Sunday, October 26, 2014
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Wie die Eurozone ins Gleichgewicht gebracht werden kann

WASHINGTON, D.C. – Die Krise der Eurozone hat sich im Wesentlichen aus einer Staatsschuldenkrise heraus entwickelt, von der weitgehend Länder in ihrer südlichen Peripherie betroffen waren. Die Zinssätze für italienische und spanische Staatsanleihen haben zeitweise 6-7% betragen und waren für andere Länder sogar noch höher. Und weil Banken in der Eurozone einen wesentlichen Teil ihrer Aktiva in Form von Staatsanleihen aus der Eurozone halten, ist aus der Staatsschuldenkrise eine potentielle Bankenkrise geworden, die sich durch andere Verluste der Banken, etwa aufgrund des Zusammenbruchs der Immobilienpreise in Spanien, weiter verschärft hat. Eine zentrale Herausforderung für die Überwindung der Krise in der Eurozone besteht also darin, die Schuldenlast der südlichen Länder zu verringern.

Die Veränderung der Schuldenlast eines Landes wird durch den Umfang seines Primärsaldos (Haushaltssaldo ohne Zinszahlungen) als Anteil am BIP, sowie durch den Unterschied zwischen den Kosten seiner Kreditaufnahmen und der Wachstumsrate seines BIP reflektiert. Wenn der Unterschied zwischen Schuldendienst und Wachstum zu groß wird, wird es unmöglich die Primärhaushaltsüberschüsse erzielen, die notwendig sind, um den Anstieg der Verschuldung aufzuhalten. Tatsächlich wird in den nächsten beiden Jahren in Südeuropa mit einem Wachstum gerechnet, das nahe Null oder negativ ist, und das auch längerfristig voraussichtlich nicht höher als 2-3% sein wird.

Eine der zugrundeliegenden Ursachen für die Krise in der Eurozone – die heute das Wachstum in Südeuropa hemmt – schafft es kaum in die Schlagzeilen: Die abweichende Entwicklung der Produktionskosten, die sich zwischen den Peripherieländern, insbesondere dem „Süden“ (speziell Griechenland, Spanien, Italien und Portugal) und dem „Norden“ (der Einfachheit halber Deutschland) während des ersten Jahrzehnts nach der Euroeinführung entwickelt hat. In den Jahren 2000 bis 2010 sind die Lohnstückkosten in den vier südlichen Ländern um 36%, 28%, 30% bzw. 25% gestiegen, in Deutschland dagegen um weniger als 5%. Damit beträgt die kumulative Divergenz Ende 2010 in Griechenland über 30% und in Portugal, Italien und Spanien über 20%.

Lohnstückkosten reflektieren die Höhe des Arbeitsentgeltes und die Produktivität: Produktivitätszuwächse können den Effekt steigender Löhne ausgleichen. Bei der Produktivitätsentwicklung hat es in den Jahren 2000 bis 2010 keine drastischen Unterschiede zwischen nord- und südeuropäischen Ländern gegeben – tatsächlich ist das durchschnittliche jährliche Produktivitätswachstum in Griechenland rascher gewachsen als das in Deutschland (1% gegenüber 0,7%). Die Lohnkosten hingegen sind im Süden wesentlich schneller gestiegen, was zu Unterschieden bei den Kostensteigerungen geführt hat, denen man nicht durch Abwertung begegnen kann, solange die Währungsunion Bestand hat.

Solange diese interne Divergenz weiter besteht, kann die Euro-Krise nicht vollständig beigelegt werden, weil die südeuropäischen Länder weiter von Leistungsbilanzdefiziten und/oder schleppendem Wachstum heimgesucht und die Bedenken hinsichtlich der Staatsverschuldung und der Geschäftsbanken anhalten werden.

In diesem Zusammenhang ist Produktivitätswachstum – ob durch technischen Fortschritt, bessere Ressourcenverteilung oder produktive Investitionen – für die südlichen Volkswirtschaften eine ebenso wichtige Variable wie Lohnzurückhaltung. Eine übermäßige Lohndeflation wird wahrscheinlich negative Auswirkungen auf die Produktivität haben. Qualifizierte Arbeitskräfte dürften schneller auswandern und äußerste Sparsamkeit, fallende Preise und hohe Arbeitslosigkeit – und die daraus resultierende Wahrscheinlichkeit sozialer Spannungen – sind nicht gerade förderlich für Investitionen, Innovation und Arbeitskräftemobilität.

Ebenso ist es zwar möglich, die Produktivität zu steigern, indem die Zahl der Arbeitskräfte verringert wird, dies bringt jedoch hohe makroökonomische Kosten in Form von geringeren Einnahmen und höheren Sozialausgaben mit sich. Noch wichtiger ist vielleicht, dass die Wirtschaftspolitik einer Gesellschaft nicht das Selbstvertrauen nehmen sollte; in den von Ökonomen als „Animal Spirits“ bezeichneten Instinkten, Emotionen und im Herdenverhalten im Wirtschaftsgeschehen muss sich Hoffnung für die Zukunft finden.

