Exit from comment view mode. Click to hide this space
Email | Print

Erholung vor Reform

LONDON – Die Finanzkrise, die 2007 begann, hat die Weltwirtschaft in zwei Jahren um sechs Prozent schrumpfen lassen und die Arbeitslosenquote verdoppelt. Die unmittelbare Ursache war räuberische Kreditvergabe, die Menschen sind also verständlicherweise ärgerlich und wollen, dass Köpfe und Prämien rollen – ein Gefühl, dem die aktuellen weltweiten Proteste gegen „Wall Street“ Ausdruck verleihen.

Die Banken sind jedoch nicht nur Teil des Problems, sie sind auch ein wesentlicher Teil der Lösung. Dieselben Institutionen, die die Krise verursacht haben, müssen bei ihrer Bewältigung helfen, indem sie wieder Kredite vergeben. Bei nachlassender globaler Nachfrage muss die Priorität auf der Erholung liegen, ohne das Ziel der Reform aus den Augen zu verlieren – eine schwierige politische Aufgabe.

Die Maxime für die Reform ist die Notwendigkeit, die Branche der Finanzdienstleistungen neu zu regulieren. Kurz vor der Krise haben Experten laut verkündet, dass „effiziente“ Finanzmärkte sicher der Eigenregulierung überlassen werden könnten. Als Spiegelung des finanziellen Freibeuter-Zeitgeistes der damals gängig war, erklärte der Internationale Währungsfonds 2006, „die Streuung des Kreditrisikos durch Banken auf eine breitere und vielfältigere Investorengruppe… hat dazu beigetragen, dass das Bankenwesen und das Finanzsystem insgesamt widerstandsfähiger geworden sind…“. Daraus folgt, „dass Geschäftsbanken gegenüber Schocks nicht so anfällig sind.“

Bei Unsinn dieser Art ist das selbstherrliche Getrommel der Finanzmacht nicht zu überhören, die noch nie der Versuchung widerstehen konnte, das eigene Interesse zum öffentlichen zu erklären. Nach der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre wurde die Finanzmacht 50 Jahre lang von der Regierungsmacht zur Rechenschaft verpflichtet. Das Fundament der politischen Kontrolle war das US-amerikanische Glass-Steagall-Gesetz von 1933.

Das Gesetz sollte Geschäftsbanken daran hindern, mit den Einlagen ihrer Kunden zu zocken, indem es die institutionelle Trennung von Geschäfts- und Investmentbanking vorschrieb. Das Ergebnis waren 65 Jahre relativer Finanzstabilität. In einem Finanzsystem, das von Ökonomen später als „unterdrückt“ bezeichnet wurde, erfüllten die Geschäftsbanken die notwendige Funktion der finanziellen Mittler, ohne selbstmörderische Risiken einzugehen, während die Regierung die gesamtwirtschaftliche Nachfrage hoch genug hielt, um ein Vollbeschäftigungs-Investitionsniveau aufrecht zu erhalten.

Dann schlug die Finanzmacht zurück, unterstützt durch eine Kohorte von willigen Ökonomen. Der Big Bang von London 1986 beendete die Trennung der Bankenfunktionen im Vereinigten Königreich. Nach langer Lobbyarbeit der Finanzbranche widerrief US-Präsident Bill Clinton 1999 das Glass-Steagall-Gesetz. Von da an konnten Geschäfts- und Investitionsbanken fusionieren und die entstehenden Institute durften die breite Palette aller Bankdienstleistungen anbieten, einschließlich Effektenemissionsgeschäfte und andere Handelsaktivitäten.

Das war Teil einer Deregulierungswelle, die Franklin Roosevelts Versprechen mitriss, die „Geldwechsler aus dem Tempel zu vertreiben“. Clinton weigerte sich auch, Credit Default Swaps zu regulieren und die US-Wertpapier- und Aufsichtsbehörde erlaubte es den Banken, ihre Fremdkapitalaufnahme zu verdreifachen. Diese drei Entscheidungen führten direkt zu der Subprime-Extravaganz, die das US-Bankensystem 2007-2008 in die Knie zwangen.

Seit dem Crash sind Anstrengungen unternommen worden, das demontierte System der Finanzregulierung zu rekonstruieren, um die „übermäßige Kreditvergabe“ zu verhindern, die zum Kollaps geführt hat. Die neue Doktrin heißt „makroprudentielle Regulierung“. Im Zuge der internationalen Vereinbarung Basel III müssen Banken eine höhere Eigenkapitalquote gegen „risikogewichtete Vermögenswerte“ haben, die Fremdkapitalaufnahme muss auf einen kleineren Prozentsatz solcher Vermögenswerte beschränkt bleiben. Nationale Regulierer suchen Wege, um die Anforderungen an das Verhältnis zwischen Eigen- und Fremdkapital je nach Konjunkturzyklus zu verändern und haben begonnen, die Banken regelmäßigen Stresstets zu unterziehen.

