voneinander zu kontrollieren, müssen zusätzliche Instrumente angewandtampnbsp; – oder, genauer gesagt, reaktiviert werden, denn in den 1950er und 1960er Jahren wurden sie ja bereits eingesetzt. ampnbsp;Ich beziehe mich dabei auf Mindesteinschuss-Sätze und Mindestkapitalanforderungen für Banken.
Aufgrund der ausgeklügelten Finanzsteuerung von heute kann sich die Berechnung der Nachschuss-Sätze und der Kapitalanforderung als extrem schwierig, wenn nicht gar unmöglich erweisen. Deshalb müssen neue Finanzprodukte vor ihrem Verkauf von entsprechenden Stellen registriert und genehmigt werden.
Den Launen des Marktes entgegenzuwirken erfordert Urteilsvermögen und weil es sich bei den Regulatoren um Menschen handelt, kann es auch schief gehen. Dennoch haben sie den Vorteil, vom Markt Rückmeldung zu erhalten, die es ihnen ermöglichen sollte, ihre Fehler zu korrigieren. Wenn eine Straffung der Mindesteinschuss-Sätze und der Mindestkapitalanforderungen eine Blase nicht verkleinern kann, können Regulierungsbehörden weitere Maßnahmen in diese Richtung vornehmen.ampnbsp; Allerdings ist diese Methode nicht narrensicher, denn auch Märkte können sich irren. Die Suche nach dem optimalen Gleichgewicht ist ein endloser Prozess des Ausprobierens. ampnbsp;ampnbsp;
Dieses Katz-und-Maus-Spiel zwischen Regulierungsbehörden und Marktteilnehmern ist schon im Gange, wurde aber in seinem wahren Wesen noch nicht erkannt. Alan Greenspan, der frühere Vorsitzende der US Federal Reserve war mit seinen orakelhaften Äußerungen ein Meister der Manipulation, aber statt zu seinen Aktionen zu stehen, gab er den passiven Beobachter. ampnbsp;Das ist der Grund, warum die Blasen während seiner Amtszeit so anwachsen konnten.
Weil die Finanzmärkte global sind, müssen auch Regulierungsbestimmungen international sein. In der aktuellen Situation hat der Internationale Währungsfonds (IWF) eine neue Mission, nämlich die Länder der Peripherie gegen die Auswirkungen von Stürmen zu schützen, die im Zentrum, also in den USA, entstehen.ampnbsp;
Die Verbraucher in den USA können nicht länger als Motor der Weltwirtschaft dienen. Um eine globale Depression abzuwenden, müssen auch andere Länder ihre nationalen Ökonomien ankurbeln. Aber Länder an der Peripherie, die nicht über hohe Exportüberschüsse verfügen, sind nicht in der Lage antizyklische Strategien umzusetzen. Es ist Aufgabe des IWF, Möglichkeiten zu finden, antizyklische Haushaltsdefizite zu finanzieren. Teilweise könnte dies durch Inanspruchnahme von Staatsfonds und teilweise durch Ausgabe von Sonderziehungsrechten erfolgen, so dass reiche Länder, die ihre Defizite selbst abdecken können, ampnbsp;sie an ärmere Länder abtreten, die dazu nicht in der Lage sind.
Obwohl die internationale Regulierung verstärkt werden muss, um das Überleben des globalen Finanzsystems zu sichern, dürfen wir dabei auch nicht zu weit gehen. Die Märkte sind unvollkommen, aber die Regulierungsbehörden sind es in noch stärkerem Maße. Bei den Regulatoren handelt es sich nicht nur um Menschen, die irren können, sondern auch um Bürokraten, die politischer Einflussnahme unterworfen sind. Die Regulierungsbestimmungen sollten ein notwendiges Minimum zur Aufrechterhaltung der Stabilität darstellen. ampnbsp;


Comments (0)
You need to login in order to leave a comment. If you do not yet have an account, please register.
The two commenting options explained
Watch a 1 minute video
to discover how you can comment on the entire article or a specific paragraph. The two images below also explain the two ways of commenting.
1) Entire article comment
Once logged in, simply click inside the comment box where it says "Enter text here." Enter and post your comment.
2) Paragraph comment
Please log in first. Then click to the left of the desired paragraph. Your cursor will automatically move to the comments box. Enter and post your comment.