Aus all diesen Gründen könnten übermäßige Sparsamkeit und Deflation ihrem eigenen Zweck zuwiderlaufen und die Durchführung der „Reformen“ zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der südeuropäischen Länder unmöglich machen. Der richtige Ansatz muss zumutbare Lohnzurückhaltung und geringe (aber nicht negative) Inflation mit einzelwirtschaftlichen politischen Maßnahmen verbinden, die darauf abzielen die Produktivität zu steigern.

Es liegt im Übrigen auf der Hand, dass die nordeuropäischen Länder dazu beitragen könnten die Kluft bei der Wettbewerbsfähigkeit schneller zu schließen, indem sie schnelleres Lohnwachstum fördern. Es ist tatsächlich verblüffend, wie stark politische Entscheidungsträger im Westen sich darauf konzentrieren, China davon zu überzeugen seine Währung aufwerten zu lassen, wenn man bedenkt, dass Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss, gemessen am BIP, heute bedeutend höher ist als das chinesische.

Um die großen Unterschiede bei den Lohnstückkosten auszugleichen, die sich in den ersten zehn Jahren nach der Euroeinführung entwickelt haben, sind somit nicht nur Lohnzurückhaltung und produktivitätsfördernde Reformen im Süden notwendig, sondere auch höhere Lohnzuwächse im Norden. Wenn die Löhne in Deutschland, so eine Simulation, jährlich um 4% steigen würden, anstatt um 1,5% wie in den letzten zehn Jahren, und wenn sich das jährliche Produktivitätswachstum in Spanien auf 2% beschleunigen würde (es lag in beiden Ländern bei annähernd 0,7%), könnte Spanien das Gefälle bei den Lohnstückkosten ausgleichen, das sich gegenüber Deutschland in fünf Jahren seit 2000 entwickelt hat. Die Löhne in Spanien würden um etwa 1,7% pro Jahr steigen.

Dieses Szenario sollte nicht ausgeschlossen sein. Spanien, wo die Löhne in den Jahren 2000 bis 2010 um durchschnittlich 3,4% pro Jahr gestiegen sind, müsste sich in Zurückhaltung üben und außerdem ernsthafte Anstrengungen unternehmen, das Produktivitätswachstum zu beschleunigen. Sinkende Löhne oder eine bedeutende Deflation wären aber nicht erforderlich: Ein Lohnwachstum in Höhe von 1,7% und ein Produktivitätswachstum in Höhe von 2% wären mit einer Inflation nahe Null vereinbar. Ein Produktivitätswachstum in Höhe von historischen 0,7% in Deutschland, verbunden mit einem Lohnzuwachs von 4%, wäre mit einer Inflationsrate von etwas über 3% vereinbar.

Kurz gesagt sind interne Anpassungen in der Eurozone erreichbar, ohne dass es im Süden zu einer gravierenden Deflation kommt, vorausgesetzt, dass sich das dortige Produktivitätswachstum beschleunigt, und dass der Norden seinen Teil beiträgt, indem eine leicht beschleunigtes Lohnwachstum gefördert wird. Der geringere Leistungsbilanzüberschuss, der sich demzufolge für Nordeuropa ergeben könnte, sollte an sich willkommen sein. Wenn der Norden darauf besteht, am geringen Lohnwachstum aus dem Zeitraum 2000-2010 festzuhalten, wären für eine interne Anpassung ein deutlicher Anstieg der Arbeitslosigkeit und Deflation im Süden notwendig, was diesen Prozess schwieriger und vielleicht politisch unerreichbar machen würde.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.

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  1. CommentedProcyon Mukherjee

    The faster wage growth in Germany, while it would augur well to bring down the gap in unit labor cost between the North and South, would impair Germany's competitiveness. The positive fallout would be the growth in the domestic sector and if investment and consumption could be balanced, this could attract movement of goods into Germany from the South as well, provided South could do the opposite. This prescription has one flaw that Germany cannot be the under-writer for drawing all the investment checks for mutual gains, while the losses would not be borne by any of the Southern States, or so it seems.

    Procyon Mukherjee

  2. CommentedZsolt Hermann

    I would disagree with the writer about the primary aspect of the crisis.
    The sovereign debt, banking crisis is just a symptom, like when one becomes feverish with a systematic disease.
    We can treat the fever but if we do not cure the main disease the fever will come back and the patient continues to get sicker and sicker.
    This is exactly what we see, all the stimulus, adjustment, so called solution is concentrated on the financial, banking sector, and after each micro recovery we find ourselves in deeper crisis than before.
    The real problem is the unsustainable nature of our constant growth, expansive socio-economic system, and that in a global, integral, totally interdependent network we still try individual, national, self calculating solutions instead of full integration and truly mutual planning and decision making.
    Unless we "stop for a minute" instead of running around like headless chickens, and start understanding our global system, with all of its conditions, and how natural, unbreakable laws dictate to us how to live in this network, we will exhaust all of our resources and will have no further opportunity to even hope for a better future.
    Despite already having all the necessary objective, factual, scientific information around us we still refuse to look, and in the meantime we are running out of time.

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