Im Vereinigten Königreich soll ein Ausschuss zur Finanzpolitik in der Bank von England das „systemische Risiko“ eines Finanzversagens überwachen, wobei eine Prudentielle Regulierungsbehörde systemrelevante Institutionen überwacht. Laut Währungsspezialist Charles Goodhart können die Behörden anhand von ungewöhnlich hohen Wachstumsraten bei Bankenkrediten, Immobilienpreisen und Fremdkapitalaufnahmen vor einer bevorstehenden Krise ausreichend gewarnt werden.

Die neue Lehre setzt ihren Glauben an die Fähigkeit der Regulierer, das Risikomanagement der Banken zu verbessern, lässt aber die Struktur des Bankensystems unangetastet. Aber wenn es um eine Erhöhung de Eigenkapitalanforderungen gegen „risikogewichtete Vermögenswerte“ geht, wer gewichtet und nach welcher Methodologie?

Goodhart räumt ein, dass die „Risikogewichtungen“ der Banken in der Zeit vor der Rezession politischem Druck und „der Erfassung und Manipulation durch die Finanzindustrie“ unterworfen waren. Dies ist unvermeidlich, weil der „Risikograd“ vieler Investitionen, die einer inhärenten Ungewissheit unterliegen, nicht messbar ist, wie schon John Maynard Keynes zu Protokoll gab. Kurz, die neue regulatorische Philosophie ersetzt die Illusion, dass man es den Banken überlassen könne, ihre eigenen Risiken zu verwalten, durch die Illusion, Regulierer könnten das für sie tun.

In der Zwischenzeit ist die anfängliche Begeisterung für das neuerliche Inkrafttreten von Glass-Steagall – also die Zerschlagung der Bankenfunktionen in getrennte Institutionen – unter die Räder gekommen. Es ist nur logisch, dass Banken mit staatlich garantierten Einlagen sicher und langweilig sind, wenn andere notwendige, aber risikobehaftete Aktivitäten anderen Banken übertragen werden. Bei der (neuerlichen) Umsetzung dieser Idee wurde bisher kein Fortschritt erzielt.

Die „Volcker-Regel“, nach der Geschäftsbanken nicht auf eigene Kosten handeln können, keine Hedge Funds und keine Private Equity Firmen besitzen dürfen, führt im Kongress ein Schattendasein. Im Vereinigten Königreich hat eine unabhängige Bankenkommission, geleitet von Sir John Vickers, die Trennung von Geschäfts- und Investmentbanking abgelehnt und empfiehlt stattdessen so genannte Ring-Fencing-Einlagen aus den Investitionsbereichen von Universalbanken.

Andere argumentieren, „chinesische Mauern“ dieser Art geben unter Druck immer nach, aufgrund der großen Nachfrage unter den Aktionären nach Universalbanken, um die Profite auf Kosten eines gesunden Geschäftsbankkerns zu maximieren. Und Vorstandsvorsitzende haben auch weiterhin die gesetzliche Verpflichtung, Gewinne zu maximieren. Die Vorschläge der Vickers-Kommission sind auch abhängig von einer komplexen Regulierung, die entgegen der Erfahrung davon ausgeht, dass Regulierer Bankern immer einen Schritt voraus sind.

Die Finanzmacht gibt niemals leicht auf. Die meisten Vorschläge für eine Bankenreform, egal ob sie auf die Regulierung bauen oder in Richtung institutionelle Trennung tendieren, sind noch immer im Entwurfsstadium und werden sicher noch durch die Mangel der Finanzlobbies gedreht.

Und welche Vorteile sie auch haben mögen, keiner dieser Vorschläge geht das dringendste Problem der Weltwirtschaft an: zu wenig Kreditvergabe, nicht zu viel. In anderen Worten: die Herausforderung besteht darin, das Vergabewachstum anzukurbeln, in vollem Bewusstsein der Tatsache, dass wir Wege finden müssen, es zu zügeln.

Reprinting material from this Web site without written consent from Project Syndicate is a violation of international copyright law. To secure permission, please contact us.

Exit from comment view mode. Click to hide this space

Comments (0)

You need to login in order to leave a comment. If you do not yet have an account, please register.

Show comments of
close

The two commenting options explained

Watch a 1 minute video
to discover how you can comment on the entire article or a specific paragraph. The two images below also explain the two ways of commenting.

1) Entire article comment
Once logged in, simply click inside the comment box where it says "Enter text here." Enter and post your comment.

2) Paragraph comment
Please log in first. Then click to the left of the desired paragraph. Your cursor will automatically move to the comments box. Enter and post your comment.

Top Project Syndicate commentaries

Email this article

Your name is required.

Your email is required.


Your friend's name is required.

Your friend's email is required.


A message is required.